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Michael Geldmacher und Eva Paster glauben nicht an Megatrends, sondern an viele einzelne nebeneinander.

Regal "Blio" für Kristalia

Regal "Random" für MDF Italia

Sessel "Elephant" für Kristalia

Hocker "Kya" für "Frei Frau"

Tisch "Abra" für B-Line
Sommer 2012. Die neuen Räume des Neuland-Studios sind hell und schlicht. Halbfertige Sesselmodelle reihen sich gegenüber langen Tischen vor der Fensterfront. Draußen im Hinterhof wachsen Rosmarin, Kiwis und Himbeeren in Töpfen: nur ein Hinweis auf Natursinn und Bodenständigkeit der Designer. Eben das zeichnet auch deren Arbeit aus. Beide sind außerdem begeisterte Bergsteiger, eine Berghütte in Tirol gibt's noch dazu.
Auf dem heurigen Mailänder Salone del Mobile heimste das Duo viele Komplimente ein; das französische Interior-Magazin Ideat zählte sie neben Grcic und Aisslinger zu den Säulen des neuen deutschen Designs. Seit die beiden 2005 richtig durchstarteten, haben wenige Entwürfe gereicht, diesen Ruf zu festigen.
Darunter: preisgekrönte Modelle wie das Regal "Random" für MDF Italia oder Kasten "Reef" für Interlübke, Letzteren erklärte Wallpaper zum "Kasten des Jahres 2011". Oder der markante "Elephant Chair" für Kristalia, der subtil an die Silhouette eines Dickhäuters erinnert. "Einen Stuhl zu entwerfen ist Königsdisziplin und Spielwiese zugleich. Er ist Skulptur. Und Selbstausdruck des Designers, weil er freiere Formen als ein Kastenmöbel erlaubt", sagt Michael Geldmacher. Aber braucht die Welt denn einen weiteren Stuhl zu den unzähligen, die es bereits gibt?" "Na ja", grinst Eva Paster, "vielleicht sind unter den vielen nur fünf bequeme. Und wir bauen gerade den sechsten!"
Für wirklich eigenständige Entwürfe sei freies Denken wichtig, sind sich Neuland sicher. "Mehrere Interessen sind wichtig", sagt Eva Paster, Jahrgang 1971, die nach dem Designstudium an der Hochschule München eine Ausbildung als Heilpraktikerin absolvierte. Teampartner Michael Geldmacher, Jahrgang 1968, studierte Philosophie und Tontechnik, bevor er auf Design umsattelte und beim Studium auf seine Partnerin traf. Seit 1997 arbeiten sie zusammen. Beiden ist ein konzeptioneller Ansatz wichtig: "Wenn das Konzept passt, sucht es sich das Material dazu", stellt Geldmacher immer wieder fest.
"Ausgang für ,Reef' waren Licht und Schatten", erzählt Eva. Das Ergebnis: ein Schrank mit rhythmisch gestalteten Fächern, Vorsprüngen und Nischen, der von gehabten Sichtweisen völlig abrückt. Eine "Kriegserklärung an die Front der Schrankwand" nennt Michael das Modell. "Daneben schauen wir auf die Gesellschaft", erklärt Eva. Was die will? "Keine starken Ästhetizismen, keine strammen Korsette", so die Antwort. "Jetzt in der Finanzkrise steht für uns die Sinnfrage ganz vorn. Wir brauchen Natürlichkeit und Langlebigkeit, wie es zum Beispiel das Material Holz bietet." Barhocker "Kya", entworfen für "Frei Frau", verkörpert dieses Credo. Das 2012 gegründete Label hat sich Möbel mit "femininer Note" auf die Fahne geschrieben. Wie das funktioniert? Nicht mit Blümchenmustern, wie es Wohnjournale gern propagieren. Sondern natürlich im Neuland-Stil, und das heißt: handwerklich und in gewohnt klaren, ausgereiften Formen. Der Ledersitz bekam eine schwungvolle Linie, dazu eine Kontrastnaht - und unter der Sitzfläche einen Haken für die Handtaschen der Ladys.
"Wo die Idee für ein Modell beginnt? Bei uns selbst", beschreibt Eva Paster den Designprozess. Ihr Partner sagt: "Im Grunde haben sich die Bedürfnisse der Menschen nicht wirklich geändert, aber jede Zeit hat ihren ästhetischen Ausdruck." "Was brauche ich, was nicht - lautet meine Grundfrage", sagt Paster. "Natürlich überprüfen wir dann, ob die Umgebung ebenso empfindet." Dogmen fliegen da schnell mal über Bord, Typologien ebenso. "Design heißt, neu rangehen und improvisieren können", ergänzt Geldmacher. Wen wundert's: Markttendenzen spielen für Neuland keine Rolle. "Megatrends gibt's eh nicht mehr", glauben die Designer, "stattdessen viele einzelne." Wie zum Beispiel den Trend zu flexibel-transportablen Möbeln? Die beiden zählen nicht zu den Fans von Instantlösungen. Sie denken an Stadtnomaden, mobile Lebensläufe und modulare Programme.
Einhellig sind die beiden nicht immer - im Gespräch wie im Denken. Aber sie nutzen das Potenzial, das darin liegt, und kultivieren die Fähigkeit, aus konträren Standpunkten Neues zu entwickeln. Das dann umso hieb- und stichfester ist, mal vier Beine hat, mal eine Rückwand und peu à peu auch den Rest der Welt überzeugt. Sie zeigen, dass es geht: Linie haben, ohne stromlinienförmig zu sein. Bis vor kurzem unterrichteten beide übrigens als Dozenten an der Hochschule. Jetzt erlaubt das die Auftragslage nicht mehr.
Das Coole an Neuland? Dass sie es nicht sind. Stattdessen gehören eine Portion Diskutieren und tägliches "Iconoclasting" zum Programm. "Man muss sich nicht allen Gesetzen beugen", sagt Michael und lässt Revoluzzergeist durchklingen. Die Auftraggeber schätzen genau das. Zum Beispiel der Querdenker Nils Holger Moormann, für den sie Schrank "K1" und Regal "Insert Coin" mit seinen originellen Steckfächern ablieferten. Auch die jüngst lancierte Neuinterpretation eines Hüttenbetts für Magazin spricht diese Designsprache.
Aktuell in Arbeit haben die beiden eine Garderobe für Kristalia, eine Küche für Bulthaup sowie Büromöbel. "Kastenmöbel entwerfen wir nach wie vor", erklärt Eva. Und künftig? "Emotionalere Dinge wie Stühle, Tische, Betten. Wie sollen wir wissen, wie unser Stil ist, wenn wir ihn nicht ausprobieren?" Auf der Suche - und trotzdem angekommen, das trifft die identifizierbare Handschrift der Designer am besten. Die auch gern mal nachgeahmt wird. Aktuell hat ein großer Baumarkt eine Do-it-yourself-Version von "Random" rausgebracht. Nicht der erste Versuch eines Plagiats. Doch die Neuländer amüsiert Kopiertwerden eher, als dass es sie aufregt. Woran man Neuland-Entwürfe erkennt? "Am Spiel mit Traditionen und Proportionen", sagt Eva Paster. Das ist richtig, aber nicht alles. Vielleicht ist es ein Stück Identität, das aus den Modellen mitschwingt. Neuland Industriedesign, so nannte sich das Duo anfangs. Den Zusatz "Industriedesign" hören sie inzwischen nicht mehr so gern. Man könnte ihn ja auf "Neuland ID" einkürzen - ID wie Idee. (Franziska Horn, Rondo, DER STANDARD, 7.9.2012)
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