Späte Geburt hat keinen negativen Einfluss auf Kindergesundheit

  • Für die zukünftige Gesundheit der Kinder dürfte nicht das Alter der Mutter, sondern vielmehr ihre formale Bildung ausschlaggebend sein.
    foto: apa/barbara gindl

    Für die zukünftige Gesundheit der Kinder dürfte nicht das Alter der Mutter, sondern vielmehr ihre formale Bildung ausschlaggebend sein.

  • Der Krankheits-Index erwachsener Kinder steigt rapide an, je älter die Mutter bei der Geburt war (türkise Kurve). Bereinigt man die Daten aber um die tatsächlichen Effekte - Bildung und das Alter, in dem das Kind die Mutter verliert - bleibt die Kurve für höhere Mütteralter viel flacher (blaue Linie). Für Mütteraltersgruppen ab 35 Jahren ist der Anstieg (gestrichelter Teil) statistisch nicht mehr signifikant.
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    grafik: max-planck-institut für demografische forschung

    Der Krankheits-Index erwachsener Kinder steigt rapide an, je älter die Mutter bei der Geburt war (türkise Kurve). Bereinigt man die Daten aber um die tatsächlichen Effekte - Bildung und das Alter, in dem das Kind die Mutter verliert - bleibt die Kurve für höhere Mütteralter viel flacher (blaue Linie). Für Mütteraltersgruppen ab 35 Jahren ist der Anstieg (gestrichelter Teil) statistisch nicht mehr signifikant.

Zweifel an Zusammenhang zwischen Alter der Mutter bei der Geburt und späterer Gesundheit ihrer Kinder

Rostock - Bisher wurde angenommen, dass der erwachsene Nachwuchs spät gebärender Mütter häufiger krank ist, weil der Körper der Frau zum Zeitpunkt der Geburt schon abgebaut hat - etwa weil aus Altersgründen die Eizellen schlechter oder die Plazenta schwächer geworden sind. Auf die spätere Gesundheit der Kinder scheint aber nicht das Alter der Mutter Einfluss zu nehmen, sondern vielmehr ihre Bildung und die Anzahl der Jahre, die sie noch mit ihrem Kind gemeinsam erlebt. Das ergab eine aktuelle Studie, die Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock mit den Daten von über 18.000 US-Amerikanern durchführte.

Spät schwanger: als Erwachsene nicht kränker

Nach Myrskyläs Berechnungen sind Kinder, deren Mütter bei Geburt 35 bis 44 Jahre alt waren, als Erwachsene nicht häufiger krank als jene von 25- bis 34-jährigen Müttern. "Es ist zwar weiterhin richtig, dass im fortgeschrittenen Mütteralter die Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten und Krankheiten wie das Down-Syndrom ansteigt, für das Erwachsenenalter der Kinder scheint eine frühe Mutterschaft aber bedenklicher zu sein als eine späte", sagt Demograf Myrskylä. Kommen die Kinder zur Welt, bevor die Mutter 25 wird, so Myrskyläs Analyse, sind sie später kränker, sterben früher, werden weniger groß und sind öfter übergewichtig.

Der Max-Planck-Forscher kam zu diesen Ergebnissen, indem er die Gesundheitsdaten der Amerikaner um jene "Einflüsse" bereinigte, die einen negativen Effekt des fortgeschrittenen Mütteralters aufweisen - nämlich formaler Bildungsstand und Lebensspanne der Mutter. Rechnete er diese Faktoren nicht heraus, waren die erwachsenen Kinder wirklich kränker, wenn die Frauen später Mutter wurden: Der Nachwuchs von 35- bis 44-Jährigen schien dann über zehn Prozent mehr von Krankheiten betroffen zu sein als der von 25- bis 34-Jährigen.

Scheinkorrelation

In der bereinigten Analyse schrumpfte der Krankheitseffekt auf unter fünf Prozent. Gleichzeitig verlor er seine statistische Signifikanz. Der schädliche Effekt des steigenden Alters für Mütter bis 45 Jahre löst sich damit quasi in Luft auf. "Unsere Daten legen nahe: Was auf den ersten Blick aussieht wie der negative Einfluss eines fortgeschrittenen Mütteralters, ist ein Scheineffekt, hinter dem tatsächlich steckt, welchen Bildungsstand die Mutter hat, und in welchem Alter das Kind die Mutter verliert", sagt Myrskylä.

Für adoleszente Mütter ergibt sich ein anderes Bild: Je jünger das Gebäralter der Frauen war, desto kränker wurde der Nachwuchs. So lag die Krankheitsrate unter den Kindern der 14- bis 19-jährigen Müt­tern um 15 Prozent über jener der 25- bis 34-Jäh­rigen. Das Ergeb­nis ist signifikant, und ändert sich nicht, wenn man den Bildungsstand der Mutter oder andere Störfaktoren heraus rechnet.

Haupteinflussfaktor: Formale Bildung

Entscheidend für die spätere Gesundheit der Kinder waren die formale Bildung der Mutter, und wie viele Jahre sie mit ihrem Kind noch zusammen erlebte: Je früher ein Kind seine Mutter verlor, desto kränker wurde es später. Das könnte an der psychischen Erschütterung durch den frühen Verlust der Mutter liegen, und/oder daran, dass sie das Kind kürzer wirtschaftlich und sozial unterstützen konnte, so die Schlussfolgerung des Demografen.

Myrskylä betont, dass die meisten Analysen auf diesem Gebiet Frauen einbeziehen, die im frühen 20. Jahrhundert geboren wurden. Vor hundert Jahren starben die Menschen aber viel früher als heute, und das Risiko, jung ein Waise zu werden, war deutlich höher. Seitdem ist die Lebenserwartung vor allem in den entwickelten Ländern stark gestiegen und die Generationen erleben viele Jahrzehnte gemeinsam. Das Risiko, früh die Mutter zu verlieren, ist darum für heutige Kinder kaum mehr relevant.

Umkehrung der Verhältnisse

Heute noch entscheidend ist hingegen die formale Bildung der Mutter. Forschungsarbeiten belegen: Je schlechter ihre Ausbildung, desto kränker sind die erwachsenen Kinder. Gleichzeitig galt im frühen 20. Jahrhundert, dass weniger gebildete Eltern relativ lange weitere Kinder bekamen, während die besser gebildeten sozialen Schichten im höheren Alter weniger Kinder in die Welt setzten. So entstand der Trugschluss, ein höheres Mütteralter wäre schädlich. Gegenwärtig hat sich der Zusammenhang zwischen Mütteralter und Bildung umgekehrt, denn besonders höher gebildetere Frauen gründen später eine Familie als jene mit geringer formaler Bildung.

Diese Ergebnisse sind für Mikko Myrskylä ausreichend, um Entwarnung zu geben: "Zumindest was die spätere Gesundheit der Kinder angeht, brauchen wir uns um das momentan steigende Alter der Mütter nicht zu sorgen." (red, derStandard.at, 6.9.2012)

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