Historiker erinnert an Finanzkrise und Währungsmanipulationen vor 400 Jahren

9. September 2012, 12:01
  •  Steffen Leins: "Das Prager Münzkonsortium 1622/23. Ein Kapitalgeschäft 
im Dreißigjährigen Krieg am Rand der Katastrophe", Münster: Aschendorff 
Verlag 2012, 208 Seiten mit 19 Abbildungen,  € 29.
    coverfoto: aschendorff

    Steffen Leins: "Das Prager Münzkonsortium 1622/23. Ein Kapitalgeschäft im Dreißigjährigen Krieg am Rand der Katastrophe", Münster: Aschendorff Verlag 2012, 208 Seiten mit 19 Abbildungen,  € 29.

"Das Prager Münzkonsortium" von Steffen Leins zeigt ein lehrhaftes Kapitel aus der Geschichte

Tübingen - Dass exzessives Gewinnstreben einiger weniger ganze Staaten an den Abgrund bringen kann, ist nicht erst eine schmerzliche Erfahrung der Gegenwart. Vor 400 Jahren führte eine massive Geldmengenausweitung in den Staatsbankrott, die Macher der Inflation aber hatten ihre Gewinne längst in Sicherheit gebracht. In seinem Buch "Das Prager Münzkonsortium 1622/23: Ein Kapitalgeschäft im Dreißigjährigen Krieg am Rand der Katastrophe" weist der Historiker Steffen Leins von der Universität Tübingen auf Phänomene hin, die nur allzu vertraut klingen. Nur der Zeithorizont ist ein anderer als der in unseren täglichen Wirtschaftsschlagzeilen.

Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) wurde die Währung in weiten Teilen des alten deutschen Reiches massiv manipuliert. Kaiser Ferdinand II. hatte dies offiziell genehmigt, ohne dabei zu ahnen, worauf er sich einließ. Er wusste jedoch, dass er dringend große Mengen Geld zur Finanzierung des Krieges brauchen würde: Soeben hatte er den Aufstand der böhmischen Adligen blutig niedergeschlagen. Doch war der Konflikt längst auf das Reich übergesprungen und drohte Europa mitzureißen. In dieser angespannten Lage verpachtete der Kaiser sein Münzrecht für mehrere Länder an ein Konsortium. Die Silbermünze sollte mit Kupfer gestreckt werden, um Söldner zu bezahlen.

Abgeschöpfte Gewinne, Hungersnot und Staatsbankrott

Dieses Geschäft betrieben zwei Prager Bankiers, die zu den bedeutendsten ihrer Zeit gezählt werden können: Jakob Bassevi und Hans de Witte. Ihre Silberhändler durchreisten Mitteleuropa, um von der Bevölkerung wertvolles altes Silber gegen neue, manipulierte Münzen aufzukaufen. Das so erworbene Silber, mehr als hundert Tonnen, wurde in böhmischen, mährischen und niederösterreichischen Münzstätten mit billigerem Kupfer eingeschmolzen und wieder in Umlauf gebracht. Die Umsätze des Konsortiums beliefen sich auf mehrere Staatshaushalte. Die beiden Bankiers schöpften große Gewinne ab, nicht zuletzt für sich selbst. Als Jude und als Calvinist waren sie gesellschaftlich wenig angesehen und brauchten die Rückendeckung einflussreicher katholischer Adliger wie Wallenstein und Fürst Liechtenstein.

Wallenstein und Liechtenstein waren die mächtigen Statthalter des Kaisers im unterworfenen Böhmen. Nachdem sie die führenden Köpfe des Aufstandes gegen den Kaiser hatten hinrichten lassen, enteigneten sie den einheimischen Adel und kauften dessen Land in der Inflationsphase günstig auf. Auch die Bevölkerung bekam die Wirkungen der Münzmanipulation zu spüren: Die Preise für Nahrungsmittel explodierten, während die Löhne sanken. Eine Wirtschaftskrise und eine Hungersnot waren die Folge. Der Kaiser musste den Staatsbankrott erklären und die Währung abwerten. Es hatte sich erwiesen, dass es gefährlich war, in einer Krise die Geldmenge auszuweiten.

Das Buch beruht auf einer Erweiterung von Leins' Magisterarbeit, welche bereits drei Wissenschaftspreise gewonnen hat: den Wilhelm-Deist-Preis, den Hannelore-Otto-Preis sowie den Werner-Hahlweg-Förderpreis der Bundeswehr. (red, derStandard.at, 8. 9. 2012)

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Münzkonsortium 1622

Alles, was hiermit nichts zu tun hat, gehört gelöscht

Kann man die beiden Zeitalter geldwirtschaftlich überhaupt vergleichen?

Wir haben heute mächtige Institutionen wie IWF u Weltbank, eine weltweit vernetzte Wirtschaft sowie riesige Wirtschaftsgemeinschaften,welche international agieren. Das pysisch im Umlauf befindiche Geld hat kaum noch Wertdeckung u macht nur mehr einen Bruchteil der Gesamtmenge des tatsächlich umlaufenden Geldbetrages aus. Dies vor allem, weil die meisten Transaktionen elektronisch erfolgen, Konten und Kredite (inkl Überziehungen) rein virtuelle Werte in Datenbanken sind. All das müsste zu einer Inflation führen, würden nicht die lenkenden Institutionen permanet mit Zinspolitik gegenwirken.

Man kann sie vergleichen. Diese Frage führt zu einem zentralen blinden Fleck der heutigen Ökonomischen Theorie: diese hat sich auf die Beschreibung der ökonomischen Beziehungen in modernen Industriegesellschaften ausgerichtet. Es fehlt an einer übergeordneten ganzheitlichen Betrachtung ökonomischer Beziehungen überhaupt.

