Kapitalflucht bringt Spanien an den Abgrund

Verbindlichkeiten sind im Eurosystem auf 408 Milliarden Euro angeschwollen

Will die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen in den Krisenländern stabilisieren, dürfte sie ziemlich tief in die Kasse greifen müssen. Darauf lassen die hohen Geldabflüsse in den vergangenen Monaten schließen. Laut einer Berechnung der Großbank Nomura hat sich vor allem die Flucht aus spanischen Wertanlagen von April bis Juni dramatisch beschleunigt. Demnach sind im vergangenen Quartal 50,2 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts in dieser Periode abgeflossen.

Damit hat sich die Situation im Vergleich zum ohnehin schon schwarzen ersten Quartal deutlich verschärft, als 38,2 Prozent des BIPs dem Land entzogen wurden. Dabei handelt es sich um drei Trends, die dem Land zu schaffen machen: Ausländische Investoren trennen sich von spanischen Wertpapieren, Spanier verschieben ihr Vermögen ins Ausland, und Gläubiger aus anderen Staaten liquidieren ihre lokalen Forderungen.

Damit wird Spanien endgültig zum Hotspot der Eurokrise. In Italien werden zwar ebenfalls Abflüsse verzeichnet, diese sind aber mit 15 Prozent des BIP im Verhältnis deutlich geringer. Dazu kommt, dass sich die Lage in Italien zu stabilisieren scheint, während sie in Spanien eskaliert. Für Madrid rächt es sich, dass insbesondere die Staatsfinanzierung viel stärker von ausländischen Investoren abhängt als in Rom.

Schlimmer als Indonesien

Nomura bezeichnet die Entwicklung als besorgniserregend. Die Analysten glauben nicht, dass Spanien ohne volles Hilfsprogramm über die Runden kommen wird, derzeit will es Madrid ja bei einem reinen Bankenpaket ohne Auflagen belassen. Dazu wird auch ein Vergleich mit der Asienkrise in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre angestellt: Indonesien, das von den einstigen Tigerstaaten am meisten unter Geldabflüssen litt, verzeichnete in der ärgsten Phase eine halb so hohe Kapitalflucht wie zuletzt Spanien.

Klar sind aus Sicht von Nomura auch die Auswirkungen auf das Eurosystem insgesamt. Die hoch negative Zahlungsbilanz Spaniens wird darin durch Forderungen der anderen Notenbanken ausgeglichen. Der Negativsaldo des Landes ist mittlerweile auf den Rekordwert von 408 Milliarden Euro angeschwollen. De facto haftet die Deutsche Bundesbank für die Verbindlichkeiten Madrids. Ohne die Stützung durch die Währungsunion würde das Land "mit Sicherheit bereits eine große Währungskrise durchmachen", heißt es in dem Report. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 7.9.2012)

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