"Die Rückkehr des Odysseus ist eine in die Fremde"

Interview | Stefan Ender
4. September 2012, 17:59
  • Claus Guth zeigt Odysseus in seiner Inszenierung von Monteverdis "Il 
ritorno d'Ulisse in patria" als kriegstraumatisierten Soldaten.
    foto: apa/regine koerner

    Claus Guth zeigt Odysseus in seiner Inszenierung von Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in patria" als kriegstraumatisierten Soldaten.

Claus Guth inszeniert "Il ritorno d'Ulisse in patria", Premiere ist am Freitag. Der Regisseur über das Werk und dessen Deutung als Trauma-Forschung.

STANDARD: In Ihren Inszenierungen verlegen Sie die Stoffe gerne in die Gegenwart. Warum?

Guth: Eine bloße quasimuseale Illustration der mit dem Stoff verbundenen Erkenntnisse erscheint mir wenig hilfreich. Ich kann gar nicht anders, als einen Stoff durch mich zu filtern und in diesem sehr langwierigen Prozess herauszufinden versuchen, wo er mich berührt und wo er auch andere berühren könnte. Weiterführend geht es darum, die richtige Form zu finden, um diesen Punkt vermittelbar zu machen.

STANDARD: In Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in patria" zeigen Sie Odysseus kriegstraumatisiert.

Guth: Dafür gab es verschiedene Gründe. Ich wurde wachgerüttelt durch Berichte zum Thema, wie schwer es für Soldaten mit Fronterfahrungen ist, mit dem, was sie erlebt haben, wieder in eine Normalität zurückzufinden.

STANDARD: Unlängst stand in einem "Zeit"-Artikel über einen traumatisierten US-Soldaten, dass im Irakkrieg 4486 Soldaten getötet wurden und 2676 sich nach ihrem Einsatz das Leben nahmen. Nur die Spitze des Eisbergs?

Guth: Ich habe zuletzt das Buch eines deutschen Soldaten gelesen, der in Afghanistan war. Wenn man in Deutschland lebt, nimmt man kaum wahr, dass deutsche Soldaten in einem Krieg kämpfen. Aber für den, der von der Bundeswehr dort hingeschickt wird, ist es Realität. Und oft kehren Soldaten mit einem psychischen Belastungspaket heim, mit dem sie relativ allein gelassen sind.

STANDARD: Verbinden Sie biografische Aspekte mit dem Thema?

Guth: Mein Vater war acht Jahre in russischer Gefangenschaft. Und wie stark diese Jahre und auch die Kriegsjahre eine Persönlichkeit geprägt haben, das erleben dann auch indirekt die Kinder.

STANDARD: Hat Ihr Vater mit Ihnen darüber gesprochen?

Guth: Eben nicht. Ich habe es über sein Nicht-Reden erfahren - eine typische Verhaltensweise dieser Generation. Das Gefühl, etwas im Leben verpasst zu haben und betrogen worden zu sein, hat diese Generation geprägt und damit auch ihre Kinder. Gerade die Vater-Sohn-Szenen sind in dem Stück für mich - und auch für viele meiner Mitarbeiter - sehr ergreifend. Die Situation der Penelope hat mich an die Situation meiner Großmutter zu Kriegsende erinnert: Ihr Mann und einer ihrer zwei Söhne waren in Kriegsgefangenschaft; und der Sohn, der heimgekehrt war, kam nach Kriegsende bei einer Bergtour ums Leben. Sie saß ganz allein in einem ehemals belebten Familienhaus und musste mit dem Verschwundensein dieser Menschen umgehen.

STANDARD: Die Situation der Penelope ist in Ihrer Schilderung ja fast noch grausamer: Odysseus, ihr Mann, ist zwar physisch da, aber aufgrund der psychischen Verletzungen ein anderer geworden und nicht in der Lage, mit ihr wie gewohnt in Kontakt zu treten.

