"EZB-Verluste bedrohen ihre Unabhängigkeit"

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  • Ökonom White: "Wenn Insolvenz das Problem ist, verschieben Finanzspritzen das Problem nur."
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    Ökonom White: "Wenn Insolvenz das Problem ist, verschieben Finanzspritzen das Problem nur."

Der Trend zur ultralockeren Geldpolitik führe zu neuen Blasen und belaste die Sparer, meint Experte William White

Kurzfristige Rettungsmaßnahmen durch die Zentralbank begrüßt Experte William White. Der Trend zur ultralockeren Geldpolitik führe aber zu neuen Blasen, falschen Investitionen und belaste die Sparer. Andreas Schnauder fragte nach.

 

STANDARD: Nun versucht die Europäische Zentralbank, die Eurokrise mit Staatsanleihenkäufen in den Griff zu bekommen. Wird die erwartete Maßnahme die gewünschten Effekte bringen?

White: Es gibt gleich eine ganze Anzahl an Herausforderungen, und die Eurozone muss alle bewältigen, wenn sie ihr Haus zusammenhalten will. Bis jetzt wurde viel getan, um ein Desaster zu verhindern, aber man hechelte den Entwicklungen immer hinterher. Wir brauchen eine Kombination aus mehreren Dingen. Kurzfristig muss klar gesagt werden, dass man einen von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen ausgelösten Run auf eine Bank oder einen Staat nicht akzeptieren wird.

STANDARD: Also sind Sie für die Wiederaufnahme des Programms?

White: Rettungsschirme und die Europäische Zentralbank sind dazu da, gegen Marktfehler aufzutreten. Langfristig stellt sich die Frage nach mehr Europa. Dabei geht es um Bankenunion, Fiskalunion, ein Minimum an politischer Union. Zudem braucht man strukturelle Anpassungen wie eine glaubwürdige Haushaltskonsolidierung und Maßnahmen zur Erhöhung des Wachstums.

STANDARD: Und wie beurteilen Sie die Erfolge der Eurozone bei den strukturellen Fragen?

White: Es wurde mehr Fortschritt erzielt, als die Leute realisiert haben. Ich denke, wir kommen langsam zu dem Punkt, an dem das Vertrauen wiederhergestellt ist. Aber es ist wichtig, dass alle Herausforderungen simultan bewältigt werden. Es reicht nicht zu sagen, die EZB schreitet ein. Das bringt nur Liquidität, aber keine Solvenz. Dazu bedarf es struktureller Anpassungen und weiterer Umschuldungen.

STANDARD: Was passierte, wenn die EZB auf Dauer Feuerwehr spielen muss, weil die tiefergehenden Probleme nicht gelöst werden sollten?

White: Wenn sie das nicht als langfristiges Solvenzproblem sehen, bleibt die EZB auf einem Berg fauler Kredite sitzen. Das wirft eine Reihe von politischen Fragen auf, in die die EZB nicht verwickelt werden will. Wenn die Zentralbank mit ihren Operationen hohe Verluste einfährt, ist das eine Bedrohung ihrer politischen Unabhängigkeit, weil die Regierungen die EZB rekapitalisieren müssen und Gegenforderungen stellen könnten. Das ist fraglos eine große Gefahr.

STANDARD: Kann die lockere Geldpolitik Finanzmärkte und Konjunktur stabilsieren?

White: Wenn Insolvenz das Problem ist, verschieben neue Liquiditätsspritzen nur das Problem. Eine lockere Geldpolitik führt zudem zu Kreditblasen und zu falschen Investments. Zudem werden Haushalte und Sparer durch niedrige Zinsen beeinträchtigt. Die Abkehr von ultralockerer Geldpolitik ist gar nicht so leicht, wie das Beispiel Japans seit zwei Jahrzehnten zeigt. Zentralbanken zögern, die Zinsen zu erhöhen, solange das Wachstum unterdurchschnittlich bleibt. Und Staaten mit nicht nachhaltigen Schuldenniveaus sind ohnehin auf niedrige Zinsen angewiesen.

STANDARD: Bei der EZB verpuffen viele Maßnahmen nach kurzer Zeit, warum sind andere Notenbanken erfolgreicher?

White: Wenn man glaubwürdig genug ist, die Versprechen einzuhalten, muss man gar nicht handeln. Dann müsste die EZB gar keine Risiken eingehen. Es besorgt mich seit einiger Zeit, dass durch die halbherzigen Maßnahmen von EZB oder EFSF die Investoren nur abverkaufen, weil kein Vertrauen geschaffen wird. Verglichen damit reichte das Versprechen der Schweizer Notenbank, einen Kurs von Franken zum Euro festzulegen. In der Zwischenzeit sorgte die Unsicherheit in der Eurozone allerdings dafür, dass die Schweizer Notenbank von den Investoren zusehends gefordert wird.

