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Faszination für Grönland: Suhrkamp-Autorin Anna Kim.
Standard: Frau Kim, dieser Tage kommt Ihr neuer Roman in den Handel. Er trägt den Titel "Anatomie einer Nacht" und erscheint bei Suhrkamp, einem der renommiertesten Verlage im deutschsprachigen Raum. Braucht man als österreichische Autorin über kurz oder lang einen deutschen Verlag?
Kim: Ja, obwohl es in Österreich einige engagierte und gute Verlage gibt. Das Problem ist, dass der österreichische Markt klein ist, und die deutschen Leserinnen und Leser erreicht man nun mal über einen deutschen Verlag direkter.
Standard: Und dann ruft man mal eben so bei Suhrkamp an ...
Kim (lacht): Ja, genau. Nein, man lotet aus, reicht ein Manuskript ein, und wenn man so viel Glück hat wie ich, wird es angenommen. Der Rest verläuft sehr unkompliziert.
Standard: Komplizierter sind die Verläufe in Ihrem Roman, in dem elf Menschen in einer Nacht vermeintlich unabhängig voneinander unausweichlich auf den Suizid zusteuern, die Geschichte wird vom Ende her erzählt. Ort der Geschehnisse ist eine grönländische Kleinstadt. Auch schon in Ihrem 2011 bei Droschl erschienenen Essay "Invasionen des Privaten" haben Sie sich mit Grönland befasst. Woher rührt Ihr Interesse an der weltgrößten Insel?
Kim: Mein Bruder war als Kind ein großer Fan von Survival-Handbüchern. Mich, als seine kleine Schwester, hat natürlich alles, was ihn interessiert, auch interessiert. So bin ich das erste Mal überhaupt mit Grönland in Kontakt gekommen, und in dieser Zeit, so meine Theorie heute, muss Grönland in meiner Vorstellung zu einem Sehnsuchtsort geworden sein, denn das ist es noch heute.
Standard: Sehnsuchtsort wofür?
Kim: Das ist gerade das Magische an Sehnsuchtsorten, dass man es letztlich nicht genau benennen kann, wofür sie eigentlich stehen, dass sie mehr ein Versprechen denn ein Einlösen sind.
Standard: Im Roman ist an einer Stelle von "der Sehnsucht, die wir Liebe nennen" die Rede. Vielleicht liegt ja im Wonach der Liebessehnsucht der Schlüssel.
Kim: Zur Liebe oder Sehnsucht?
Standard: Zu beidem.
Kim: Ja und nein. Das ist ja die Crux an der Sache, dass an eben diesem Wonach die meisten Liebesbeziehungen scheitern. Es gibt so viele verschiedene Sehnsüchte, die sich in noch mehr Bedürfnissen äußern. Hier eine Übereinstimmung zu finden, erscheint mir unmöglich, aber vielleicht würde schon die Annäherung an eine Übereinstimmung reichen.
Standard: Von solcherart geglückten Annäherungen sind die meisten Figuren in Ihrem Roman weit entfernt, in mannigfacher Hinsicht ist ihre Liebeserfahrung eine defizitäre. Hat ihr Weg in den sogenannten Freitod damit zu tun?
Kim: Nicht nur. Grönland ist in vielerlei Hinsicht ein Land der Extreme: extreme Distanzen, extreme Isolation, extreme Temperaturen, manche sagen, dass diese Umstände auch die Gefühle extrem erscheinen lassen. Aber mein Buch ist kein Buch über die Liebe.
Standard: Sondern worüber?
Kim: Im Vordergrund steht die Suche nach Antworten, nach möglichen Gründen für die Suizide. Warum brachten sich diese elf Menschen um? Im Hintergrund steht die Frage: Warum ausgerechnet diese elf? Der Verdacht, dass diese Tode zusammenhängen, lässt sich schwer abschütteln. Das war es auch, was das Schreiben spannend gemacht hat: die Verbindung zwischen diesen elf Personen zu finden.
Standard: Der fiktiven Handlung liegt ein reales Ereignis zugrunde, für die fiktiven Orte gibt es reale Entsprechungen, zumindest legt der Text das nahe. Sie haben Monate zu Recherchezwecken vor Ort verbracht - haben Sie denn viel über die Hintergründe dieser Suizide in Erfahrung gebracht?
