Intellektuell sein mit Prolo

  • Lena Wicke-Aengenheyster in der prämierten Performance "Was uns bewegt. 
Über Texte und andere Körper" von Lilo Nein.
    foto: olivia jaques

    Lena Wicke-Aengenheyster in der prämierten Performance "Was uns bewegt. Über Texte und andere Körper" von Lilo Nein.

Der Wiener Künstlerin Lilo Nein erhält den diesjährigen H13, den Niederösterreich-Preis für Performance

Die prämierte Aufführung "Was uns bewegt. Über Texte und andere Körper" ist am Donnerstag im Kunstraum zu sehen.

Wien - Der H13-Performancepreis, den der Kunstraum Niederösterreich jährlich und jetzt zum sechsten Mal verleiht, ist keine Auszeichnung für gutes Betragen in der Öffentlichkeit. Die erste Preisträgerin 2007 war Roberta Lima mit ihren subkutanen Körperanwendungen. Oder die vierte Jakob Lena Knebl, auch nicht gerade zimperlich in den performativen Formulierungen. Und im Vorjahr trug das Duo Dolce und Afghaner (Djana Covic und Fahim Amir) unter Polizeischutz die mit 2000 Euro dotierte Ermutigung heim. Der Boulevard hatte für die nötige Empörung gesorgt.

Die diesmal geehrte Künstlerin wird wohl keine Kommentare der FP-Kunstspezialistin Heidemarie Unterreiner kassieren. Denn Lilo Nein, geboren 1980 in Wien, deren Performance Was uns bewegt. Über Texte und andere Körper heute im Kunstraum zu sehen ist, bedient sich eher subtiler künstlerischer Methoden. So richtig aufgefallen ist Nein alias Marlis Reissert 2009 mit Selbst übersetzen, einem "Performance-Lesebuch zum Aufführen". Dafür hat sie dreißig Kollegen eingeladen, je einen Performance-Entwurf zu liefern. Es folgten Johanna Kirsch und Carola Dertnig ebenso wie etwa Roberta Lima oder der deutsche Künstlerzwilling deufert + plischke, Ralo Mayer und Bojan Djordjev.

Für Nein gibt es zwischen einem Text bzw. einer Partitur für eine Aufführung und der Aufführung selbst keinen graduellen Unterschied. Denn wenn es einen wie auch immer gearteten Text gibt, aus dem eine Performance entsteht, dann bedeutet das "aus ... entsteht" eine Übersetzung vom einen ins andere Medium. Und schon Walter Benjamin hat festgestellt, dass jede Übersetzung eine eigenständige Form darstellt.

Es ist schon eine zarte Ironie zu spüren, wenn Lilo Nein, die in Wien und Hamburg Kunst und Choreografie studiert hat, sich als "angehende Prolointellektuelle" bezeichnet. Da sie sich bereits in ihrem " Performance-Lesebuch" als sehr theoriefirm vorgestellt hatte, wollte sie in ihrem neueren Band Wer spricht in der Performance? Die abwesende Autorin (Revolver 2011) noch eines drauflegen. Dem Buch mit Beiträgen von Simone Forti, Jérôme Bel, Ivo Dimchev, Jakob Lena Knebl u. a. ist ein schmales Heftchen beigelegt: Darin findet sich nicht weniger als ein " Manifest der zeitgenössischen Autor_in". Ein sehr lesenswerter Text, aber auch eine neckische Referenzenschleuder, in der die Verfasserin wichtiges Kulturgut nachweist: zum Beispiel die Einsicht, dass autonomes Schaffen eine Illusion und jegliches Original ein Phantasma ist.

Unterstützt davon hat es Lilo Nein leicht damit, eine Ausstellung Wir sind der Text. Die Körper des Publikums zu nennen, wie jüngst in der Vereinigung der bildenden Künstler, oder To Insist on Performance auszurufen wie in der Künstlerhaus-Passage. Denn sie weiß, was sie tut. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 6.9.2012)

6.9., 19.00

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2 Postings
Affige Ausdruckweise

"Subkutane Körperanwendung" für "unter die Haut gehende Tanzvorstellung" ... affiger geht's kaum beim intramuskulären Sprachgebrauch.

das sind halt künstler...

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