Intimchirurgie: "Ich weiß nicht, ob ein Penis schön ist"

  • Nicht Vielfalt, sondern ein normierter weiblicher Körper ist heute gefragt.
    foto: dieter kreikemeier/pixelio.de

    Nicht Vielfalt, sondern ein normierter weiblicher Körper ist heute gefragt.

Immer mehr Frauen legen ihren Intimbereich unter das Messer - Das Ergebnis ist oft enttäuschend - Expertin befürwortet Verbot

Facelifting, Schmolllippen und Brustimplantate waren gestern, heute sind G-Punkt-Intensivierungen, Schamlippenverkleinerungen und Klitoris-Neupositionierungen angesagt. Die Schönheitschirurgie hat ein neues Tätigkeitsfeld erschlossen. Plastische Chirurgen schneidern Designer-Vaginas, das weibliche Genital nach Maß. Wunschvorstellung und Ergebnis liegen dabei oft weit auseinander. 

Ein Pionier auf dem Gebiet der Intimchirurgie ist der US-Amerikaner David Matlock. Der plastische Chirurg, der unter den Namen"Dr. Feel Good" und "Picasso der Vagina" bekannt geworden ist, hat als einer der Ersten ästhetische Operationen unterhalb der weiblichen Gürtellinie angeboten und mit der Entdeckung dieser Marktlücke bereits einige Millionen Dollar gemacht. Zahlreiche Patientinnen haben sich im Laser Vaginal Rejuvenation Institute of Los Angeles mittlerweile ihre Vagina gepimpt. Auf eigenen G-Shot-Partys lassen sich Frauen neuerdings für gutes Geld den angeblichen Gräfenberg-Spot mit Hyaluronsäure unterspritzen.

Mangel an Aufklärungsbroschüren

Auch in Österreich legen immer mehr Frauen ihren Intimbereich unter das Messer. Die Experten sind sich dabei einig: Der Wunsch nach einer "kindlichen" Vulva hängt unter anderem mit dem Trend zur Ganzkörperenthaarung zusammen. "Frau sieht nun Dinge, die vorher durch den Haarwuchs nicht sichtbar waren, und das trifft sie unvorbereitet", sagt Beate Wimmer-Puchinger, Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien, und kritisiert den Mangel an Aufklärungsbroschüren, die das weibliche Genital realistisch darstellen. 

Der Schamhügel sanft modelliert, die inneren Schamlippen von den äußeren bedeckt, die Klitoris unter dem Hautniveau: So sehen eine perfekte Vulva und Vagina aus. Die Pornoindustrie hat sie geschaffen und normiert. "Diese Aufnahmen sind zum Teil gefakt und haben dazu geführt, dass wir mit völlig falschen Bildern leben", so die Klinische und Gesundheitspsychologin.

Vorprogrammierte Enttäuschung

Aus einem individuellen "Aphrodisiakum" ist ein standardisiertes "Ästhetikum" geworden. "Ich weiß nicht, ob ein Penis schön ist. Und meine Generation hat sich auch nie die Frage gestellt, ob eine Vagina schön ist", sieht Wimmer-Puchinger die Geschlechtsorgane hier unter fragwürdigem Beschuss. 

Nicht so darauf folgende Generationen. Der Druck, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, steigt, und neben plastischen Chirurgen versprechen auch Gynäkologen, Dermatologen, Allgemeinmediziner und Anästhesisten intimchirurgische Abhilfe. Die Erwartungen an die Mediziner sind jedoch hoch. Driften Vision und Ergebnis schlussendlich auseinander, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. "Viele Frauen fühlen sich hinterher verstümmelt, haben Schmerzen und wollen weiter operiert werden", berichtet Maria Deutinger, Primaria der Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie der Krankenanstalt Rudolfstiftung, und bezeichnet kosmetische Operationen im Genitalbereich generell als Verstümmelungen. 

Die Fachärztin für plastische Chirurgie verweist auf ein Gesetz, das FGM (Female Genitale Mutilation) als schwere Körperverletzung betrachtet und international Gültigkeit besitzt. Wimmer-Puchinger hält den Paragrafen auch auf ästhetische Korrekturen des weiblichen Genitals anwendbar und befürwortet persönlich eine Einschränkung dieser Eingriffe auf klar definierte medizinische Indikationen und eine Restriktion der Bewerbung.

Leitlinien zur weiblichen Genitalchirurgie hat die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte gemeinsam mit der Frauenabteilung der Stadt Wien, der Wiener Ärztekammer, der österreichischen Gesellschaft für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie, der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, der österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe, der Akademie für sexuelle Gesundheit und dem Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen zu Papier gebracht. Das Konsensuspapier soll verhindern, dass intimchirurgische Eingriffe aus rein ästhetischen Gründen durchgeführt werden.

Leere Versprechungen

Denn medizinisch indiziert sind Labienverkleinerungen, Vaginaverengungen und Klitoris-Repositionierungen in aller Regel nicht. Und entgegen den beworbenen Versprechungen fördern diese Eingriffe, so Deutinger, weder die sexuelle Empfindsamkeit noch das Erregungsvermögen. Im Gegenteil, häufig sind sogar nachhaltige Störungen im Erregungsaufbau das Resultat, die nicht zuletzt durch Sensibilitätsstörungen und Narbenbildungen infolge der Operation zustande kommen.

Liegt tatsächlich ein funktionelles Defizit vor, sei es, dass Frauen infolge großer Schamlippen beim Radfahren oder Reiten unter Schmerzen leiden, dann wird dem Wunsch nach einer Genitalkorrektur auch Folge geleistet. Allerdings nur nach ernsthafter Analyse im Vorfeld. Der behandelnde Arzt muss sorgfältig eruieren, welche Faktoren für den Wunsch nach einer Operation ausschlaggebend sind. Ein psychologisches Gespräch ist in jedem Fall Teil dieser Vorbereitung. "Für eine Frau, die ihre eigene Weiblichkeit nicht mag und ihr Genital als hässlich bezeichnet, wird das Messer nicht die Lösung bringen", betont Wimmer-Puchinger. "Da sitzt etwas anderes ganz tief, und das zu hinterfragen beziehungsweise zu helfen ist unsere Verpflichtung." (Regina Walter, derStandard.at, 14.09.2012)

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