Pharmaindustrie-Vertreter: Wir sind die Guten

Interview |
  • Jan Oliver Huber ist überzeugt, zu den Guten zu gehören.
    foto: pharmig

    Jan Oliver Huber ist überzeugt, zu den Guten zu gehören.

Warum es spannend ist, für die Pharmaindustrie tätig zu sein, erzählt Jan Oliver Huber, Leiter des österreichischen Pharmaverbands

Jan Oliver Huber ist seit 2004 Generalsekretär der Pharmig, des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs. Er wünscht sich, dass die Leistungen der Pharmaindustrie mehr gewürdigt und Pharmaunternehmen nicht immer als "die Schlechten" dargestellt werden. Im Interview mit derStandard.at spricht er über Karrieremöglichkeiten in der Pharmabranche und plädiert für die Einhaltung der Work-Life-Balance auch auf höheren Management-Ebenen.

derStandard.at: Welche Jobs und Einstiegsmöglichkeiten gibt es in der Pharmabranche?

Huber: Die pharmazeutische Industrie sucht klassischerweise Naturwissenschaftler wie Ärzte, Pharmazeuten, Techniker. In der Branche ist der Akademikeranteil sehr hoch, daher ist die Zusammenarbeit mit den Universitäten intensiv. Wir schauen immer, dass wir gute Leute in unsere Unternehmen bringen, weil wir nicht nur interessante Tätigkeiten haben, sondern auch persönliche Entwicklungswege anbieten können.

Natürlich schauen Vertriebsunternehmen eher nach Pharmareferenten, nach Produkt- und Regulatory-Affairs-Managern, Experten im Marktzugang und strategischem Management. Aber wir benötigen auch Betriebswirte und Juristen. Sehr starken Zulauf haben wir auch von Public-Affairs-Managern aus der Wirtschaft oder dem Kommunikationsbereich, die die Aufgabe haben, das Unternehmen in der Öffentlichkeit entsprechend zu positionieren.

derStandard.at: Sie haben den persönlichen Entwicklungsweg in der Pharmaindustrie angesprochen. Was meinen Sie damit?

Huber: In einem pharmazeutischen Unternehmen, das in Österreich auch forscht und produziert, sind die Möglichkeiten einzusteigen viel größer. Hier kann man Schwerpunkte und persönliche Interessen eher verwirklichen als in einem pharmazeutischen Unternehmen, das "nur" den Vertrieb in Österreich durchführt. Berufseinsteiger können auch bei einer österreichischen Niederlassung beginnen und den Berufsweg im Ausland fortsetzen.

derStandard.at: Sind die Berufschancen für Naturwissenschaftler in größeren Pharmaunternehmen besser als in kleineren? Die Mehrheit der österreichischen Pharmaunternehmen sind ja Klein- und Mittelunternehmen.

Huber: Man braucht Naturwissenschaftler sowohl in den kleineren als auch in den großen Unternehmen, nicht nur im regulatorischen Bereich, sondern auch im medizinischen. Auch da sind Mediziner, Veterinäre oder Biologen gefragt. Alle Unternehmen, unabhängig von ihrer Größe, müssen sich mit den entsprechend gut ausgebildeten Mitarbeitern richtig aufstellen. Natürlich haben größere Unternehmen eine größere Bandbreite an Möglichkeiten und sind oftmals für potenzielle Mitarbeiter attraktiver, weil man sich dort auch im internationalen Bereich beruflich weiterentwickeln kann.

derStandard.at: Welche Karrieremöglichkeiten gibt es für Pharmareferenten?

Huber: Es gibt nicht mehr nur den allgemeinen Pharmareferenten, der mehrere Produkte bespricht und Ärzte informiert. Der Trend geht in Richtung personalisierte Medizin. Ein gutes Beispiel ist der Onkologie-Bereich. Wir versuchen, zielgerichteter auf einzelne Krebserkrankungen hin Medikamente unter Einbezug der genetischen Disposition und Individualität des einzelnen Patienten zu entwickeln.

Es gibt speziell ausgebildete Mitarbeiter, die sich in den einzelnen Krankheitsbereichen mit den sehr komplexen medikamentösen Therapien auskennen müssen, um mit dem behandelnden Arzt auch auf Augenhöhe kommunizieren zu können.

derStandard.at: Wie sieht es mit den Aufstiegsmöglichkeiten auf höherer Management-Ebene aus? Was würden Sie einem zielstrebigen Berufsanfänger empfehlen?

Huber: Allein der Wunsch 'Ich möchte in die Management-Ebene kommen' wird nicht ausreichen. Man muss sich einmal über die eigenen Stärken und Talente klar sein und ob man bereit ist, auch einige Zeit im Ausland für das Unternehmen tätig zu sein, neue Märkte kennenzulernen und sich auf neue Strategien und Kulturen einzulassen. Man muss natürlich leistungsfähig und belastbar sein, Freude an der Arbeit haben und die persönliche Leistungsfähigkeit weiterentwickeln.

