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Hat einen Roman über einen Mann am Nullpunkt der Niederlage geschrieben: Sylvie Schenk.
Eine Liebesgeschichte zwischen Lehrer und Schülerin: Gibt es eine banalere und zugleich riskantere Konstellation für einen Roman? Es gehört eine Portion Mut und Eigensinn dazu, solche Vorgaben zu ignorieren und die Geschichte so zu erzählen, als wäre sie die erste ihrer Art. Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, die zuletzt mit den famosen Romanen "Parksünder" und "Der Gesang der Haut" ihre Begabung für den Glanz des Naheliegenden bewiesen hat, verbindet in "Der Aufbruch des Erik Jansen" das Thema Lebenskrise auf aufregende Weise mit der Frage, was Literatur mit uns anstellt.
Der Punkt, von dem aus der Deutschlehrer Jansen über derlei nachzudenken beginnt, ist ein Nullpunkt, einer der totalen Niederlage. Seine Frau Viola, Lehrerin an derselben Aachener Schule, hat die Scheidung eingereicht, aus profundem Überdruss, aber auch weil sie längst mit Kollege Ingo viel besser harmoniert. Die Geschichte mit Johanna, der ernsthaften, wortkargen Schülerin, ist zu Ende, ehe sie richtig begonnen hat. Trotzdem muss Erik Jansen das katholische St. Theresa Gymnasium verlassen, nach außen hin in allen Ehren. Ist das der Aufbruch des Erik Jansen, ein erzwungener, wie man sagen muss, oder war es bereits das Sichein lassen auf die verstörend kluge Johanna? Aufbrechen tut Jansen jedenfalls auch ganz konkret: Das Abschiedsgeschenk der Lehrerkollegen ist eine Orientreise.
Von ihr erzählt Sylvie Schenk verschränkt mit den Rückblenden in den "Leistungskurs Deutsch", in dem der Ich-Erzähler den Fehler macht, der Klasse, ohne viel nachzudenken, eine Parabel von Kafka vorzulegen: "Der Aufbruch", was sonst. Worauf Johanna, die bis dahin Schweigende, den Aufstand probt, das Selbstverständliche des großen Namens stört sie, "dass wir diese Geschichte unbedingt gut finden müssen". Tatsächlich findet sie sie natürlich auch gut, doch indem sie gegen das Vorgefertigte der Erwachsenenwelt aufbegehrt, nähert sie sich vor allem dem Lehrer - in fünf Interpretationen zum Text, die unter der Hand zum Flirt über Kafka werden: Der Eros des Wortes und das erotische Wort halten sich die Schwebe. Slyvie Schenks unangestrengte Liebeserklärung an die Philologie zeigt zugleich, wie das Leben eines Mannes um die fünfzig aus den Fugen gerät, wie es "von einer literarischen Miniatur radikal umgemünzt" wird.
Dieser Erik Jansen, der gute, der engagierte Lehrer, der sich für einen bloß durchschnittlichen hält, leidenschaftlich nur in seiner Liebe zur Literatur, der vernünftige Ehemann, den seine Frau mit routiniertem Spott nur noch als diskursiven Sparringpartner schätzt - "das große Schauspiel der Ehe nach dem Fußballsport die zweitbeste Methode", sich "selbst zu vergessen" -, er wird von der noch nicht siebzehnjährigen Johanna, um es mit Kleist zu sagen, durch schöne Anstrengung mit sich selbst bekanntgemacht.
Eine Bekanntschaft, vor deren radikalen Folgen er zurückschreckt, was wiederum Johanna verletzt und zu einer Strafmaßnahme bewegt. "Ach, lieber Erik", schreibt sie in ihrer letzten Textanalyse, die zum Brief mutiert: "'Der Aufbruch' ist ein Ruf nach Freiheit, Ihnen aber musste man dazu verhelfen." Und als Jansen, buchstäblich in die Wüste geschickt, sich dort seine Wunden leckt, läuft ihm in der anlehnungsbedürftigen Reisegenossin Mo nique ein waidwundes Reh zu, das seinerseits des Trostes bedarf.
Auch hier geschieht sie wieder: die wundersame Verwandlung des Banalen in das Tragische. Die aufdringliche, erfrischend unbedarfte Blondine, bei der Jansen den Professor Higgins spielen soll, entpuppt sich im Laufe der Erzählung als eine Frau mit Tiefgang und Schicksal: Ihr Mann ist ein Jahr zuvor in eben dieser Gegend Jordaniens verschollen, durch die der politisch undurchsichtige, blendende Redner Omar nun die Reisegruppe führt; noch ein Aufbruch also, und auch die immer sympathischer werdende Monique kommt dem Erzähler am Schluss abhanden.
Mit meisterlicher Präzision versenkt Sylvie Schenk sich in die gekränkte Männerseele, mit viel Witz zeichnet sie den ironischen Blick nach, mit dem der Erzähler seine bieder-verlogene Umgebung, aber durchaus auch sich selbst betrachtet. Hinter seiner rhetorischen Geläufigkeit dämmert immer unabweisbarer die Selbsterkenntnis herauf.
Zwischen der Radikalität des Bruchs, zwischen dem existenziellen Anliegen und der Eloquenz der Erzählung besteht eine gewisse Diskrepanz. Wenn Jansen über die Kardinalfehler seines Lebens grübelt, dann ist seine Sprache wie stets glasklar und geschmeidig, strukturiert, melodiös, schattierungsreich, kompakt. Dieser Mann würde auch über den Weltuntergang schön sprechen. Und letzten Endes geht es um nichts anderes. Wenn Sylvie Schenk von einer Amour fou und den Tücken des Literaturunterrichts erzählt, führt sie in Wirklichkeit parabolisch vor, was Roland Barthes und Maurice Blanchot mit dem Wort vom Verschwinden des Autors im Text gemeint haben, mit der süßen Lust am Untergang. "Wohin reitet der Herr?", fragt der Diener in Kafkas Parabel. "'Ich weiß es nicht', sagte ich, 'nur weg von hier, nur weg von hier.'" Und: "Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise." (Daniela Strigl, Album, DER STANDARD, 8./9.9.2012)
Sylvie Schenk, "Der Aufbruch des Erik Jansen". 19,90 Euro / 167 Seiten. Picus, Wien 2012
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