Schlafen wie die Weltmeister

4. September 2012, 17:54
  • Sind selten wach anzutreffen: Siebenschläfer aus der Familie der 
Nagetiere schlafen mindestens sieben Monate im Jahr. Manchmal sogar ein 
ganzes Jahr durch. Die Gründe dafür haben Wiener Wildtierforscher 
untersucht.
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    Sind selten wach anzutreffen: Siebenschläfer aus der Familie der Nagetiere schlafen mindestens sieben Monate im Jahr. Manchmal sogar ein ganzes Jahr durch. Die Gründe dafür haben Wiener Wildtierforscher untersucht.

Wissenschafter an der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben erstaunliche Erkenntnisse über das enorme Schlafpensum der Siebenschläfer gewonnen

Im Leben jedes Organismus gibt es suboptimale Phasen: Die Witterung kann feindlich sein, die Nahrung knapp, es kann überdurchschnittlich viele Fressfeinde geben etc. Wer die Möglichkeit hat, solche Situationen einfach zu verschlafen, ist fein raus. Auch aktuelle Studien legen nahe, dass Winterschlaf und ähnliche Zustände für die Schläfer viel vorteilhafter sind als bisher angenommen.

Ein Weltmeister im Schlafen ist der Siebenschläfer: Er gehört zu den Nagetieren, hat ein graues Fell, wird 13 bis 18 Zentimeter lang und besticht durch schwarze Knopfaugen und einen buschigen Schwanz. Zu finden ist er in Laubwäldern und großen Gärten, aber auch fallweise unter dem Dach, wo er einen Heidenlärm veranstalten kann. Der Spuk dauert jedoch nicht allzu lang, denn mindestens sieben Monate des Jahres verschläft er - bei Bedarf können es aber auch einige mehr sein.

Faszinierende Anpassung

Thomas Ruf vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien und seine Kollegen befassen sich seit Jahren - auch mit finanzieller Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF - mit Siebenschläfern, denn die Tiere zeigen verschiedene faszinierende Anpassungen an ihren Lebensraum.

Da ist zuerst einmal der Umstand, dass sie nur in manchen Jahren zur Fortpflanzung schreiten, und zwar dann, wenn Buchen und Eichen ausreichend Samen produzieren. Die jungen Siebenschläfer kommen nämlich erst im Juli und August auf die Welt und gehen bereits im September in Winterschlaf. In der Zwischenzeit müssen sie sich den dafür nötigen Speck anfressen und dafür brauchen sie energiehältige Nahrung wie Bucheckern und Eicheln. So weit, so gut, doch diese Samen werden erst im Herbst reif. Die Entscheidung für oder gegen Nachwuchs fällt jedoch schon im Frühjahr zur Paarungszeit. Woher wissen die Siebenschläfer-Eltern schon so früh im Jahr, ob Fortpflanzung angesagt ist oder nicht?

Buchen und Eichen sind keine zuverlässigen Brötchengeber: Durchschnittlich alle sieben Jahre durchlaufen sie eine sogenannte Vollmast, während der sie massenhaft Samen erzeugen. In anderen Jahren kann die Eckern- und Eicheln-Produktion fast vollständig ausfallen oder sich auf einige wenige alte Bäume beschränken. Ruf und seine Kollegen untersuchten Siebenschläfer-Populationen im Wienerwald in vier Jahren ohne Vollmast, wobei sie einem Teil der Tiere den Zugang zu zusätzlichem, energiereichem Futter ermöglichten.

Wie sich dabei zeigte, stimmen die Siebenschläfer ihre Fortpflanzung perfekt auf die Nahrungsgegebenheiten ab: Zur Reproduktion schritten nur Tiere mit Zusatzfutter bzw. solche, in deren Revier sich sehr alte Bäume befanden, die auch in schwachen Jahren zuverlässig Samen produzieren. Wie Ruf und seine Gruppe zeigen konnten, dient die Verfügbarkeit von energiereicher Nahrung, wie den Fruchtknospen von Eichen und Buchen, nur als Signal für die im Herbst zu erwartende Versorgungslage. Im Unterschied zu den jungen können die erwachsenen Tiere nämlich auch mit weniger energiereicher Kost, wie Früchten und Blättern, fett werden. Fortpflanzen tun sie sich trotzdem nur, wenn Buchen und Eichen genügend Blüten aufweisen.

Vergleichsweise langes Leben

Damit wären wir gleich bei der nächsten Auffälligkeit im Siebenschläfer-Verhalten: Sie werden oft erstaunlich alt. Bis zu neun Jahre können sie leben, wohingegen Nager vergleichbarer Größe kaum mehr als zwei Jahre werden. Wie die Forscher herausgefunden haben, steht das Alter, das sie erreichen, in direktem Zusammenhang mit ihrer Reproduktionshäufigkeit: Gewöhnlich schaffen Siebenschläfer-Weibchen nur ein bis zwei Würfe im Leben.

Wenn die Umstände dafür nicht passen, ziehen sie sich - ebenso wie die Männchen - häufig schon bald nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf wieder in ihre unterirdischen Schlafbaue zurück und warten auf bessere Zeiten. Auf diese Weise können sie fast das ganze Jahr im Schlaf zubringen.

Solche Erkenntnisse widersprechen dem herkömmlichen Konzept von Winterschlaf: "Bisher hat man Winterschlaf immer als letzten Ausweg aus widrigen Nahrungsbedingungen gesehen", wie Ruf erklärt, "aber das ist beim Sommerschlaf sicher nicht der Fall." Außerdem ging man bislang davon aus, dass die Tiere ein hohes Risiko haben, während des Schlafes an zu geringen Fettreserven zu sterben.

Rufs Arbeiten weisen dagegen in die entgegengesetzte Richtung. Nach der Analyse von Untersuchungen an Siebenschläfern in Österreich, Tschechien, England, Deutschland und Italien zeigte sich, dass die Tiere am häufigsten im Frühsommer sterben, wenn sie eifrig auf Nahrungssuche sind. In der Zeit, die sie hingegen in ihren unterirdischen Schlafbauten verbringen, gibt es die wenigsten Ausfälle.

Für Fressfeinde unsichtbar

"Die Daten haben gezeigt, dass ein Siebenschläfer in jedem Monat, in dem er aktiv ist, eine rund fünfmal höhere Sterbewahrscheinlichkeit hat als während des Winterschlafs", fasst Wildtierforscher Ruf das Ergebnis in Zahlen. Tatsächlich rühren sich die Nagetiere in ihrem Bau nicht, haben eine sehr geringe Körpertemperatur und sondern kaum Gerüche ab. Für Greifvögel werden sie auf diese Weise völlig unsichtbar und für andere Säuger sehr schwer zu finden. "Aus unserer Sicht ist die treibende evolutive Kraft hinter dem Winterschlaf nicht das Energiesparen, sondern die Vermeidung von Fressfeinden", subsumiert Ruf. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, 5. 9. 2012)

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