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Das Hier und Jetzt bedeutet ab und zu ganz, ganz Vorgestriges. Aktuelle Karikaturen bekommen ein "Stürmer"-Motiv-Update. Hakennase geht schon. Hakenkreuz noch nicht. Manche Wiener Polizisten suchen geradezu die Erleuchtung durch Verharren in diesem Hier und Jetzt, während ihnen das Samsara unbarmherzig entgegenschlägt.
Sie sind so fest dabei, sich aus dieser Welt hinwegzumeditieren, vermutlich in eine bessere, in der das Lamm neben dem Löwen liegt, dass antisemitisches Pöbeln eines Fußballfans an ihrer Wahrnehmung vorüberzieht. Die Pöbelei endet - nicht sehr überraschend - mit Hitlergruß samt obligaten Heilwünschen. Eine strafbare Handlung.
Der angepöbelte Rabbiner wird jedoch gleich von mehreren Gruppen vor Ort dienstschiebender Beamter abgewiesen. Später wird eine Stellungnahme oft zitiert: Das Nichteingreifen sei Deeskalation. Das verbreiteten einige begeistert in öffentlichen Foren weiter, garniert mit eigenem Senf: Die Juden würden sowieso unangenehm auffallen. Seit Jahrhunderten. Sie bräuchten sich nicht zu wundern.
Ich fühlte mich sofort erwischt. Seit Jahrhunderten pflege ich also - ich zitiere - "jüdisches Geschäftsgebahren", deswegen darf ich wohl auf offener Straße angegriffen werden, während die anwesenden Beamten überzeugend den Hans-guck-in-die-Luft geben. Das Verhalten ist nicht neu. Bei der Demo gegen den staatstragend in der Hofburg gefeierten WKR-Ball der ganz taufrisch neuen Juden streckte einer den pensionierten SPÖ-Politiker Konecny mit einem Schlagring direkt vor den weit offenen Augen der Polizisten nieder. Der Täter durfte gehen. Dafür verweigerten die Beamten den Anruf bei der Rettung.
Im Unterschied zu Berlin, wo das Verprügeln eines Rabbiners zu Massensolidaritätsbekundungen führte, wird in Österreich ab und zu gerne vermittelt, dass das Opfer der eigentliche Täter sei. Ausgesprochen wird es noch nicht. Nur angedeutet. Nicht die Wölfe reißen die Schafe. Vielmehr sind es die Schafe, die mit ihrem provokativen Spazieren auf der Weide die Wölfe herausfordern, sie zu überfallen. Das gerissene Schaf ist auch noch so gerissen, Schutz und Hilfe zu begehren. Dem lässt sich aber gut vorbeugen. Durch energiesparendes Stillhalten z. B.
Wenn das Verweigern von Hilfe eine neue Deeskalationsstrategie der Polizei darstellt, gäbe es noch mehr kostensparende Anwendungsmöglichkeiten: Bei Raubüberfällen ein kräftiges "Stehenbleiben!", das der Beamte am besten gleich selbst befolgt. Bei gewalttätigen Ausschreitungen am Fußballplatz wartet man das Survival of the Fittest ab. Den Sieger lässt man laufen. Die anderen kann man einsammeln und verhaften. Kein Risiko. Viele Volltreffer. Geiz ist geil. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 8./9.9.2012)
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