Routine des Schmachtens und Grenzen der Akrobatik

Richard Strauss' "Arabella" unter der Regie von Sven-Eric Bechtolf

Wien - Die Telefone in den Staatsopernbüros müssen heißgelaufen sein in den letzten Tagen: Krankheitsfälle, Absagen, Einspringer für Einspringer sorgten gleich bei den ersten Aufführungen der neuen Saison für eine Welle von Umbesetzungen - und das bei Produktionen, die auch so schon mit einer Reihe von Debüts aufgewartet hätten.

Der Arabella von Richard Strauss bescherte die Erkrankung von Daniela Fally ein ungeplantes Hausdebüt bei der an sich kleinen Partie der Fiakermilli, die allerdings auf dem Ball des zweiten Akts einen buchstäblich halsbrecherischen Auftritt hat. Fally hatte daraus regelmäßig einen einsamen Höhepunkt früherer Vorstellungen gemacht - inklusive Spagat an einer der schwierigsten Stellen und blendendsten Koloraturen.

Ganz so akrobatisch zeigte sich das neue Ensemblemitglied Íride Martínez da nicht, bewältigte aber den vokalen Drahtseilakt mehr als passabel. Szenisch freilich stößt die Regie von Sven-Eric Bechtolf mit ihren vielen psychologisierenden Details im Repertoirebetrieb an natürliche Grenzen - vor allem bei jenen, die nicht von Anfang an dabei waren.

So kann nicht bei allen die Rolle in so einem Ausmaß zur zweiten Haut werden wie bei Wolfgang Bankl, schon der Waldner in der Premiere im Jahr 2006, der auch noch in dieser 31. Aufführung beherzt zwischen Komik und väterlicher Güte vermittelte.

Die Protagonistin stattete Camilla Nylund mit jener statischen Aura der Heiligen aus, welche die Story verlangt - und mit stimmlicher Geschmeidigkeit der Sonderklasse. Ihrem Gegenüber als grobschlächtigem Mandryka gab der bewährte Tomasz Konieczny einmal mehr wuchtig-verletzliche Gestalt.

Zwei neue Stimmen für das zweite Liebespaar: Ileana Tonca legte Arabellas Schwester Zdenka so burschikos an, wie es deren Verkleidung als Bub gut anstand. Die Fülle einer Genia Kühmeier besitzt sie zwar nicht, aber in den letzten Jahren hat sie deutlich an Flexibilität gewonnen. Und Herbert Lippert schmetterte ihren Geliebten Matteo mit Wucht und gab ihn mit existenzieller, zerschmetterter Verzweiflung (an der sich nur Maske und Kostüm ein wenig rieben).

Wenig Reibungsverlust war hingegen im Graben zu beklagen: Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst sezierte die Partitur in gewohnt akribischer Weise und betonte, wie es schien, stärker auch ihre dunklen Seiten. Freilich hatte dabei noch das ausgiebigste orchestrale Schmachten und Schwelgen einen Hauch von Routine und Gewohnheit.     (Daniel Ender, DER STANDARD, 7.9.2012)

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