Landarzt: "Jetzt weiß ich, warum ich Medizin studiert habe"

Reportage |
  • Hasibeter findet in den Bergen den Ausgleich zu seinem Job als Landarzt.
    foto: martin hasibeter

    Hasibeter findet in den Bergen den Ausgleich zu seinem Job als Landarzt.

  • Als Landesbergrettungsarzt bildet er Bergretter aus.
    foto: martin hasibeter

    Als Landesbergrettungsarzt bildet er Bergretter aus.

Martin Hasibeter hat dem Spitalsbetrieb den Rücken gekehrt und trifft als Landarzt seine Entscheidungen alleine - Den weißen Mantel hat er abgelegt

Vom Bahnhof Irdning in der Weststeiermark sind es sechs Kilometer zur Ordination von Martin Hasibeter. "Sie müssen mir den Namen sagen, nicht die Hausnummer", sagt die Taxilenkerin. Am Land herrschen andere Regeln. Im Nu ist klar, warum die im April 2011 errichtete Praxis nicht im Ortskern liegt. Ein Gesetz schreibt vor, dass zwischen einem praktischen Arzt mit Hausapotheke und einer Apotheke ein Abstand von sechs Kilometern eingehalten werden muss. Aus diesem Grund hat der 37-jährige Landarzt seine Praxis genau in dieser Entfernung zur Apotheke bauen lassen. Der zweite Landarzt des Ortes ist vor vier Monaten in Pension gegangen, die Stelle wurde noch nicht nachbesetzt. Somit ist Hasibeter derzeit der einzige Allgemeinmediziner in Irdning.

Ein Landarzt, der die Seite wechselte

Bevor man in den überfüllten Warteraum kommt, streift der Blick über ein Plakat des 8.188 Meter hohen Cho Oyu, des sechsthöchsten Bergs im Himalaya. Hasibeter ist ausgebildeter Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, aber auch Sport-, Höhen- und Expeditionsmediziner. Der gebürtige Stainacher hat während seiner Ausbildung zum Gynäkologen in Leoben und Bruck an der Mur das erste Mal Praxisvertretungen übernommen. Als operierender Gynäkologe in Rottenmann ist der vielseitig Interessierte an Grenzen gestoßen. Durch die Zentralisierung der Facharztabteilungen werden große Operationen nur mehr in Leoben und Graz durchgeführt. Hasibeter sah sich in seinem Einsatzspektrum reduziert.

Zwölf Jahre hat er den Spitalsbetrieb studiert. Ein Angebot, in Zell am See ein Primariat zu übernehmen, hat er schließlich abgelehnt. Diese Chance sei wie ein "Elfmeter ohne Tormann" gewesen. Doch innerhalb einer Spitalsstruktur Einzelkämpfer zu sein und von oben dirigiert zu werden, das gehört nicht zu seinen Ambitionen. "Da bin ich lieber Landarzt. Auf die Probleme eines Primars verzichte ich gerne", resümiert Hasibeter. Die Herausforderungen eines Facharztes, inklusive operativer Großleistungen, hat der 37-Jährige hinter sich. Ausnahmesituationen im Operationssaal waren für ihn geistige und emotionale Grenzgänge. "Als Facharzt war ich die allerletzte Anlaufstelle, als Praktiker kann ich delegieren", beschreibt er eine wesentliche Erleichterung am Landarzt-Dasein. Er fühlt sich, als habe er im selben Ozean das Schiff gewechselt. Den weißen Mantel hat er abgelegt.

Nüchterne Meldungen im Wartesaal

Jeder, der das Wartezimmer betritt, begrüßt die anderen mit einem herzlichen "Griaß eich!". Ein betagter Herr, der seine Frau begleitet, übersieht die Warteschlange und entschuldigt sich danach mit der Einsicht: "Ach so, anstellen." Die beiden Ordinationsgehilfinnen haben viel zu tun, vor allem, da sie auch die Hausapotheke mitbetreuen. Trotzdem sind sie immer für einen Scherz zu haben.

