Theresienstadt: Wechselvolle Geschichte mit offenem Schlusskapitel

  • Roland Wildberg & Uta Fischer: "Theresienstadt - Eine Zeitreise", Wildfisch Verlag, Berlin 2011. 368 Seiten, € 30,70.
    foto: wildfisch verlag

    Roland Wildberg & Uta Fischer: "Theresienstadt - Eine Zeitreise", Wildfisch Verlag, Berlin 2011. 368 Seiten, € 30,70.

Uta Fischer und Roland Wildberg erinnern an die einstige Garnisonsstadt der Habsburger, die später zum KZ-Standort wurde und heute verfällt

Berlin - Die größte Gedenkstätte der Tschechischen Republik bedarf dringender Sanierung: Der ehemalige KZ-Standort Theresienstadt, das heutige knapp 3.000 Einwohner zählende Terezín, ist seit 2010 zum UNESCO-Weltkulturerbe nominiert, doch die noch aus den Zeiten der Monarchie stammenden Bauten benötigen dringend eine neue Nutzung, wie die Stadtplanerin Uta Fischer und der Journalist Roland Wildberg in ihrem Buch "Theresienstadt - eine Zeitreise" schreiben.

Mit dem Namen Theresienstadt verbindet sich in erster Linie die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg. Doch das südlich des Elbsandsteingebirges unweit der deutschen Grenze gelegene Städtchen wurde im 18. Jahrhundert als befestete Garnisonsstadt der Habsburger-Monarchie zur Abwehr der Bedrohung aus Preußen gebaut. Sie wurde nach der Landesherrin Maria-Theresia benannt und unter ihrem Sohn und Nachfolger Josef II vollendet. Die Festung wurde jedoch nie in Kampfhandlungen verwickelt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Festungsbauweise aufgrund der Weiterentwicklung der Waffentechnik nicht mehr zeitgemäß, zu Ende des Jahrhunderts wurde Theresienstadt zu einer zivilen Stadt.

Von den Nazis umfunktioniert

Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in die Tschechoslowakei 1939 wurden die Besatzer auf die in sich geschlossene Anlage der Stadt aufmerksam, die sich als riesiges Gefängnis "anbot". Deshalb wurde die große Festung zu einem jüdischen Ghetto ausgebaut. In die Bauten der kleinen Festung am anderen Ufer des Flusses Eger zog ein gefürchtetes Gestapo-Gefängnis ein.

Theresienstadt wurde zum Durchgangslager für tschechische Juden. Bis zu 58.000 Menschen wurden in die alten k. und k.-Kasernenbauten gepfercht, wo vorher nur rund 7.000 Soldaten und Zivilisten gelebt hatten. Fast 33.500 Menschen starben hier, teils aufgrund der unmenschlichen Behandlung, teils aufgrund sich ausbreitender Seuchen und Krankheiten, weil es die SS absichtlich an allem Lebensnotwendigem mangeln ließ. 

Zahlreiche Österreich-Bezüge hat die Stadt aus jener Zeit, bevor sie von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht wurde, aber auch aus der Ghettozeit selbst: So etwa saß der Attentäter des Thronfolgerpaars, der Serbe Gavrilo Princip, hier ein und starb dort nach drei Jahren aufgrund der unerträglichen Haftbedingungen in den feuchten Gewölben. Die drei SS-Kommandanten des NS-Lagers stammten allesamt aus Niederösterreich.

Nachkriegszeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg fungierte die Kleine Festung vorübergehend als tschechisches "Internierungslager". In diesem wurden bis 1948 mehr als 3.500 Personen, zumeist deutschsprachige Böhmen, festgehalten, die aus der Tschechoslowakei vertrieben werden sollten. Über 500 Gefangene sollen das Lager nicht überlebt haben.

Nach dem Krieg zog neben Zivilbevölkerung auch wieder Militär in die großen Bauten der rasterförmig angelegten Stadt, die von Wällen, Bastionen und Gräben umgeben ist. Erst nach der Wende kam das Ghetto wieder ins allgemeine Bewusstsein, nach der Jahrhundertflut von 2002 auch die gesamte, aus der Monarchie stammende Stadtstruktur.

Zukunftspläne

Nun sollen universitäre Einrichtungen in die von Kasernenbauten dominierte architektonisch und historisch bedeutende Festungsstadt einziehen, berichten die Verfasser des Buches, Uta Fischer und Roland Wildberg. Doch viele der Gebäude verfallen. "Heute wirkt die Stadt teilweise unbewohnt. Militärgebäude und Flächen sind verwaist, was zunehmend auch zu einem Problem für das Stadtbild wird", schreiben die zwei Autoren. (APA/red, derStandard.at, 7. 9. 2012)

Share if you care