Herrn Klitschkos höflichster Herausforderer

  • Soll ich anfangen oder Sie, Herr Klitschko?

  • Manuel Charr stellt sich bei David Haye vor.

  • Manuel Charr in Aktion gegen Danny Williams.

  • Von der Straße für die Straße.

In seinem vielleicht letzten Kampf trifft Vitali Klitschko am Samstag in der Moskauer Olympia-Halle auf den Deutschen Manuel Charr, am Spiel steht der WBC-Weltmeistertitel im Schwergewicht - "Jung, aggressiv und stark", sagt der Titelverteidiger, "Fallobst", meinen die anderen

Wien - Ob sich Manuel Charr nach jedem Schlag bei Vitali Klitschko entschuldigen wird? Im Gegensatz zu seinen englischen Kollegen David Haye und Derek Chisora ist der 27-Jährige aus Köln nämlich ein ausgesprochen höflicher Mensch. "Soll ich anfangen oder Sie, Herr Klitschko?", fragte Charr seinen 41-jährigen Kontrahenten beim ersten gemeinsamen Auftritt im Fernsehen. Antwort bekam er keine, also ergriff er doch noch das Wort, um über sein Idol, Herrn Klitschko, zu sprechen.

Der WBC-Weltmeister hat schon viele kommen und liegen sehen. Mit Freundlichkeiten kann man den älteren der beiden Klitschko-Brüder nicht um den Finger wickeln: "Wir sollten uns nicht siezen, sondern duzen. Wir müssen sprechen. Aber nicht mit Worten, sondern mit den Fäusten." Jung, aggressiv und stark nennt Klitschko seinen Gegner. "Fallobst" zu sagen, wäre vor dem Kampf wohl kontraproduktiv. Dieses Wort benutzen ohnehin schon Experten und Medien.

Große Statistik, mittelmäßige Gegner

30.000 Zuseher werden am Samstag (22.10 Uhr/RTL) in der Moskauer Olympia-Halle erwartet, erstmals tritt der Herausforderer vor einer derartigen Kulisse an. In 21 Profikämpfen blieb er, den sie "Diamond Boy" nennen, bisher unbesiegt. Derer elf wurden vorzeitig durch K. o. entschieden. Die Statistik mag furchteinflößend klingen, ein Blick auf die Liste der Gegner lässt aber nicht nur Boxlaien weitgehend ratlos zurück. Ein Sieg gegen den Briten Danny Williams geht als Referenz durch.

Auch beim Namen Manuel Charr klingelt es nicht unbedingt sofort. Nicht einmal bei der schwergewichtigen Konkurrenz. Als der "Koloss von Köln", wie man ihn ebenfalls nennt, bei einer Pressekonferenz von David Haye vorstellig wurde, um dem Engländer ein baldiges Knockout anzukündigen, musste sich dieser erst einmal erkundigen, wer der Herr mit dem festen Händedruck denn überhaupt sei. Die wenigsten hätten ihm weiterhelfen können.

Der Junge von der Straße

Im Libanon geboren, kam Charr als Fünfjähriger auf Asylsuche mit seiner Familie nach Deutschland. Sein syrischer Vater fiel 1987 im Bürgerkrieg. 16-jährig fing er mit dem Sport an, 2005 landete über den Umweg Kickboxen schließlich bei den Profis. Ein Jahr später wurde er wegen des Verdachts auf versuchten Totschlag verhaftet, ein Mann wurde mit einem Messer schwer verletzt. Nach zehn Monaten in Untersuchungshaft wurde Charr freigesprochen.

Auch die Konflikte mit der Justiz stärken seinen Ruf als "Junge von ganz unten". Das boxerische Pendant zu den längst im Establishment angekommenen Klitschkos. Einer, der sich von der Straße nach oben gekämpft hat, und nun die Chance seines Lebens wahrnehmen will. Eine kolportierte Börse von rund 200.000 Euro soll die finanziellen Probleme des verschuldeten Boxers lösen, eine Einbauküche für die Mutter wäre auch nicht schlecht. Und nebenbei will der Linksausleger seinen Gegner bei allem Respekt in Rente schicken: "Ich bin die Zukunft, für Klitschko wird es der letzte Kampf."

Klitschkos letzter Kampf?

Klitschko, der am 28. September mit seiner Partei ins ukrainische Parlament einziehen könnte, will erst nach dem Kampf über eine Fortsetzung seiner Karriere nachdenken. Er wird diese Entscheidung wohl als amtierender WBC-Weltmeister treffen, denn selbst Charr weiß: "Das wird keine einfache Sache. Aber das Leben ist auch nicht geschenkt." (Philip Bauer, derStandard.at, 7.9.2012)

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