Zum harten Kern der Wartenden zählen eine Dame mit rosa Hut, die sich vor einem Monat ihre Elle gebrochen hat und wartet, um die Physiotherapie zu besprechen, zwei ältere Herren, die mit ihren Themen die gesamte Runde unterhalten, und eine junge Frau mit einem "I love London"-T-Shirt. Die Patienten bereiten sich auf ihren Arztbesuch vor, mustern einander, einige lesen, die meisten plaudern. Ein Pensionist findet: "So viel tratschen konnten wir in früheren Zeiten nicht."

Es scheint fast, als würden sich so manche freuen, einander in dieser geselligen Atmosphäre zu treffen. Ein jeder erfährt, dass die älteren Herren in ihrer Jugend noch alle Wege zu Fuß erledigt haben. Damals konnten die Männer auf Märschen in der Nacht noch des Öfteren Sternschnuppen beobachten. Im selben Atemzug diskutiert die kleine Herrenrunde die Qualität des Ochsenfleischs der umliegenden Bauern. Doch dann wirft ein Senior kurz und bündig die von ihm ernst gemeinte Pointe des Tages in den Raum: "Ein Herzinfarkt ist vielseitig." Ohne weiteren Kommentar.

Lösungen mit Humor

Eine Dame mit Stock bekommt von der Sprechstundenhilfe währenddessen ein Bonbon geschenkt, da sie Geburtstag hat. Als sie erfährt, dass sie leider noch warten müsse, antwortet die gebrechliche Seniorin gefasst: "Ich bin an den Ablauf schon gewöhnt." Auch die Frau mit dem auffälligen Hut und der Schraube im Arm wirkt sehr ruhig. Sie ist erleichtert, dass es diesmal ein glatter Bruch war. Ein jüngerer Mann begrüßt kurz die bunte Gruppe, wartet jedoch lieber vor der Tür.

Zur Mittagszeit nähert sich das Warten dem Ende. "Das Morphium müsste gekommen sein, wir haben es online bestellt", gibt die Sprechstundenhilfe einer Wartenden zu verstehen, die Medizin für ihren Vater abholt. Am Schluss sitzen nur noch eine Dame und eine Journalistin im Wartezimmer. Erstere wurde angesichts der Patientenfrequenz übersehen. Das Missverständnis lässt sich mit Humor lösen. Wer aus der Stadt kommt, staunt über die Freundlichkeit im zwischenmenschlichen Umgang. Das Buch "Irdning und Grimming - Im Wandel der Jahreszeiten", das die Einheimischen gerne durchblättern, steht wieder im Regal, das Stimmengewirr erlischt, die Praxis ist schlagartig leer.

Willkommene Abwechslung

Nun nimmt sich der "Herr Doktor" Zeit für ein ausführliches journalistisches Gespräch, bevor er zur Nachmittagsvisite aufbricht. Angesichts des großen Einzugsgebiets mit einem Radius von 40 Kilometern versucht Hasibeter, die Zahl seiner Hausbesuche auf ein Minimum zu reduzieren. Sollte er selbst krankheitsbedingt ausfallen, gibt es eine Vertretung aus dem Sprengel, in dem vier weitere praktische Ärzte tätig sind. Jede fünfte Woche übernimmt er einen Wochenenddienst und jede Woche freiwillig zwei bis drei Bereitschaftsdienste. Dazu kommen - ebenso nicht verpflichtend - sanitätspolizeiliche Dienste, sprich: Totenbeschau. Es gab Situationen, in denen Tote nicht begraben werden konnten, weil es keinen Totenbeschauer gab. Ein Grund ist die Pensionswelle innerhalb der Distriktsärzteschaft.

An Spitzentagen schafft der Allgemeinmediziner in seiner Praxis bis zu 100 Patienten in zwei Stunden. Der sportliche Arzt lässt sich die Hektik nicht anmerken. Er wirkt ruhig und besonnen und erzählt mit großem Elan von seinem Wechsel zwischen zwei Welten. "Für mich ist die Arbeit als Landarzt kein Abstieg, sondern eine willkommene Abwechslung zu meiner Tätigkeit als Frauenarzt, die ich weiterhin auf privater Basis ausübe. Seitdem ich hier arbeite, weiß ich, warum ich Medizin studiert habe. Denn ich bin mit fast jeder Krankheit konfrontiert, von der ich bisher gelesen oder gehört habe."

