Die Schwarzen Pharaonen des Nordsudan

Im Nordsudan, einst Teil des ägyptischen Pharaonenreiches, gibt es mehr Pyramiden als im heutigen Ägypten und besuchte Tempel und Pharaonen-Gräber

Es ist still an diesem Morgen. Nur ein paar Sandkörnchen treibt der Wind geräuschlos über die Zeltveranda, lässt sie neben den Stühlen tanzen. Nachts hatte er Krach gemacht, die dunklen Stoffbahnen knattern lassen, ist mit Böen durchs Camp gerauscht. Jetzt ist es also mucksmäuschenstill, und wenn gleich der neue Tag über die ockerfarbenen Berge klettern wird, dann werden sie im Morgenlicht erstrahlen: die Pyramiden von Meroe - die Grabstätten der Schwarzen Pharaonen in Nubien, gut 800 Kilometer südlich der heutigen ägyptischen Grenze, gut tausend Kilometer südlich des Assuan-Damms.

Was jetzt der Norden des Sudan ist, war vor 3000 Jahren Teil des Reiches der Pharaonen. Die alten Ägypter haben ihre Spuren beiderseits der heutigen Grenze hinterlassen - mit dem Unterschied, dass die Tempel und Pyramiden im Sudan über Jahrhunderte nahezu unberührt geblieben sind. Südlich des Nasser-Stausees gibt es dann auch mehr erhaltene Pyramiden als in ganz Ägypten, rund hundert allein in Meroe.

Zehn Fremde am Tag am Tempel von Mussawarat - das sind viele. Zwei Dutzend vor der gerade restaurierten Widder-Sphingen-Allee von Naga? Es muss Hochsaison sein. Drei Dutzend Ausländer binnen eines Tages im Pyramiden-Feld von Meroe? Kaum erklärlich, wo die plötzlich alle hergekommen sein sollen. Die meiste Zeit kann jeder allein mit Blick auf die Reliefs von Amun oder dem löwenköpfigen Gott Apedemak, von Isis und Osiris Zwiesprache mit dem Gestern halten.

Der Sudan ist touristisches Neuland und taucht erst jetzt in den ersten Katalogen von Afrika-Spezialisten und Studienreiseveranstaltern auf - mit Rundreisen zu den kaum besuchten Stätten der dunkelhäutigen Pharaonen der 25. Dynastie, mit Expeditions-Touren im Geländewagen quer durch die Bayuda-Wüste zu den Königsgräbern von El Kurru und den Pyramiden von Nuri.

Die Besucher aus der Ferne sind hochwillkommen - weniger der Militärdiktatur in Khartoum, eher den einfachen Leuten, den Menschen auf den Straßen, auf den kleinen Nilfähren und vor den Tempeln. "Weil ihr ein Fenster aufstoßt und dadurch frische Luft hereinweht", sagt ein Gemüsehändler auf dem Markt in Shendi, 30 Kilometer südlich der Pyramiden von Meroe. "Weil eure Anwesenheit beweist, dass man uns draußen nicht vergessen hat. Dass die Welt herschaut." Er strahlt. Der nächste Satz bleibt sicherheitshalber unausgesprochen, weil man nie weiß, wer zuhört: Weil Diktator Omar al Bashir mit seinen Bürgern anständiger umgeht, solange Zuschauer da sind. Er legt die rechte Hand auf sein Herz und sagt "Salam Aleikum". Ein anderer klopft den Fremden für keine andere Leistung als die bloße Anwesenheit auf die Schulter. "Good to have you here. Welcome to Sudan", sagt er.

Manches Detail hat die Wüste im Laufe der Jahrtausende von Tempeln und Pyramiden geschrubbt, vieles der Sand begraben. Anderes haben Grabräuber zerstört. Doch die Hieroglyphen in Meroe sind so seltsam klar wie zwei Fahrtstunden weiter südlich in Naga und Mussawarat, sehen aus wie gestern gemeißelt - und sind bis heute nicht vollständig entziffert. Die Pyramiden könnten vorgestern errichtet worden sein - von denselben Menschen, die heute unten am Nil mit Holzpflügen und Muskelkraft ihre Äcker bewirtschaften, ihre Häuser aus Lehm bauen und scheinbar dem Alten Testament entsprungen sind.

Außerhalb der Zeiten

Diesen Nachmittag kommen rechtzeitig zum Sonnenuntergang ein paar von ihnen mit einem Unimog angeschaukelt. Gut zwei Dutzend Männer und Frauen springen von der Ladefläche, hocken sich in den Windschatten der größten Pyramide, singen und musizieren im Sand - mit Tamburinen, Flöten, Saiteninstrumenten. Die Ersten tanzen - und winken die ausländischen Besucher heran. "Kommt her, macht mit", soll das heißen. Und bald feiern alle zusammen.

Die Fremden vergessen zu fotografieren - und stattdessen überwindet eine junge Sudanesin ihre Schüchternheit, knipst die Urlauber mit ihrem Fotohandy, zeigt die Bilder stolz herum - und kichert. Seit kurzem gibt es ein fragiles Mobilfunknetz im Nil-Tal - und wer es sich leisten kann, für den ist ein erstes Handy der ganze Stolz.

Die Besucher der Zukunft werden sich die Ausgrabungsstätten mit vielen anderen teilen und vor den Tempeln und Gräbern Schlange stehen müssen wie in Ägypten. Jetzt haben sie die Schätze noch für sich allein, können den Wächter im Dorf El Kurru bitten, gegen ein Trinkgeld die Königsgräber aus dem 9. vorchristlichen Jahrhundert aufzuschließen. Das dauert jedes Mal, weil fünf Vorhängeschlösser ein bisschen Geduld erfordern und nicht jeder Schlüssel auf Anhieb passt.

Drinnen riecht es nach dem Muff der Jahrtausende - doch viele Treppenstufen tiefer erstrahlen die Grabmalereien im Lichtkegel einer Taschenlampe in reinstem Rot und Gelb, marschieren Hieroglyphenfiguren in klarsten Farben auf weißem Grund Richtung gemalter Sonnenscheibe: Als sei all das erst gestern angebracht worden. Ein paar Kilometer weiter schläft seit bald 2700 Jahren der mächtigste der Schwarzen Pharaonen. In der größten Pyramide von Nuri am Ostufer des Nils ist der dunkelhäutige Herrscher Taharqa bestattet. Einst regierte er nilabwärts vom ägyptischen Karnak aus sein riesiges Reich. Und würde er aufwachen - er könnte inzwischen aus der Ferne den Muezzin zum Gebet rufen hören.

Sein in dunklen Granit gehauenes Ebenbild wacht in Überlebensgröße im Eingangsbereich des sudanesischen Nationalmuseums in Khartoum und trägt bis heute die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten. Zu seinen Füßen treibt der leichte Wind ein paar Sandkörnchen vorbei - wie vor 3000 Jahren. So, als wäre nichts geschehen. Ganz so, als existierte in diesem Land manches völlig außerhalb der Zeiten. (Helge Sobik, Rondo, DER STANDARD, 7.9.2012)

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