Amish-Literatur gegen Erotikbestseller: Wo Händchenhalten noch cool ist

Blog | Solmaz Khorsand
4. September 2012, 10:57
  • Um die Haube rankt sich sozialromantische Bellestristik.
    foto: epa/shawn thew

    Um die Haube rankt sich sozialromantische Bellestristik.

  • 16 Mitglieder eines Amish-Clans stehen derzeit vor einem Bezirksgericht in Cleveland, Ohio. Sie werden beschuldigt, im vergangenen Herbst Glaubensbrüdern und -schwestern gewaltsam Bärte oder Haare abgeschnitten zu haben.
    foto: epa/david maxwell

    16 Mitglieder eines Amish-Clans stehen derzeit vor einem Bezirksgericht in Cleveland, Ohio. Sie werden beschuldigt, im vergangenen Herbst Glaubensbrüdern und -schwestern gewaltsam Bärte oder Haare abgeschnitten zu haben.

Amish Literature behauptet sich gegen Erotikbestseller

Seit Wochen führt der Erotikroman "Fifty Shades of Grey" Amerikas Bestsellerlisten an. Der Sommer stand ganz im Zeichen der Protagonisten Anastasia Steele und Christian Grey. Keine U-Bahn-Fahrt verging, bei der man nicht eine Leserin dabei beobachten konnte, wie sie vertieft die SM-Spielchen des Paares studierte. Härter, plakativer, gewagter, danach sehnt sich das amerikanische Publikum. Leb wohl, prüdes Amerika, der Mainstream-Büchermarkt hat sich endlich deiner Fantasien angenommen. Für eher zartbesaitete Leser, die sich mit den aktuellen Literaturtrends weniger anfreunden können, beschreibt "Salon"-Autorin Deborah Kennedy in ihrem aktuellen Artikel eine immer populärer werdende Nische: Amish Literature.

Christliche Verlage haben schon seit längerem den Reiz züchtiger Romantikschmonzetten entdeckt. Nun sind jene angesiedelt in einem besonderen Milieu, jenem der christlichen Religionsgemeinschaft der Amish. Rund 250.000 Anhänger leben in den USA und Kanada, nachdem ihre Vorfahren Anfang des 18. Jahrhunderts aus der Schweiz und Deutschland ausgewandert waren. Ihr Lebensstil hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Sie entsagen jeglichen Errungenschaften der Moderne, nutzen keine Elektrizität, fahren in Pferdekutschen und leben in abgeschiedenen Gemeinschaften in Pennsylvania, Ohio und Indiana. Außenstehende sehen die Männer mit ihren langen Bärten und den Hüten und die Frauen in ihren langen Kleidern und Stoffhauben oft auf Bauernmärkten, wo sie Marmelade, Brot und andere Produkte verkaufen.

Viele Autoren haben sich von dem asketischen Lebensstil der Amish inspirieren lassen und Traumwelten erschaffen, in denen brave Mädchen in langen Röcken und Blusen sich nach ihrem Traumprinzen und der perfekten Familie sehnen. Dazwischen wird viel Apfelkuchen gebacken, mit der Pferdekutsche gefahren und die Haube zurechtgerückt. Sie - die Haube nämlich - ist auch der Grund, weshalb manche der Bücher so großen Absatz finden, erklärt Steve Oates, Vizepräsident des christlichen Verlagshauses Bethany House, in Kennedys Artikel. Sobald eine Frau mit einer Haube auf dem Cover ist, kann man sich sicher sein, dass das Buch ein Renner wird.

Vor allem christliche Frauen auf dem Land finden Gefallen an den romantischen Geschichten, in denen höchstens Händchen gehalten wird. Die Autoren der Bücher sind selten selbst Anhänger der Religionsgemeinschaft. Die Amish sind weniger begeistert über den Trend, der sie ins Scheinwerferlicht rückt, zumal die beschriebenen Geschichten nicht unbedingt der Realität entsprechen würden. Dabei wäre ein bisschen positive Publicity nicht das Schlechteste, was den Amish derzeit passieren könnte. Angesichts des laufenden Prozesses um Anhänger einer Amish-Sekte in Ohio, in der Zweiflern und Abtrünnigen die Bärte und Haare zwangsgeschnitten wurden, kann man nur froh sein, wenn man die Gemeinschaft mit ein paar romantischen Frauen in züchtigen Hauben assoziiert. (Solmaz Khorsand, derStandard.at, 4.9.2012)

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Sie reden nicht über Sex, sie tun es

Amish, eine besondere Form religiöser Geisteskrankheit.

Zumindest tun Amish keinem weh (die Sache mit den Bärten jetzt mal ausgenommen). Sie schreiben keinem Aussenstehen was vor, und jeder hat als junger Erwachsener die Chance die "Aussenwelt" zu erleben (Rumspringan) uns sich danach für oder gegen ein Leben als Amisher zu entscheiden.

