"Bufdis" sind schlecht bezahlt, aber mit Freude dabei

Birgit Baumann, 4. September 2012, 18:42

Der Freiwilligendienst in Deutschland ist ein Erfolg, es gibt aber Kritik an Finanzierung und Weiterbildung

Ob Hilfe in der Küche eines Seniorenheims, ob Unterstützung bei der Kinderbetreuung oder Mitarbeit bei einem Naturschutzprojekt - Männer und Frauen, die in sozialen Einrichtungen anpacken, werden in ganz Deutschland gebraucht.

Seit 1961 wurden diese Aufgaben von insgesamt 2,7 Millionen Zivildienern (Zivis) erledigt. Doch der Zivildienst war an die Wehrpflicht gekoppelt. Und als diese in Deutschland ausgesetzt wurde, gab es für den Zivildienst keine rechtliche Grundlage mehr.

Bedarf hingegen war genug vorhanden, und so ersann die deutsche Regierung an seiner Stelle den Bundesfreiwilligendienst. Seit Juli 2011 helfen nicht mehr Zivis in den Altenheimen, sondern "Bufdis", wie Freiwillige im Bundesdienst kurz und nicht recht klangvoll genannt werden.

"Der Bundesfreiwilligendienst ist der Nährboden für eine neue Kultur der Freiwilligkeit in Deutschland", jubelt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), in deren Ressort die Umsetzung fällt. Nach einem Jahr spricht sie sogar von einer "politischen Sensation". So weit gehen Opposition und Wohlfahrtsverbände natürlich nicht. Doch auch sie erkennen an, dass der Plan Schröders aufgegangen ist.

Experten plagte zunächst die gleiche Sorge wie den deutschen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) bei Aussetzung der Wehrpflicht: Werden auch genug kommen, wenn der Dienst nicht mehr verpflichtend ist? Doch sie kamen. 35.000 Stellen für "Bufdis" hat der Bund geschaffen, 60.000 Interessenten meldeten sich im ersten Jahr, derzeit sind 32.000 Stellen besetzt.

Grundsätzlich steht das soziale Engagement allen offen, die älter als 16 Jahre sind. In der Regel dauert der Bundesfreiwilligendienst zwölf Monate, mindestens jedoch sechs und höchstens 18 Monate. In Ausnahmefällen kann er sogar bis zu 24 Monate ausgedehnt werden. Geld gibt es auch dafür, allerdings recht wenig: monatlich bloß 336 Euro, Unterkunft und Verpflegung werden nur in Ausnahmefällen gestellt.

Auch Ältere machen mit

Die Hertie School of Governance und die Uni Heidelberg, die das Projekt im ersten Jahr wissenschaftlich begleitet haben, kritisieren daher einen "erschwerten Zugang" für Jugendliche, die nicht von ihren Eltern unterstützt werden können. SPD und Grüne fordern bessere Bezahlung.

Auch ein Blick auf die Haushaltszahlen zeigt, dass der Staat für den Zivildienst noch deutlich mehr Geld ausgegeben hat. Im Jahr 2010 waren es 631 Millionen Euro. Der Freiwilligendienst hingegen wird mit 350 Millionen Euro im Jahr gesponsert.

Etwas verändert hat sich die Altersstruktur. Zivildienstleistende waren, da der Zivildienst ja den Ersatz zum Wehrdienst darstellte, meist jung und männlich. Die Menge der "Bufdis" hingegen ist deutlich bunter. Zwar ist der Großteil (64 Prozent) unter 27 Jahre alt, 20 Prozent jedoch sind älter als 50 Jahre. Für viele überraschend: In allen Altersgruppen sind die Männer etwas stärker vertreten als die Frauen.

Vor allem in Ostdeutschland, wo die Arbeitslosigkeit höher ist als in den westlichen Bundesländern, ist die Gruppe der 27- bis 65-Jährigen sehr stark engagiert. Das hat zwar den für die Bundesregierung angenehmen Effekt, dass diese "Bufdis" aus der Arbeitslosenstatistik herausfallen. Experten jedoch sehen den Freiwilligendienst als verlorene Zeit, was die Fortbildung betrifft. Denn nur jene, die jünger als 27 Jahre sind, müssen in diesem Jahr verpflichtend eine Weiterbildung absolvieren. Die Studienautoren raten der Regierung daher dringend, auch für ältere ein Bildungskonzept zu entwickeln. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 5.9.2012)

"Doch der Zivildienst war an die Wehrpflicht gekoppelt."

Dies ist eine falsche Berichterstattung.

Der Zivildienst ist nicht an die "Wehrpflicht" gekoppelt.

Es ist ein WehrERSATZdienst.

Nicht jeder kann es moralisch rechtfertigen andere Menschen zu exekutieren. Für diese Personen gab es eine Alternative zum Sklavendienst. Fällt die Wehrpflicht, fällt automatisch auch der Zivildienst.

Das war in Deutschland auch so, ich verstehe die ÖVP nicht wieso die überhaupt eine Volksabstimmung braucht wenn Rest-Europa bereits das umgesetzt hat.

Endlich wirklich was zur Sache!

Man muss sich wirklich für diesen aufschlussreichen, sachlichen Artikel bedanken! Der Beitrag von Frau Baumann hebt sich mehr als wohltuend vom hysterischen Geplärr der Schreihälse ALLER Parteien in Österreich ab.
Bemerkenswert finde ich aber auch, dass es in Deutschland trotz aller politischen Kontroverse noch möglich ist, einer Idee eine Chance zu geben, wenn sie gut ist, aber nicht aus dem eigenen Lager kommt.
Bei uns muss sie - gleich, ob schwarz, rot, blau-braun-orange oder grünlich - schon aus dem "richtigen" Lager INNNERHALB der Partei kommen, um nicht sofort totgeredet zu werden ...

"Doch der Zivildienst war an die Wehrpflicht gekoppelt."
Wieder mal typisch Standard. "Gekoppelt" ist quatsch. Es ist - wie bei uns - ein Wehrersatzdienst und damit eine Art Wehrpflicht ohne Waffe. Warum das wichtig ist? Weil die Menschenrechtskonvention Zwangsarbeit verbietet (was der Zivildienst wäre, wenn er kein Wehrersatzdienst ist). Es kann also Zivildienst nur geben wenn es einen Millitärdienst gibt und nicht wie (nach lesen des Artikels) vermutet werden kann eine eigenständige Sache mit einer Art "Koppelung".

Woran man sieht, was von Schreihälsen a'la Berlakovic zu halten ist!

Natürlich gibt es immer Verbesserungsmöglichkeiten. Aber im Vergleich zu dem historisch gewachsenen Unsinn der Wehrpflicht, die dann irgendwie zur Begründung für Zivildienst und für Katastrophenhilfe umgebogen wurde, ist bald was besser.

Wunderschön an folgenden Zahlen zu sehen: Das BH leistet im Jahr durchschnittlich 160000h im Katastropheneinsatz. Bei einer Präsenzstärke von 40000 wird also 0.25% der allokierten Arbeitszeit tatsächlich sinnvoll abgerufen. 0.25%! Bei diesen Zahlen reicht es nicht, hirntot zu sein, um die Wehrpflicht mit dem Katastrophenschutz begründen zu wollen - man muss auch beim VP-Bauernbund sein!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.