Der Berg als Lehrmeister

Das Einzige, was ihm abgeht, sind der Austausch und das Feedback von Kollegen. Jede Entscheidung ist alleine zu treffen. Der Mediziner schätzt den intensiven Patientenkontakt umso mehr. Die Patientendichte war im Krankenhaus viel geringer. "Ich sehe in jeder Begegnung ein Potenzial für meine eigene Weiterentwicklung. Insbesondere von schwer kranken Patienten habe ich Tipps für das Leben bekommen." Er versucht aber auch, Grenzen zu setzen: "Man darf sich nicht jeden Rucksack umhängen lassen."

Auf Wanderungen kann Hasibeter auftanken und abschalten, er hat sich seine innere Ruhe bewahrt. Sein Lehrmeister für ein ausgeglichenes Leben mit zahlreichen Ritualen ist die Bergwelt: "Dort reduzieren sich die Probleme auf das Wesentliche. Wenn ich auf 7.000 Metern in einen Schneesturm gerate, verändert mich das. Aus solchen Extremsituationen lerne ich." Dann kommt er ins Schwärmen über seinen Kraftort, den Grimming. Zur Zeit der Römer galt die markante Erhebung als "mons styriae altissimus", als höchster Berg der Steiermark. Aus der Perspektive des Höhenmediziners ist der relative Höhenunterschied des höchsten frei stehenden Berges in Europa von Bedeutung. "Bei einem Anstieg von 650 auf 2.350 Meter kann man für alle Berge der Welt trainieren", so Hasibeter.

Raus aus dem Hamsterrad

Als stellvertretender Landesbergrettungsarzt für die Steiermark bildet er auch 1.600 Bergretter aus. Hasibeter bereut es nicht, sich verändert zu haben. Der Ausstieg aus der Krankenhauswelt, in der er bis zu 100 Stunden pro Woche gearbeitet hat, fiel ihm leicht. Laut Kassenvertrag muss er seine Ordination 20 Stunden pro Woche offen halten. Das ist unrealistisch, da die Abgaben als Selbstständiger sehr hoch sind und Angestellte bezahlt werden müssen. Abschließend zitiert der Extrembergsteiger und Arzt den chinesischen Philosophen und Feldherrn Sunzi, der bereits 2.000 v. Chr. in seinem Buch "Die Kunst des Krieges" schrieb: "Man kann wissen, wie man siegt, ohne fähig zu sein, es zu tun." Hasibeter untermauert damit seine Entscheidung, aus dem Spitalsbetrieb frühzeitig ausgestiegen zu sein. 

Als Landarzt hat der Familienvater doppelt so viel Freizeit, was auch seinem Privatleben gut tut. Er hat viel vor. In der nächsten Zeit wird er zwar nicht so rasch "flügge" werden, auf längere Sicht möchte er jedoch für gut zwei Monate ausbrechen. Mit dem Bergsteiger Gerfried Göschl, der vor kurzem verunglückt ist, hatte Hasibeter noch eine Expedition zum K2 und eine Südpolreise geplant. Diese Vorhaben möchte er weiterverfolgen. 

Mit dem Geländewagen zur Visite

Doch zunächst nimmt Hasibeter seine schwarze Arzttasche in die Hand und packt die Medikamente für die Visite hinein. Im Geländewagen geht es ins Altenheim und zu einer schwer kranken Patientin. Straßenarbeiter erklären ihm den Weg, da er diesen Hausbesuch das erste Mal macht. Während der Fahrt erzählt er vom Crex crex, dem raren Wachtelkönig, der unter Schutz steht. Dann heißt es: Mut spenden. Hasibeter, immer ein Lachen auf den Lippen, wird schon erwartet. Er klettert durch die Lücke eines Gartenzauns.

"Das Schöne an meinem Job ist es, in unterschiedliche Lebenswelten einzutauchen", meint er. Er kennt die Diagnose der Patientin, umso beruhigender wirkt er auf sie ein. Die geröteten Stellen an ihren Beinen stellt er als Insektenstiche dar und spritzt ihr Schmerzmittel in den Bauch. Belastende Eindrücke wird er am Berg verarbeiten. Vielleicht sogar dem Crex crex anvertrauen. (Ute Mörtl, derStandard.at, 6.9.2012)

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