Kim: Nein, diesbezüglich habe ich sehr wenig herausgefunden. Die Grönländer waren zwar sehr, sehr offen, sie haben gern über alles Mögliche mit mir geredet, aber sobald das Thema auf Suizid kam, war da eine Mauer des Schweigens und das Gespräch mehr oder weniger beendet. Dieses Thema ist in Grönland ein großes Tabu. Wenn darüber gesprochen wird, dann so, als hätten diese Suizide ausschließlich etwas mit den den individuellen Problemen der betroffenen Menschen zu tun, und genau das ist nicht der Fall: Es ist ein gesellschaftliches Problem.
Standard: Dessen Zusammenhänge Sie in der "Anatomie einer Nacht" aufzeigen?
Kim: Zumindest versuche ich aufzuzeigen, wie sie sein könnten, ich sage nicht, dass es so ist. Es ist ein Roman und kein Sachbuch. Zweifellos spielt der Kolonialismus mit seinen Folgewirkungen eine Rolle, also der Identitätsverlust der Inuit, aber auch die sozio-ökonomischen Auswirkungen der Segregation, die durch die Kolonialpolitik eingeführt wurde. Gleichzeitig wird über das Thema koloniale Vergangenheit in Grönland erst jetzt allmählich gesprochen. Die sogenannte koloniale Amnesie erschwert Diskussionen, die meisten Gespräche enden, bevor sie richtig beginnen konnten, weil sich viele Grönländer für das, was sie einmal waren, schämen.
Standard: Welchen Beitrag kann die Literatur zum gelingenden Sprechen, zum Verstehen leisten?
Kim: Im Schreiben erwecke ich die Illusion, dass das Verstehen ein Ende hat. Ich gaukle den Lesern vor, dass es etwas gibt, was sie verstehen können, ich zeichne ein Bild von Zusammenhängen, die die Welt erklären. Diese Täuschung macht die Lektüre angenehm, ich denke auch, dass wir uns gerne täuschen lassen. Aber vielleicht handelt es sich gar nicht um eine Täuschung, sondern ist tatsächlich ein Teil einer Wahrheit.
Standard: Wird der Roman ins Grönländische übersetzt werden?
Kim: Das wird schwierig, der letzte Verlag, der Bücher auf Grönländisch machte, wurde vor kurzem privatisiert und mehr oder weniger aufgelöst. Eine Möglichkeit wäre natürlich das Dänische, aber das hieße auch, dass nur 60, maximal 70 Prozent der Grönländer das Buch lesen könnten.
Standard: Ist die grönländische Buchkultur also am Aussterben?
Kim: Am Aufblühen jedenfalls nicht. Grönländisch zu sprechen ist zwar mittlerweile fast eine Voraussetzung, um als Grönländer akzeptiert zu werden, aber was das Schreiben und Lesen betrifft, ist die Lage eher deprimierend.
Standard: Sie haben - anders als viele jüngere Autorinnen und Autoren - keine Scheu vor explizit politischen Themen. Woher kommt das?
Kim: Eine Unterscheidung zwischen dem Privaten und dem Politischen gibt es für mich nicht; ich finde sie absurd und eigenartig. Das hat vermutlich viel mit meiner Biografie zu tun, in der es diese Trennung nie gab, nicht nur, weil die Geschichten meiner Eltern aus ihrer Heimat stets politische waren, sondern auch, weil meine bloße Anwesenheit in Österreich, auch in Deutschland oder anderen europäischen Städten, immer wieder thematisiert und selten eine Gelegenheit ausgelassen wird und wurde, mich um eine Erklärung, manchmal sogar Rechtfertigung zu bitten, warum ich da bin. Ich habe schon als Kind gelernt, dass meine bloße Anwesenheit nicht einer gewissen politischen Brisanz entbehrt.
Standard: Mögen Sie erzählen, wovon die Geschichten Ihrer Eltern handelten?
Kim: Zum Beispiel von der Situation während des Korea-Krieges, als die nordkoreanischen Soldaten, die das Heimatdorf meiner Mutter eingenommen hatten, praktisch alle Bücher der Bibliothek meines Großvaters zu Klopapier degradierten, wobei viele dieser Bücher, und das wirft wieder ein anderes Licht auf diese Szene, japanische waren.
