Amish-Literatur gegen Erotikbestseller: Wo Händchenhalten noch cool ist

Blog |
  • Um die Haube rankt sich sozialromantische Bellestristik.
    foto: epa/shawn thew

    Um die Haube rankt sich sozialromantische Bellestristik.

  • 16 Mitglieder eines Amish-Clans stehen derzeit vor einem Bezirksgericht in Cleveland, Ohio. Sie werden beschuldigt, im vergangenen Herbst Glaubensbrüdern und -schwestern gewaltsam Bärte oder Haare abgeschnitten zu haben.
    foto: epa/david maxwell

    16 Mitglieder eines Amish-Clans stehen derzeit vor einem Bezirksgericht in Cleveland, Ohio. Sie werden beschuldigt, im vergangenen Herbst Glaubensbrüdern und -schwestern gewaltsam Bärte oder Haare abgeschnitten zu haben.

Amish Literature behauptet sich gegen Erotikbestseller

Seit Wochen führt der Erotikroman "Fifty Shades of Grey" Amerikas Bestsellerlisten an. Der Sommer stand ganz im Zeichen der Protagonisten Anastasia Steele und Christian Grey. Keine U-Bahn-Fahrt verging, bei der man nicht eine Leserin dabei beobachten konnte, wie sie vertieft die SM-Spielchen des Paares studierte. Härter, plakativer, gewagter, danach sehnt sich das amerikanische Publikum. Leb wohl, prüdes Amerika, der Mainstream-Büchermarkt hat sich endlich deiner Fantasien angenommen. Für eher zartbesaitete Leser, die sich mit den aktuellen Literaturtrends weniger anfreunden können, beschreibt "Salon"-Autorin Deborah Kennedy in ihrem aktuellen Artikel eine immer populärer werdende Nische: Amish Literature.

Christliche Verlage haben schon seit längerem den Reiz züchtiger Romantikschmonzetten entdeckt. Nun sind jene angesiedelt in einem besonderen Milieu, jenem der christlichen Religionsgemeinschaft der Amish. Rund 250.000 Anhänger leben in den USA und Kanada, nachdem ihre Vorfahren Anfang des 18. Jahrhunderts aus der Schweiz und Deutschland ausgewandert waren. Ihr Lebensstil hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Sie entsagen jeglichen Errungenschaften der Moderne, nutzen keine Elektrizität, fahren in Pferdekutschen und leben in abgeschiedenen Gemeinschaften in Pennsylvania, Ohio und Indiana. Außenstehende sehen die Männer mit ihren langen Bärten und den Hüten und die Frauen in ihren langen Kleidern und Stoffhauben oft auf Bauernmärkten, wo sie Marmelade, Brot und andere Produkte verkaufen.

Viele Autoren haben sich von dem asketischen Lebensstil der Amish inspirieren lassen und Traumwelten erschaffen, in denen brave Mädchen in langen Röcken und Blusen sich nach ihrem Traumprinzen und der perfekten Familie sehnen. Dazwischen wird viel Apfelkuchen gebacken, mit der Pferdekutsche gefahren und die Haube zurechtgerückt. Sie - die Haube nämlich - ist auch der Grund, weshalb manche der Bücher so großen Absatz finden, erklärt Steve Oates, Vizepräsident des christlichen Verlagshauses Bethany House, in Kennedys Artikel. Sobald eine Frau mit einer Haube auf dem Cover ist, kann man sich sicher sein, dass das Buch ein Renner wird.

Vor allem christliche Frauen auf dem Land finden Gefallen an den romantischen Geschichten, in denen höchstens Händchen gehalten wird. Die Autoren der Bücher sind selten selbst Anhänger der Religionsgemeinschaft. Die Amish sind weniger begeistert über den Trend, der sie ins Scheinwerferlicht rückt, zumal die beschriebenen Geschichten nicht unbedingt der Realität entsprechen würden. Dabei wäre ein bisschen positive Publicity nicht das Schlechteste, was den Amish derzeit passieren könnte. Angesichts des laufenden Prozesses um Anhänger einer Amish-Sekte in Ohio, in der Zweiflern und Abtrünnigen die Bärte und Haare zwangsgeschnitten wurden, kann man nur froh sein, wenn man die Gemeinschaft mit ein paar romantischen Frauen in züchtigen Hauben assoziiert. (Solmaz Khorsand, derStandard.at, 4.9.2012)

Share if you care