Guth: Ich habe zu vermitteln versucht, dass der Mensch, der nach langer Abwesenheit zurückkehrt, ein anderer ist als der, der losgefahren ist. Und dass die Person, die gewartet hat, sich natürlich auch verändert hat. Wie gehe ich damit um, dass ich denjenigen von vorher nicht mehr erkenne? Dazu kommen die Schrecken, die Odysseus erlebt hat; die Einsamkeit, die solche Traumata mit sich bringen. Erlebte Schrecken sind durch Erzählen oft nicht vermittelbar. Die Rückkehr des Odysseus ist bei mir eine Rückkehr in die Fremde; er ist zwar physisch da, aber sein Gehirn ist von traumatischen Inhalten aus der Vergangenheit besetzt.

STANDARD: Kommt Ihnen das Libretto dramaturgisch entgegen?

Guth: Das Stück ist wie ein schlau gebautes Puzzle. Da hat man zuerst dieses ausführliche Psychogramm der Penelope als Einführung in die Oper, mit dieser Radikalität der Entsagung, und dann das maximale Kontrastprogramm, mit dieser flirrenden, sprühenden Erotik von Melanto und Eurimaco. Und dann geht man in der nächsten Szene in die Welt des traumatisierten Odysseus. Es ist unglaublich, in welch verschiedene Welten man in den ersten zwanzig Minuten reingeschossen wird. Eine dramaturgisch virtuose Kontrastästhetik.

STANDARD: Beim "Ulisse" gibt es keine abgeschlossenen Arien und Rezitative, sondern ein fast nahtloses Ineinander. Ist so etwas schwer oder eher leicht zu inszenieren?

Guth: Eigentlich sauschwer. Es gibt keine Sekunde, wo ich als Regisseur sagen kann, das läuft jetzt, das Bild stimmt, der Sänger singt seine Arie, passt. Man muss aus der Musik jeden Bruch, jeden Gefühlswechsel heraushören und eine Übersetzung für den Sänger finden, wie das zu spielen ist. Oft stimmt die Stimmung nur für einen halben Satz, dann bricht das wieder - speziell beim Ulisse. Da ist es manchmal, als schaute man in ein völlig konfuses Gehirn. (Stefan Ender, DER STANDARD, 5.9.2012)

Claus Guth (48) inszeniert seit 1990. Der aus Frankfurt gebürtige Opernregisseur realisierte u. a. den Da-Ponte-Zyklus bei den Salzburger Festspielen und den "Tannhäuser" an der Wiener Staatsoper.

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4 Postings
Sehr Guth

Das verspricht eine sehr interessante Interpretation des Odyssee-Stoffes zu werden. Die Diagnose eines Kriegstraumas bei Odyssee und die dadurch gegebene Entfremdung ist äußerst schlüssig. Habe kürzlich auf der Videowand in Salzburg einige der DaPonte Opern gesehen und mich gewundert, weshalb der Regisseur Guth in der Presse dafür so schlecht behandelt wurde. Bis auf wenige Details großartiges Theater. Problematisch war dabei eher das Harnoncourt'sche Mozartverständnis. So gesehen schade, daß in Salzburg nächstes Jahr mit einer neuen Serie der DaPonte Opern begonnen wird - Regisseur Bechtolf. Dirigent Welser-Möst. Na Ja.

wo ? wäre hilfreich

Theater an der Wien

Sollte spannend werden:
Ein Thema, das Guth liegen müsste - und tolle Sänger.

Bitte gerne: Theater an der Wien

Sollte eine tolle Sache werden.

Thematisch liegt das Werk (und wohl auch die Poppea) Guth wohl näher als der - allerdings auch durchaus gelungen - Orfeo. Ich bin schon sehr gespannt auf den Vergleich mit der "barocken" Christie-Produktion (AIX - Wiener Festwochen).

Sängerbesetzung liest sich mal sehr ansprechend - besonders gespannt darf man auf den talentierten Countertenor Rupert Enticknapp im Prolog sein.

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