Schatten über dem großen Motivator

Die Träume von 2008 sind vorbei. Barack Obamas größter Feind ist nicht Mitt Romney, sondern die Lethargie in seinem eigenen Lager. Diese muss er auf dem Parteitag mit einer mitreißenden Rede brechen.

Wäre Barack Obama ein Basketballcoach, würde er den Stand des Duells ums Weiße Haus vielleicht mit folgenden Sätzen beschreiben. "Wir sind im vierten Viertel. Noch liegen wir um ein paar Punkte vorn, aber die andere Mannschaft holt auf, und manchmal spielt sie ein wenig grob. Einige von uns sind angeschlagen, aber ich glaube, sie werden das Letzte aus sich herausholen. Auf geht's, es sind nur noch sieben Minuten."

Nun, Obama ist Basketballcoach, samstags, wenn er die Schulmannschaft seiner jüngeren Tochter Sasha trainiert. Und die oben zitierten Sätze stammen tatsächlich von ihm. Mit ihnen hat er neulich vor Spendern den Ernst der Lage umrissen, die Aufholjagd Mitt Romneys in den Umfragen, die finanzielle Überlegenheit republikanischer Sponsoren, das erloschene Feuer der Begeisterung in den eigenen Reihen.

Wenn man so will, ruft er seine Partei auf dem Nominierungskongress in Charlotte zu einer Auszeit an den Spielfeldrand, um die Mannschaft einzustimmen auf die härteste Phase der Partie, die zwei verbleibenden Monate bis zum Votum am 6. November. Am Donnerstag muss er im Bank of America Stadium, der Football-Arena der Carolina Panthers, die beste Motivationsrede seiner Laufbahn halten. In Denver, wo er vor vier Jahren feierlich zum Kandidaten gekürt wurde, ebenfalls in einem Stadion, hatte er vor einer bombastischen Kulisse aus scheinantiken Säulen gesprochen. Diesmal dürfte die Optik bescheidener ausfallen, nicht nur, weil Romney bereits spottete, die Architektur griechischer Tempel passe sehr gut zum Schuldenmacher Obama.

Euphorischer Jubel, das Markenzeichen von Denver, würde in Charlotte unpassend wirken. Der Teig der Hoffnung, sagen Strategen, geht nicht zweimal auf. Statt Aufbruchsstimmung zu schüren, muss Obama um Geduld bitten. Er muss eine Mehrheit der Amerikaner davon überzeugen, dass ihr Land noch tiefer in die Krise gerutscht wäre, hätte seine Regierung nicht ein 787 Milliarden Dollar teures Konjunkturpaket geschnürt. Dass es dauert auf dem Weg zurück nach oben, aber dass sein Weg der richtige ist. Es gibt drei Millionen mehr Arbeitslose als Ende 2008, der Staatsschuldenberg ist um fünf Billionen Dollar angewachsen, das durchschnittliche Haushaltseinkommen hat sich um fünf Prozent verringert.

Als er seinen Amtseid leistete, befand sich die Wirtschaft im freien Fall. Allein im Jänner 2009 gingen 800.000 Jobs verloren, ein Tempo, das an die Große Depression mit ihrer Massenarbeitslosigkeit denken ließ. Die Immobilienpreisblase war geplatzt, mit Lehman Brothers einer der Riesen der Wall Street kollabiert, Chrysler und General Motors steuerten in Detroit auf die Pleite zu.

Detroit, für Obamas Team ist es ein Name voller Symbolik. Steuergelder bewahrten die Autofabriken vor dem Ruin, eine der wenigen Erfolgsgeschichten in vier schweren Amtsjahren. Kaum zufällig ist es ein Geistlicher aus Detroit, ein Bischof der griechisch-orthodoxen Kirche, der im neonblauen Ambiente der Time Warner Cable Arena jenes Eröffnungsgebet spricht, das zu amerikanischen Parteitagen gehört wie die rot-weiß-blauen Luftballons. Detroit, es ist die Chiffre für den handelnden Staat, für langen Atem. Romney hatte empfohlen, die maroden Firmen bankrottgehen zu lassen. Obama sah es anders.

Nicht überzeugend

Nur überzeugt es die Wähler nicht, wenn ihr Staatschef sagt, es hätte alles noch schlimmer kommen können, hätte sein Kabinett nicht gegengesteuert. Es klingt zu hypothetisch. Dass das Weiße Haus auf die Totalopposition der Republikaner verweist, trifft zwar einen neuralgischen Punkt. Aber es lässt auch zu sehr an einen Blick in den Rückspiegel denken. Shannon Love zum Beispiel interessiert viel mehr, was der Präsident für die Zukunft anbietet.

Shannon Love, 25, gerade mit dem Studium der Politikwissenschaften fertig geworden, 20.000 Dollar Kreditschulden und keine Aussicht auf einen ordentlich bezahlten Job. 2008 hat sie sich freiwillig gemeldet, um für Obama Flugblätter zu verteilen. 2012 spricht sie resigniert von der Apathie ihrer Generation. "Damals träumten wir von Utopia. Wandel, alles wird sofort besser, vereint packen wir es. Aber dann wachst du auf, es gibt immer noch Demokraten und Republikaner, und beide verstehen einander nicht." Die Lethargie der Jungen, Jay Leno, der Late-Night-Talker, hat sie zugespitzt: "Ist ja klar, dass sich Obama auf die Erstwähler konzentriert. Wer zum zweiten Mal wählt, den lässt er inzwischen kalt."

"Fired up - ready to grill"

Nur zeigt allein die Optik des Parteikongresses, dass es viel zu früh und auf alle Fälle falsch wäre, den Entzauberten bereits abzuschreiben. In Tampa, bei den Republikanern, hatten weiße Gesichter die Szenerie geprägt. In Charlotte sind die Vereinigten Staaten von Amerika versammelt, Weiße, Schwarze und Latinos, deutlich mehr Studenten und deutlich mehr Frauen. "Fired up - ready to grill", steht auf Barbecue-Schürzen, die zu den Rennern der Souvenirläden im Kongresskeller zählen. Das Feuer von 2008, soll der Spruch signalisieren, wird noch einmal entfacht. Einstweilen klingt es nach Wunschdenken. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 6.9.2012)

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