Standard: Werden Sie irgendwann über Korea schreiben?
Kim: Ja, in meinem nächsten Buch. Ich habe schon mit den Recherchen angefangen, aber bei meinem Schneckentempo wird es wohl ein paar Jahre brauchen, bis das Buch, wieder ein politischer Roman, fertig sein wird. Sie sehen, ich kann es nicht lassen.
Standard: Sie haben eingangs darüber gesprochen, dass die Sehnsucht vielleicht viele Namen hat. Es gibt eine schöne Stelle in den "Invasionen des Privaten", wo sie ganz konkret benannt wird. Ich zitiere: Freiheit in Grönland ist kein Konzept, keine Idee, keine philosophische Theorie, sondern Realität. Freiheit in Grönland kann man atmen, man kann sie riechen, angreifen, sie ist so real, wie Freiheit nur sein kann. Und mit dem Gefühl von grenzenloser Freiheit fühle ich etwas, das ich ebenfalls nur als etwas Flüchtiges kenne, das aber hier länger anhält ...
Kim: ... Stunden, manchmal sogar Tage - Glück.
(Josef Bichler, Album, DER STANDARD, 8./9.9.2012)
Anna Kim : "Anatomie einer Nacht", 19,95 Euro / 303 Seiten, Suhrkamp Verlag 2012
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der allgemeinen Fixierung aufs jugendliche Äußere Rechnung trägt. Jung, weiblich, gutaussehend, dazu ein sprachliches Erscheinungsbild, das beim Lesen keine allzu großen Schwierigkeiten bereitet (letzteres gilt auch für junge männliche Autoren).
In der neueren öst. Literatur - mit Abstrichen - Richard Obermayrs "Das Fenster" oder Peter Truschners "Die Träumer". Dagegen liest sich das meiste (Anna Kim, Clemens Setz, Thomas Glavinic, Julya Rabinovich,...) wie stilbewusster Mainstream, was es zumeist auch ist.
in der Literaturgeschichte "aufgesetzt", "maniriert", "unlesbar" geschimpft hat.;) - Truschner ist (wie Obermayr) an einer ausgeprägt künstlerischen Gestaltung des Materials interessiert, die sich nicht um die Leserbequemlichkeit schert. Den meisten genügt es, eine interessante Geschichte gut zu erzählen, was auch okay ist.
Innovative Kunst hat sich immer gegen diverse Forderungen nach "Balance" oder "Ausgewogenheit" gewandt/wenden müssen. Ohne dieses Wagnis, die ethische oder ästhetische "Balance" zu stören, hätte es weder Kleist und Kafka, Schiele und Francis Bacon, noch Alban Berg und John Cage gegeben. Forderungen nach "Balance" oder "Harmonie" in Bezug auf die Gegenwartskunst sind im Kern konservativ und reaktionär - auch wenn sich die Leute ein solches Urteil in Bezug auf sich selbst natürlich verbitten würden. ;)
Sie können mich natuerlich gerne absichtlich falsch verstehen, nur ist mir schleierhaft, was Sie selbst davon glauben zu haben?
Die Überzeugung, die einzig wahre und moegliche Wahl getroffen zu haben und keinerlei andere stehen zu lassen- das ist das, was ich als erzreaktionär empfinde.
Das ist sicher das erste, woran man denkt, wenn man "Amerika" oder "Das Kalkwerk" liest: wie "ausbalanciert"! ;)
Egal.
Nehmen Sie (nicht nur in meinem Fall...) nicht alles immer so persönlich. Sie sind für mich nur ein virtuelles Textereignis, das es mir ermöglicht, mich im Netz über Sachverhalte auszutauschen.
That's all.
Nun, es wäre sinnvoller gewesen, statt sich mit Satzzeichenkritik aufzuhalten, lieber Ihren Logikfehler zu bearbeiten, der wiegt nämlich schwerer:
Wenn ICH schreibe, etwas sei in Form und Inhalt ausbalanciert (was das Schwerste überhaupt ist) und SIE unter "ausbalanciert" gefällig verstehen,also jegliche Abstraktion in Beurteilung verweigern und an eben der Oberfläche bleiben, die Sie angeblich kritisieren, dann liegt dieses Missverständnis kaum an mir.
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