Die Form des Bierglases beeinflusst den Durst

  • Es kommt nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Form an: In 
Weizenbiergläsern verschwindet die Flüssigkeit schneller als in geraden 
Gläsern. Grund ist eine optische Täuschung der Trinker.
    foto: apn photo/thomas kienzle

    Es kommt nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Form an: In Weizenbiergläsern verschwindet die Flüssigkeit schneller als in geraden Gläsern. Grund ist eine optische Täuschung der Trinker.

Wird Bier nicht in geraden, sondern in geschwungenen Gläsern serviert, wird es schneller konsumiert, haben englische Experimentalpsychologen entdeckt

Wenn man sich mit Freunden zu einem Glas Bier trifft, kann aus der geselligen Runde schon einmal ein feuchtfröhlicher Abend werden. Bei "dem einen" Glas bleibt es oftmals nicht, und man verliert schnell den Überblick, wie viel Bier man eigentlich konsumiert hat. Englische Wissenschafter warten nun mit einer zunächst kurios anmutenden Erklärung auf: Sie behaupten, dass die Proportionen des Glases das Trinkverhalten beeinflussen.

Um die Hypothese zu überprüfen, haben Angela Attwood und ihre Kollegen von der Bristol University Studenten zum Freibier eingeladen. Große Schwierigkeiten hätten sie bei der Probandensuche nicht gehabt, so Attwood. Einzige Bedingung sei gewesen, dass es sich um "soziale Biertrinker" nach den sogenannten Audit-Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) handelte. Alkoholiker waren damit vom Experiment ausgeschlossen.

Für die Teilnehmer gab es zuerst einen Fragebogen, der zur groben Einschätzung der eigenen Trinkgewohnheiten diente. Dann sollten die insgesamt 157 Probanden beiderlei Geschlechts Bier und Limonade aus geraden und sich nach oben erweiternden (Weizenbier-)Gläsern mit einem Inhalt von 177 bzw. 354 Milliliter trinken. Damit wollten die Forscher herausfinden, ob Volumen und Proportion eine Auswirkung auf das Trinkverhalten haben. Das Experiment wurde mit Videokameras aufgezeichnet (was die Teilnehmer nicht wussten).

Die Auswertung der Filmmitschnitte überraschte: Die Kohorte, die vor den gewölbten Biergläsern saß, trank signifikant schneller. Während die Gruppe mit geraden Gläsern für 354 Milliliter Bier 13 Minuten benötigte, konsumierte die Gruppe mit geschwungenen Gläsern denselben Inhalt in weniger als acht Minuten. Bei der Menge von 177 Millilitern und auch bei der Limonade gab es keine wesentlichen Unterschiede.

Den Grund sehen die Forscher in einer Fehlperzeption der Volumina, wie sie im Fachblatt "PLoS One" schreiben. Der Maßstab für die Trinkgeschwindigkeit ist die halbe Höhe des Glases. Weil diese bei gekrümmten Gläsern aber nicht per se die Hälfte des Volumens angibt, sondern meist mehr, leeren die Konsumenten das Weizenbierglas schneller. In den Worten von Attwood: "Die Leute beurteilen regelmäßig das Volumen der Behältnisse falsch. Bei einem geraden Glas ist es relativ einfach zu sehen, wo die Hälfte des Inhalts erreicht ist. Bei geschwungenen Formen wie etwa einer Pilsblume oder einem Weizenbierglas hingegen sieht man diese Marke nicht exakt."

Die geschwungene Form nähre "die Illusion, dass man weniger getrunken hat". Daher drücken die Trinker aufs Tempo. Interessanterweise verpufft der Effekt bei halbvollen Gläsern. "Das hängt damit zusammen, dass der trichterförmige, obere Teil des Glases dann nicht mehr mit Flüssigkeit gefüllt ist", erklärt die Experimentalpsychologin.

Eine Lösung würde darin bestehen, die Volumenhälfte mit einem Strich zu kennzeichnen. Für den Konsum sei aber nicht nur das Glas, sondern in erster Linie die Person selbst verantwortlich. "Wir können den Leuten nicht vorschreiben, wie viel sie trinken, aber ihnen so ein wenig mehr Kontrolle geben", so Attwood. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 5.9.2012)

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