Mobile Dating: Apps verändern die Partnersuche

7. September 2012, 11:08

Via Grindr können sich Homo- und Bisexuelle gegenseitig per GPS orten und verabreden

Eine neue sexuelle Revolution kommt über das Handy. Via Smartphone chatten immer mehr Männer, die auf Männer stehen, mit Gleichgesinnten in ihrer direkten Umgebung - mit Hilfe GPS-basierter Dating-Dienste. Sie zeigen an, in wie vielen Metern Entfernung sich ein möglicher Partner aufhält. Schnell kann die Kommunikation hier sehr offenherzig werden. Treibt das standortbezogene Mobile-Dating jetzt auch das Privatleben von Heterosexuellen zu mehr Gelegenheitssex?

"Schwules Einwohnermeldeamt"

Das Internet hat die Potenziale des Liebeslebens radikal verändert. Vorreiter waren viele Schwule, weil die Suche im Web gerade für eine Minderheit bequemer ist als im Offline-Leben. Vor genau zehn Jahren kam beispielsweise Gayromeo auf den Markt. Das Portal, scherzhaft als "schwules Einwohnermeldeamt" tituliert, schuf eine vielseitige Parallelwelt.

Eine neue Dimension bringt jetzt die Verbindung ortsbezogener Dienste mit Sozialen Netzwerken. Diese Location-Based Social Networks heißen zum Beispiel Scruff, Jack'd, Bender oder Nearox. Letzteres ist ein Hamburger Startup und gibt aktuell seine User-Zahl in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit etwa 70.000 an. Das größte Netzwerk dieser Art, das sich an Homo- und Bisexuelle wendet, heißt Grindr. Es ging im März 2009 online.

16.000 Mitglieder in Österreich

Inzwischen nutzen mehr als vier Millionen Menschen auf der ganzen Welt die Grindr-App, allein in den USA sind es nach Angaben des Unternehmens etwa 1,6 Millionen, in Deutschland etwa 100.000, die meisten von ihnen in Berlin, München, Köln und Frankfurt. Top-Städte weltweit seien London, New York, Paris, Chicago und Los Angeles, heißt es. In der Schweiz machen gut 30.000 mit und in Österreich etwa 16.000.

Mit Grindr auf dem Smartphone gestaltet man sich ein knappes Profil: Spitzname, Angaben zur Person wie Beziehungsstatus, Alter, Größe und natürlich ein Foto - da ist es besonders angesagt, mit dem iPhone und nacktem Oberkörper vor dem Spiegel zu posieren.

Geht man online, sind Dutzende Profile zu sehen. Man kann viele Bildchen ansehen und Messages schreiben. Ein Symbol zeigt, wer gerade ebenfalls im Netz ist. Die Kontaktaufnahme ist locker: "Hey sexy", "300m - wo bist du gerade?", "Worauf stehst du?". Man kann Leute speichern, aber auch blocken. Das Ganze ist gratis, Grindr finanziert sich über Werbeanzeigen und Premiumdienste, die es gegen Aufpreis gibt.

"Mit der intimen Handhabung auf dem Handy wird der männliche Spieltrieb und Jagdinstinkt gereizt."

"Jeder Mann, der merkt, dass er schwul ist, fragt sich bald, ob jetzt gerade in diesem Augenblick um ihn herum noch andere Leute so fühlen wie er", meint Grindr-Gründer Joel Simkhai, der 1976 in Tel Aviv geboren wurde, bei New York aufwuchs und seine Firma nun in Los Angeles betreibt. Seine App hält er für die Erfüllung eines Menschen-Traums. Das Coming-out sei oft immer noch ein einsamer Prozess, doch Internet und Smartphone seien hilfreich.

Nutzer wie Matthias (36) in Hamburg sehen dennoch Probleme: "Mit der intimen Handhabung auf dem Handy wird der männliche Spieltrieb und Jagdinstinkt gereizt. Doch Dating dieser Art vermittelt auch eine Illusion. Man glaubt immer, noch jemand Besseres kennenlernen zu können." Ständig schlage einem die App neue Leute vor. "Auf die Dauer entsteht eine Sammelwut, man wird faul und zu anspruchsvoll."

Vor einem Jahr, im September 2011, brachte Simkhais Firma zusätzlich das Netzwerk Blendr auf den Markt, das sich nicht nur an gleichgeschlechtlich Orientierte richtet und betont, für freundschaftliche Kontakte entwickelt worden zu sein. Aber natürlich können es Frauen und Männer nutzen, wie sie wollen. Nutzerzahlen werden keine bekanntgegeben. Aber Deutschland sei unter den Top-Ten-Märkten, heißt es. Doch ein Blick zeigt: Nur wenige Frauen sind dort online.