Mir scheint eher, dass das Gegenteil wahr ist.

An spezifischen Betrachtungen des zeitgenössischen Wirtschaftslebens fehlt es? Oder verstehe ich etwas falsch?

Mein Eindruck jedenfalls ist es, dass es viele kleine unverbundene Theoriestücke gibt, aber keine ganzheitliche Betrachtung, die etwaige Defizite einer spezifischen Wirtschaft herausarbeiten könnte.

Vielleicht meinen Sie, es gibt keine zufriedenstellende Beschreibung des derzeitigen Wirtschaftssystems? Das ist für mich gleichbedeutend mit der Forderung nach einer umfassenderen Betrachtungsweise.

Nein, dass die Nationalökonomie versucht, ökonomische Beziehungen abstrakt zu verallgemeinern, statt die Besonderheiten spezifischer Formen vion Wirtschaftssystem zu erkennen.

Kann es sein, das hier das ökonomische System der heutigen Zeit nicht mehr gerecht wird?

Oder anders formuliert: Ist ein auf Bargeld basierendes System noch zeitgemäß?

Nach Ihrem Posting vom 11.09. sollten Sie es eigentlich besser wissen.

Wie sehr basiert denn das System auf Bargeld? Giroguthaben stellen kein Bargeld dar, Buchgeld existiert mindestens seit dem 14. Jahrhundert.

Die Bedeutung des Bargeldes als Vermittler kleiner Transaktionen ist selbstevident, es gäbe sonst keines mehr. Rein technisch betrachtet mag es effizentere Formen des Geldübertrags geben, andererseits haben diese ihre eigenen Tücken.

Heutzutage spekulieren schon Computer an den Börsen...

Historiker erinnert an Finanzkrise und Währungsmanipulationen vor 400 Jahren

was lehrt uns die Geschichte?
das wir nichts aus der Geschichte lernen !!

Sie sollten sich geistig vom 16. Jahrhundert verabschieden, wo Fürsten sich durch Wertverschlechterung von Münzen manipulativ Liquidität sichern wollten, was nebenbei auch einigen Unternehmern zu enormen Gewinnen verhalf. Im entwickelten Kapitalismus ist der Schwindel längst kein manipulativer Eingriff von außen mehr, sondern hauptsächlich ein Resultat des Systems selbst. Alle wissen zwar, dass z.B. ein Wertpapier oder eine Immobilie keinen beliebigen Wert annehmen kann und verhalten sich - aus ihrer Sicht ganz rational - doch so, als sei dies möglich.

nicht ganz richtig

wallenstein war der initiator dieser münzverschlechterung und kaufte sich damit ein heer und seine ländereien zusammen, mit billigung des hilflosen ferdinand.
an ihn hängte sich der ganze damalige hochadel, der so an den riesigen böhmischen landbesitz kam.
führend darin die lichtensteins, schwarzenbergs, de longuevals, kinskys. cernins, usw usw.
die banker waren nur ihre willfährigen helfer.
als das ganze ruchbar wurde, starteten die hofschranzen eine intrige gegen wallenstein und riefen "haltet den dieb", um von sich selbst mit erfolg abzulenken.
dieses modell funktionierte in kkanien immer wieder mit wechselnden sündenböcken. meist waren die juden dann die ausbader. mit ein grund für den tief verwurzelten antisemitismus in austriakanien

Wallenstein war ein Adliger mit großem politischem Ehrgeiz, dessen politische Vorstellungen vielleicht sogar wegweisend waren, aber zugleich auch so etwas wie der Chef eines Großkonzerns. Der wesentliche Unterschied zu heute scheint mir zu sein, dass seine wirtschaftlichen Aktivitäten im Dienst seiner politischen Ambitionen standen, wogegen wir meist genau das Umgekehrte erleben.

Gute Bemerkung!

Würde person in question als böhmischer Herr bezeichnen; Adl..., so man ein Preuss ist!

Literatur

Haben Sie dazu ergänzende Literaturhinweise?Interessiert mich sehr.

der roman von golo mann

"wallenstein" ist super lesbar und interessant.
glänzt nicht durch wissenschaft, aber beleuchtet wunderbar die zustände der zeit und ist packend zu lesen.
sonst gibts endlose büchereimeter über den 30jährigen krieg ...

das ist kein roman

Golo Mann

Ja, das Buch kenne ich. Ich dachte mehr an so ähnliche Artikel wie das da:
http://qed.econ.queensu.ca/CNEH/pape... anVoth.pdf

das löste

im übrigen den niedergang der welser aus.

"Wallenstein" ist kein Roman sondern eine wissenschaftlich fundierte Biographie. Sie mag flüssig und gut lesbar geschrieben sein, bleibt aber immer am Boden der Tatsachen.

Wissenschaft muß nicht trocken sein!

kann sein

ist beinahe 25 jahre her, dass ich das buch gelesen habe.

insgesamt

gab es 5 solche staatspleiten unter den habsburgern. immer war die familie und der adel anschließend um einiges reicher und die bürger und bauern schauten in den ofen. nicht immer war krieg der casus, manchmal schlichte überheblichkeit und dummheit ...

Man könnte noch mehr aus der Geschichte lernen;

beispielsweise, dass Währungsunionen alle miteinander keinen Bestand hatten.

es geht ja nicht

um die Währungs"union", sondern darum, wer den Einfluss bzw. die Macht über die produzierte Geldmenge hat...
Ab welcher Größe ist es sinnvoll/notwendig eine zusätzliche bzw. andere Währung zu haben? Warum?
Der Wirtschaftsraum der USA ist in etwa vergleichbar mit Europa - warum reicht dort eine Währung aus? Ganz zu schweigen von China (=USA+Europa)...

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