STANDARD: Zuletzt sorgte eine Studie für Aufregung, wonach die Einkommen in Österreich seit Euroeinführung stark gesunken seien. Wie beurteilen Sie das?

White: Die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung hat in den letzten 30 Jahren überall zugenommen, in Nordamerika, Russland, China oder Europa. Dass das irgendetwas mit dem Euro zu tun haben sollte, glaube ich keine Sekunde, das ist ein weltweites Phänomen.

STANDARD: Sie haben die Größe der Banken kritisiert. Wie weit ist die Staatengemeinschaft gekommen, um derartige Auffangaktionen einstellen zu können?

White: Wir müssen die Frage der Größe und Komplexität der Banken viel stärker thematisieren. Und da sind wir bei der Macht und der Lobby der Finanzindustrie. Sie gibt Riesensummen aus, um an Insiderinformationen zu kommen, um Regulierung zu ihren Gunsten zu verändern. Wenn die Banken vorher schon too big to fail waren, sind sie das nach den ganzen Fusionen jetzt erst recht. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 6.9.2012)

Person William White machte 2003 von sich reden, als er US-Notenbankchef Greenspan öffentlich vor einer Kreditblase warnte und die Gefahr einer Finanzkrise immer wieder thematisierte. Der damalige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich präsidiert heute einem OECD-Komitee. Begonnen hat Ökonom White in der kanadischen Notenbank.

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White: Die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung hat in den letzten 30 Jahren überall zugenommen, in Nordamerika, Russland, China oder Europa. Dass das irgendetwas mit dem Euro zu tun haben sollte, glaube ich keine Sekunde, das ist ein weltweites

Unsinn. In Griechenland, Spanien, Italien war die Entwicklung der Einkommen positiv. Der EURO führt zu einer Angleichung im Euro-Raum auf mittleres Niveau. Arbeiter und Angesellte reicherer Staaten verlieren, die ärmerer Staaten gewinnen. Das kann man gut oder schlecht finden, den EURO als Grund zu leugnen ist nicht zielführend.
Daneben gibt es noch weltweit die Arm-reich Shcere die aufgeht, ok, daran ist der Euro nicht schuld, wohl aber die weltweit ungezügelten Finanzmärkte...

Angleichung Einkommen

Das glaube ich eigentlich nicht. Ich habe das Gefühl, die Einkommen, auf jeden Fall die Mindesteinkommen, gleichen sich nicht an und verändern sich kaum. Andererseits haben sich Preise intensiv angeglichen. Dies fuehrte in weniger wirtschaftsstarken Euro-Ländern zu einer starken Kaufkraftverringerung.

Mr- White argumentiert über die Banke bzw. um die Ecke.

Er setzt einen Fall x voraus, und sagt uns was dann passieren könnte.

Zuletzt sorgte eine Studie für Aufregung, wonach die Einkommen in Österreich seit Euroeinführung stark gesunken seien. Wie beurteilen Sie das?

White: Die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung hat in den letzten 30 Jahren überall zugenommen, in Nordamerika, Russland, China oder Europa. Dass das irgendetwas mit dem Euro zu tun haben sollte, glaube ich keine Sekunde, das ist ein weltweites Phänomen.

Das war nicht die Antwort auf die Frage

dieses interview zeigt die völlige ratlosigkeit der zunft der ökonomen. einerseits soll die ezb keine ultralockere geldpolitik fahren, andererseit hat sie in der vergangenheit zu zögerlich agiert und muss endlich ein zeichen setzen.

dann sollen die haushalte konsolidiert, aber gleichzeitig wachstumsimpulse gesetzt werden. was soll denn dann bitte praktisch gemacht werden? ein mittelweg? die bisherige krisenmaßnahmen könnte man als mittelweg bezeichnen, nicht das eine und nicht das andere tun und wenn wieder feuer am dach ist, neu bankenrettungsmaßnahmen.

in seinem letzten absatz muss man white aber voll zustimmen.

Nicht die Ratlosigkeit per se, sonder die Ratlosigkeit....

..wegen fehlender Erfahrungen mit derartigen Problemen begründet die Ratlosigkeit. Nur bei den Wirtschaftwisssenschaften ist es mögllch, für zwei konträre Meinungen/Theorien den Nobelpreis zu erhalten.

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