Mit offenen Augen schlafen?

  • Der Mensch schläft mit geschlossenen Augen. Das hat seine triftigen Gründe.
    foto: dpa/matthias hiekel

    Der Mensch schläft mit geschlossenen Augen. Das hat seine triftigen Gründe.

In zahlreichen Eltern-Kind-Foren wird berichtet, dass Babys mit offenen Augen schlafen

Nicht nur der Mensch, so gut wie alle Tiere brauchen Schlaf. Selbst Vögel, Fische, Stubenfliegen und Motten zeigen zumindest ein schlafähnliches Verhalten. Das Wie ist dabei so unterschiedlich und vielfältig wie die Natur selbst. Während Giraffen nur etwa zwei Stunden Auszeit pro Tag benötigen, verbringen Fledermäuse bis zu 20 Stunden im Ruhezustand. Fische schlafen mit offenen Augen, Delfine schließen in ihren Erholungsphasen nur ein Auge. Schließlich muss eine Gehirnhälfte immer aktiv bleiben, ansonsten würden sie ertrinken. Aber auch Stockenten besitzen die Fähigkeit zum "Halbhirnschlaf", wenn sie einen Platz am Rand der schlummernden Gruppe einnehmen. Mit ihrem wachsamen Auge schützen sie nämlich nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Sippe.

Gruseliges Phänomen

Der Mensch schließt hingegen beide Augen, will er sich ins Land der Träume begeben. So ist es zumindest üblich. In einschlägigen Eltern-Kind-Foren wissen Mütter und Väter allerdings von sehr eigentümlichen Schlafgewohnheiten ihrer Sprösslinge zu berichten. So schreibt "Prinzessin11" auf netmom.de: "Meine kleine Maus ist zwei Wochen alt, und irgendwie schläft sie sehr komisch. Mir ist so etwas bei meinen anderen Kindern nie aufgefallen, aber wenn sie schläft, dann hat sie meist die Augen offen. Manchmal auch so richtig auf, und dann kullern die Augen umher. Das sieht echt manchmal gruselig aus."

Werner Sauseng, Leiter des Schlaflabors an der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, will derartige Beobachtungen nicht teilen. "Ich kann mich in meiner beruflichen Laufbahn an keinen Fall erinnern, wo ein Säugling zumindest mit teilweise geöffneten Augen geschlafen hätte. Eigentlich gibt es so etwas unter gesunden Kindern nicht", ist der Oberarzt überzeugt. Schließlich übernehme das Lid eine Schutzfunktion, und die Augen würden ohne obligates Blinzeln einen Schaden nehmen beziehungsweise austrocknen.

"Bei Kindern, die aus Gründen der Nervenversorgung - beispielsweise durch eine Fazialisparese (Gesichtslähmung, Anm.) - es nicht schaffen, die Augen im Schlaf ganz zu schließen, kann dieses Phänomen allerdings sehr wohl beobachtet werden", ergänzt Sauseng. In solchen Fällen muss abends eine Salbe aufgetragen werden, die das Auge über Nacht feucht hält.

Auf das Sehzentrum kommt es an

Der Mediziner räumt allerdings ein: "Es ist es vollkommen normal, dass sich während der REM-Phase, in der die Augen hin und her flitzen, die Lider einen winzigen Spalt öffnen, so dass die Pupillen mitunter ein wenig sichtbar werden." Ein Phänomen, das auch im ausgewachsenen Alter noch zu beobachten ist. Säuglinge und Babys weisen aber deutlich kürzere Schlafzyklen und etwa doppelt so viele REM-Phasen wie Erwachsene auf. Daraus ergeben sich auch relativ viele "halbwache Zustände", in denen das Kind versucht, Kontakt aufzunehmen, aber noch nicht sehen kann. Bei der Geburt besitzt der Mensch nämlich keine Sehschärfe, und das vollständige Ausreifen der Netzhaut beziehungsweise des Sehzentrums im Gehirn kann bis zum achten Lebensjahr dauern.

Damit lässt sich auch oben beschriebenes Phänomen erklären. Ursula Schmidt-Erfurth, Leiterin der Augenklinik an der Uni Wien, dazu: "Ein Baby sieht die Mutter noch nicht, sondern nur grobe Umrisse. In diesen 'Halbwach-Phasen' wird es zwar versuchen zu schauen, das Fixieren von Objekten ist aber noch nicht möglich. Deswegen entsteht hier der Eindruck 'zuckender Augen', die hin und her wandern. Für einen Erwachsenen kann das etwas beängstigend wirken, aber das ist ganz normal in der Entwicklung dieses Fokussierens." Da das Tränensystem von Babys ein optimales Verhältnis von Wasser, Eiweiß und Fett aufweist, bleiben die Augen selbst dann gut befeuchtet, wenn sie länger geöffnet sind.

Wenn die Lider erschlaffen

Mit zunehmendem Alter lässt sich auch unter Erwachsenen das Phänomen leicht geöffneter Augen im Schlaf beobachten. Bei der sogenannten Lid-Laxität "wandert" der Rand des Unterlids nach unten, so dass das Oberlid nicht mehr komplett abschließen kann. "Das führt zu schweren Reizungen, und die Hornhaut beginnt zu schmerzen. Ein Brennen in den Augen und ein Fremdkörpergefühl sind typische Symptome dafür", erklärt Ursula Schmidt-Erfurth. Solchen Patienten empfiehlt sie, das Auge abends vor dem Schlafengehen mit einem Gel zu benetzen.

Daraus folgt: Der Mensch muss den "Halbhirnschlaf" ausschließlich Delfinen, Seelöwen und Stockenten überlassen. (Günther Brandstetter, derStandard.at, 5.9.2012)

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