Gewaltverbrechen bei Annecy: Vierfachmord soll Tat von Profis sein

Spekulationen über Tatmotiv - Frankreichs Innenminister verteidigt Polizei

Paris - Nach dem Vierfachmord in den französischen Alpen gehen die Behörden davon aus, dass die Tat von einem oder mehreren Profikillern verübt wurde. Die Familienmitglieder im Auto wurden jeweils mit einem Kopfschuss getötet. Nur der Radfahrer, der neben dem Wagen gefunden wurde, wurde mit fünf Kugeln niedergestreckt - was dafür spricht, dass der Mann den oder die Täter überrascht hatte.

Am Mittwoch war in der Nähe von Annecy an der Schweizer Grenze die Leichen einer Familie - ein irakischer Geschäftsmann, seine Frau und seine Großmutter - in ihrem Wagen gefunden worden. Daneben lag ein toter Radfahrer, der in der Gegend gewohnt hatte. Die siebenjährige Tochter der ermordeten Familie überlebte schwer verletzt, ihre vierjährige Schwester blieb unverletzt. Als die Polizei zum Tatort kam, hatten sie das Mädchen zunächst nicht bemerkt, weil sie sich unter den Leichen im Auto versteckt hatte.

Zum Motiv für die Tat gab es am Freitag zunächst nur Spekulationen: Der ermordete Vater, der mit seiner Familie in London gelebt hat, soll in einen Erbschaftsstreit mit seinem Bruder verwickelt gewesen sein. Dieser stellte sich am Freitag umgehend den Behörden und bestreitet jede Beteiligung an der Tat.

Das Mordopfer soll zuletzt als Berater für SSTL gearbeitet haben, ein Tochterunternehmen des Rüstungs- und Luftfahrtkonzerns EADS, dass im Bereich Satelliten tätig ist. Unbestätigten Medienberichten zufolge wurde der Mann 2003 aus Anlass des zweiten Golfkriegs vom britischen Geheimdienst überwacht. Angesichts seiner Tätigkeit in einem strategischen Bereich wäre das allerdings nicht weiter erstaunlich. Zugang zu Rüstungsplänen soll er aber nicht gehabt haben. Laut The Independent soll der Ermordete damals nach Problemen mit dem Regime Saddam Husseins abgereist sein.

Frankreichs Innenminister Manuel Valls verteidigte am Freitag den Polizeieinsatz: Das kleine überlebende Mädchen sei deswegen so lange nicht entdeckt worden, weil die Beamten vorschriftsmäßig auf das Eintreffen der Spurensicherung gewartet hätten. Bei früheren Ermittlungen seien durch unsachgemäßes Vorgehen schon wichtige Spuren vernichtet worden. (brä, DER STANDARD, 8./9.9.2012)

Share if you care