Das ist besser als all die anderen Religionen, die der ganzen Welt ihre Vorschriften aufzwingen wollen. Evangelikale Christen, fundamentalistische Moslems, selbst die Katholen wollen anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Die Amish tun das nicht. Sollen sie doch so leben, wie sie wollen.

What do you call an Amish guy with his hand up a horse's ass? A Mechanic.

händchenhalten

is eh die gemeinste bdsm nummer die es gibt

"Sie entsagen jeglichen Errungenschaften der Moderne"

mitnichten. die amish gehören durchaus auch zu geradezu industriell landwirtschaftenden großunternehmern als farmer - nur werden dann halt die melkmaschinen pneumatisch betrieben (kompressor hängt an der windmühle), der kühlschrank mit gas und nicht elektrisch, denn elektrischer strom und verbrennungskraftmaschinen sind pöhse

oder die melkmaschine läuft doch elektrisch, aber der strom kommt aus dem dieselgenerator, damit man nicht mit der pöhsen außenwelt am selben netz hängt...

ich find so was ja verlogen, aber wenns schee macht...

"mitnichten"

Jein. Amish ist nicht gleich Amish. Die verschiedenen Gruppierungen sind unabhängig und entscheiden unabhängig voneinander welche Errungenschaften der Moderne akzeptiert werden, und welche nicht. Manche Gruppen sind in der Hinsicht liberaler, manche konservativer und strenger.

ja, mitnichten

mitnichten ist es so, daß amish generell den bzw. JEGLICHEN errungenschaften der moderne entsagen

daß es unterschiedliche ausprägungen dieser imho doppelbödigkeit gibt, habe ich bereits beschrieben

"50 shades of grey" ist kein bdsm-roman sondern die geschichte einer missbrauchsbeziehung samt stockholmsyndrom zwischen zwei für sex geistig nicht reifen leuten die keine ahnung von bdsm,konsens,absprache und all dem anderen selbstverständlichen kram haben.sollte man nicht lesen,nicht ernst nehmen und lieber im internet schauen wenn man sich sadistisch oder masochistisch fühlt.

Danke für diese klaren Worte. Ich habe das Buch aus Hygienegründen nicht gelesen - dachte mir aber sowas.

Immer wieder ein Genuss!

Schneiden die ihre Bärte nie?

Auch gut, jeder wie er will.
Bleibt aber trotzdem die Frage, wieso denen auf der Oberlippe kein Bart wächst.
Haben die Talibangene?

Wenn ein Amish geheiratet hat, kürzt er wohl nur noch den Oliba.

Taliban-Gene? Nicht ganz; nahezu alle Amish stammen allerdings von etwa 200 Sektierern ab, die Inzucht bedingt die Häufung mehrerer genetischer Defekte. Vielleicht der wichtigere Unterschied: Die Wiedertäufer-Sekten lehnen eigentlich jede Gewalt ab, verweigern jeden Kriegsdienst, jeden Eidschwur, so wie ja auch die Zeugen Jehovahs ins KZ gingen statt in die Wehrmacht.

[Die originalen Amish waren Schweizer/Elsässer, die Sekte entstand durch einen Streit zwischen den FÜhrern der Mennonitensekte; die Anhänger eines Jakob Ammann wurden dann die "Ammanschen Leute" oder "Ammanschen"]

"Married men and those over forty grow a beard. Mustaches are forbidden, because they are associated with European military officers and militarism in general. A beard may serve the same symbolic function, in some Old Order Amish settings, as a wedding ring, and marks the passage into manhood."
https://en.wikipedia.org/wiki/Amis... ay_of_life

Nicht alles glauben, was auf wikipedia steht...

Amish literature

Gibt's die auch als eBook?

Es gibt sogar eine Amishsektion bei Wikipedia. Ich frage mich wie die ihre Artikel aktualisieren.

Durch außenstehende oder junge leute in dieser welterkundungsphase

Es gibt wichtigeres

Die Amis sollten sich eher auf Sekten wie Scientology kümmern, dort geht es dann so richtig ab.

Was meinst du denn mit "kümmern"? Die US-Verfassung verbietet jegliche Regelung der Religion:

"Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, oder das die freie Ausübung davon verbietet."

Das ist eine völlig unantastbare Sache.

Oh Gott, das fällt mir jetzt erst auf
Die "Amis" und "Amish"
Das kann doch kein Zufall sein.

händchenhalten>spanking

das ist doch wohl klar.

härter, plakativer, gewagter. was für ein schmarrn.
die gaukeln sich etwas vor.

Mal ehrlich:

So daneben ich es auch halte, dass sie sich die Bärte gegenseitig schneiden...

Aber ermordet wurde keiner.

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