Wichtig ist es, auch als junger Mensch auf die Work-Life-Balance zu achten. Wir Manager neigen manchmal dazu, etwas zu übertreiben, das rächt sich dann später gesundheitlich. Und wenn wir schon im Gesundheitswesen tätig sind, ist es wichtig, dass wir auch diese Themen verinnerlichen. Eine gute Führungskraft wird sich letztlich auch daran orientieren, dass neben der Atmosphäre auch die Nachhaltigkeit der Mitarbeiter und somit auch ihre Leistungsfähigkeit und die Zufriedenheit am Arbeitsplatz aufrechterhalten wird.

derStandard.at: Wie sind Sie als Jurist dazu gekommen, bei der Pharmig als Generalsekretär zu arbeiten?

Huber: Ich war die meiste Zeit meines Lebens im Ausland in verschiedenen Branchen, von der Mineralöl- bis zur Baustoffbranche, als Manager tätig. Nachdem ich immer sehr viel unterwegs war, meine Familie aber oftmals in Wien geblieben ist, habe ich mich entschieden, wieder in Österreich zu arbeiten. Ich bin über einen Headhunter zur Pharmig gekommen, wie auch bei den anderen Jobs. Die Herausforderung, für eine Industrie tätig zu sein, die in der Öffentlichkeit oft kritisch angesehen wird, finde ich spannend.

Die Aufgabe als Interessenvertreter im Verband ist eine sehr generalistische, man braucht da sicher sehr viel Erfahrung, vor allem weil das Gesundheitswesen sehr viel mit Politik zu tun hat. Die Sozialpartner und die Politik bestimmen im Grunde die Gesundheitspolitik in Österreich, das macht es schwerer. Mich hat diese Position auch gereizt, weil man jemanden gesucht hat, der parteipolitisch nicht verpflichtet ist. Und ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass die pharmazeutische Industrie ein wesentlicher Teil der Lösung im Gesundheitswesen ist. Wir sind sicherlich die Guten, wenn ich sehe, was wir den Patienten zur Verfügung stellen und an Forschungsleistungen erbringen.

derStandard.at: Die Pharmabranche genießt nicht immer einen guten Ruf. Es gehe ihr mehr um Gewinne als um die Patienten, lautet der Vorwurf. Welche Rolle spielen ethische Grundsätze in der Pharmaindustrie?

Huber: Wir haben unseren freiwilligen Pharmig-Verhaltenscodex, um den vernünftigen und verantwortungsvollen Umgang mit Arzneimitteln aktiv zu fördern und eine hohe Branchenkultur zu leben. Bei Verstößen können auch Nichtmitglieder Beschwerden einbringen. Leistungen im Gesundheitswesen transparent zu machen ist sehr wichtig. Viele Menschen arbeiten in dieser Brnache - es gibt die Leistungen des Arztes, der Krankenschwester, des Apothekers, der Medizinprodukteindustrie. All das muss auch zu einem fairen Preis bezahlt werden. Manchmal gehen die Diskussionen der Öffentlichkeit in die Richtung, dass man im Gesundheitswesen nichts verdienen darf. Das ist eine naive Ansicht der Welt.

Ich bin sehr froh, dass die meisten pharmazeutischen Unternehmen gute Gewinne machen. Sie müssen das auch, weil die Entwicklung von Medikamenten, die klinische Forschung, sehr kostenintensiv und ein Hochrisikogeschäft ist. Wenn man zum Beispiel in der klinischen Phase 2, wo die Wirkungen und Nebenwirkungen eines Medikaments schon an Kranken getestet werden, die klinischen Studien beenden muss, weil vielleicht die Nebenwirkungen nicht akzeptabel sind, dann kostet das schon einmal 200 bis 300 Millionen Dollar, die bis dahin ausgegeben wurden. (Güler Alkan, derStandard.at, 14.9.2012)

Jan Oliver Huber ist seit 2004 Generalsekretär der Pharmig, des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs.

Wissen: Pharmig

Die Pharmig ist die Interessenvertretung der Pharmaindustrie in Österreich mit rund 120 Mitgliedsunternehmen, die circa 10.000 Mitarbeiter beschäftigen. Rund die Hälfte aller Pharmaunternehmen sind Kleinunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern, knapp 40 Prozent beschäftigen als Klein- und Mittelunternehmen bis zu 250 Mitarbeiter. Der Anteil der pharmazeutischen Großunternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern ist in Österreich mit rund zehn Prozent eher gering.

Die Verdienstmöglichkeiten und Einstiegsgehälter sind je nach Tätigkeit und Berufserfahrung unterschiedlich. Bei Pharmareferenten beträgt das kollektivvertragliche Mindestgehalt 2.200 Euro, bei einem Senior Scientist rund 2.700 Euro. Sales- und Produktmanager können mit entsprechender Erfahrung bis zu 4.000 Euro, Jungakademiker bis zu 3.500 Euro verdienen. Aktuelle Stellenangebote kann man auch über die Pharmig-Jobbörse finden.

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