Vier Schritte bis zur Apokalypse

Margarete Affenzeller
3. September 2012, 18:14
  • Sieht sich mit 83 Prozent Auslastung und Stücken abseits des Gefälligen 
auf einem guten Weg - Schauspielhaus-Chef Andreas Beck.
    foto: standard/heribert corn

    Sieht sich mit 83 Prozent Auslastung und Stücken abseits des Gefälligen auf einem guten Weg - Schauspielhaus-Chef Andreas Beck.

Saisonstart mit Tetralogie nach Paul Claudels "Der seidene Schuh"

Wien - Wird die Welt im Dezember untergehen? Wir wissen es (nicht), aber wir denken darüber nach. Das Wiener Schauspielhaus fragt angesichts der wieder modern gewordenen Beschäftigung mit Transzendenz und Glauben nach dem "Säkularen Zeitalter?", so das Jahresmotto. Gibt es außer uns nicht doch noch etwas, auf das wir unser Tun ausrichten könnten? Es gibt. Zumindest in Paul Claudels Mammutstück Der seidene Schuh oder Das Schlimmste trifft nicht immer zu (1925), in dem es um eine erst im Jenseits erfüllbare Liebe geht.

Vier Autoren und vier Regisseure stellen sich in vier Teilen dieser zur Zeit der Konquistadoren angesiedelten, weltumspannenden Geschichte des religiös erleuchteten französischen Schriftstellers. Diese Tetralogie ist in ihrer Form als Fortführung der Schauspielhaus-Serie - nunmehr auf der Hauptbühne - zu verstehen. Die einzelnen Teile werden zwar länger, doch bleibt die bewährte Skizzenhaftigkeit der Inszenierungen durch das dem Fernsehen nachempfundene hohe Tempo des Produzierens erhalten.

Nach der Apokalypse

Teil eins, Die Glückspilger (Autor: Thomas Arzt/ Regie: Gernot Grünewald), hat am 11. Oktober Premiere. Es folgen im Zweiwochenrhythmus Wo du nicht bist (Jörg Albrecht/ Mélanie Huber), Die Eroberung der Einsamkeit (Anja Hilling/ Christine Eder) und Das Boot der Millionen (Tine Rahel Völcker/ Pedro Martins Beja). Rechtzeitig vor dem für Dezember anberaumten Weltuntergang finden alle vier Teile zu einem achtstündigen Claudel-Marathon (17. und 30. 11.) zusammen.

Sollte die Apokalypse ausbleiben, so geht es in der zweiten Spielzeithälfte mit drei Uraufführungen und einer österreichischen Erstaufführung weiter. Und zwar unter besonderer Berücksichtigung von Autorregisseuren, also Autoren, die ihre Stücke vorzüglich selbst inszenieren: Anne Habermehl mit Luft aus Stein und Kevin Rittberger mit einer Coriolan-Bearbeitung. Lilja Rupprecht inszeniert Ich war nie da, ein Stück des Schweizers Lukas Linder, und Hausregisseurin Felicitas Brucker kümmert sich um Iwan Wyrypajews Illusionen.

Neu im Ensemble des Wiener Schauspielhauses sind mit dieser Saison Franziska Hackl, Barbara Horvath und Gideon Maoz; Vincent Glander wechselte ans Schauspiel Frankfurt. Fortgesetzt werden die Nachwuchsprojekte stück für stück (mit der Literar-Mechana), die Schreibklasse (mit uniT) und Szene machen! im Rahmen der Schultheater-Initiative des Bundes sowie die relativ neue Schiene für das zeitgenössische Hörstück.

Mit einer Auslastung von insgesamt 83 Prozent sieht sich Schauspielhaus-Direktor Andreas Beck in seiner Programmierung bestätigt: " Wir haben in der vergangenen Saison mit Stücken von Streeruwitz oder Xaver Bayer/Christine Gaigg ein durchaus riskantes Programm geboten, man kann also nicht nur mit Gefälligem Erfolg haben." (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 4.9.2012)

Share if you care
5 Postings

bin nach jeder besuchten vorstellung erschöpfter als davor - also mühsames theater

bestes theater wiens punkt

Bin jedes Mal enttäuscht, wenn ich hingehe. Mitdreißiger glauben die Welt zu erklären - und bleiben doch nur im eigenen Saft.

Stimmt leider schon ein wenig.
<stereotyp>Die Schauspielhausautoren sind ein Sammelsurium verhinderter Akademiker, die in Ihrem Leben zu viel Foucault, Derrida und Lacan gelesen haben und nun glauben, das würde schon ausreichen, um ein interessantes Stück zu schreiben. Die Folge sind dann elendslange Monologe, in denen zwar nichts Substantielles ausgesagt wird, die aber durchgehend in indirekter Rede gehalten sind um damit den postmodernen Tod des Subjekts zum Ausdruck zu bringen. Das ist genau beim ersten Autoren, der das tut, fünf Minuten originell, danach beginnt die Gedankenleere und das Fehlen konkreter Inhalte, die ja doch die Voraussetzung sinnvoller szenischer Darstellung wären, schon unangenehm aufzufallen.</stereotyp>

die 3 namen erzeugen, jeder für sich,

gänsehaut bei mir. viel gelesen, und am besten von sokal&bricmont zusammengefasst gefunden. eleganter nonsens!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.