Apps

Zahlen zum Gesamtmarkt des Mobile Datings gibt es kaum. Laut einer Studie von "Dating-Vergleich.de" vor ein paar Wochen flirten in Deutschland bereits eine Million Menschen mobil. Dies könne man schätzen, wenn man die Download-Zahlen von Apples AppStore und dem Android-Store Google-Play sowie mobile Abrufstatistiken der führenden Dating-Anbieter zusammenrechne. Neben den genannten Apps sind auch die Portale von Badoo, Lovoo und FriendScout24 beliebt.

Mobile Dating steckt noch in den Kinderschuhen, wie Karolina Schaefer von "Dating-Vergleich.de" sagt. Manche Apps seien technisch noch nicht ausgereift. Sie prophezeit trotzdem: Da Smartphones immer beliebter werden, und dank Foursquare und Co. die Hemmung abnehme, den eigenen Standort preiszugeben, werde die neue Technik in den kommenden Jahren die Partnersuche extrem verändern. (APA, 07.09. 2012)

Link

Grindr

Share if you care
11 Postings
Grindr

Na dann hoffe ich für die Nutzer zumindest, dass der Name nicht Programm ist... xD

bin zwar nicht konservativ

aber diese apps und seiten bringen einen wertverfall. ich hab nichts gegen sexuelle freiheiten, jeder kann sich austoben und muss selbst wissen, was gut für ihn/sie ist. als user, der sicher schon 4 jahre einen account bei gayromeo hat, habe ich aber gemerkt, dass diese seiten gerade junge männer dazu verlocken ihr leben mit one-night-stands zu füllen. die, die noch beziehungen wollen, sind nach einigen jahren vergebener suche frustriert und kaum noch fähig jemanden vertrauen zu können, oder überhaupt bindungen einzugehen. so melancholisch das klingen mag: das wirklich wichtige - liebe - rückt immer mehr in den hintergrund.

Als ich Jugendlicher war, hat man die Papiertonnen neu eingeführt. Was für ein Paradies! Tonnenweise konnte man Beate-Uhse-Versandkataloge daraus fladern, ganze Jahrgänge an Hustler und Penthouse und ÖKM.

... könnte es sein, dass der "Wertverfall" schon viel älter ist? Dass etwa die "Krone" schon vor 40 Jahren immer mehrere Seiten mit Anzeigen von Huren hatte, dass das ÖKM enorm erfolgreich war -- und dass sich halt jetzt das Medium weg vom bedruckten Papier zur interaktiven Handy-App ändert?

der vergleich hinkt

es macht einen unterschied, ob reale personen dahinter sind, die man tatsächlich treffen kann, oder ob man seine ersten sexuellen phantasien durch ein magazin ausschmückt. ich habe auch prinzipiell kein großes problem mit den pornos im internet, die heute hustler und co ablösen.

Da stand auch "ÖKM", die kennst aber schon noch, oder?

Die Technik erleichtert das ganze zwar, aber sie ist sicher nicht die Ursache. 

Die Schwulenszene hat schon immer einen sehr lockeren Umgang mit Sex gehabt und wenn Man auf Events wie Queer:Beat oder so geht merkt man dass der Anteil der Leute die mit jemandem im Bett landen signifikant höher ist als bei ner vergleichbaren heterosexuellen Veranstaltung. 
Das liegt wahrscheinlich daran, dass Männer relativ locker und unkompliziert mit Sex umgehen und dass bei homosexuellem Sex oft nicht so sehr der unbedingte Zwang zu penetrativem Geschlechtsverkehr besteht wie bei heterosexuellem. 

Wie auch immer, was ich sagen will ist, dass das Internet eine schon immer bestehende Tendenz verstärkt, sie aber nicht bewirkt. 

Das Problem ist eben dass ma

vielleicht haben auch die nichtschwulen oft einen ziemlich verkrampften umgang mit und bisweilen sogar einen intoleranten zugang zu sex … so seh ich das halt

grindr ist noch schlimmer wie romeo!

dort gibts keine ausführlichen profiltexte sondern nur online-status-texte, diese grenzen schon an rassismus: "no black's", "xxl only!!", "no asians!!" solche texte sind die regel und nicht die ausnahmen! in einschlägigen urlaubsregionen (zB sitges) sitzen die jungs nur mit grindr am smartphone in der disco, anstatt die menschen direkt anzusprechen. mich wunderts dass es bis 2012 dauerte, dass sich ein journalist diesem thema annimmt.

ich kann Ihnen diesbezüglich nur zustimmen! Vor allem die Partnersuche ist zu diesen Zeiten (besonders in größeren Städten) schon schwer, wenn nicht sogar unmöglich.

Unsere aktuelle "Spaßgesellschaft" wird sich nachhaltig nur selber schädigen.

"Früher war alles einfacher, da gabs nur das Stadtparkklo", oder wie?

früher gab’s viele klos – fünferloge, schwenderloge … was weiß ich, wieviele noch. ich war in sowas noch nicht mal zum sch***

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.