Immer mehr Männer über 30 wohnen bei den Eltern

  • Der Anteil der über 30-Jährigen, die noch bei den Eltern leben, steigt seit drei Jahrzehnten.

    Der Anteil der über 30-Jährigen, die noch bei den Eltern leben, steigt seit drei Jahrzehnten.

  • Ökonom Norbert Neuwirth forscht zur Veränderung von Familienstrukturen.
    foto: öif

    Ökonom Norbert Neuwirth forscht zur Veränderung von Familienstrukturen.

Gründe sind lange Ausbildung, prekäre Jobs und der Komfort zu Hause - Österreicher wohnen besonders gerne bei den Eltern

Ausziehen war gestern, das "Hotel Mama" wird immer beliebter. Vor allem bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern. Sie zieht es immer seltener von zu Hause fort. In Österreich leben mittlerweile vier von fünf 21-jährigen Männern bei den Eltern, wie Untersuchungen von Norbert Neuwirth und Christine Geserick vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien zeigen. Die Entwicklung zeichne sich seit den 1970er Jahren ab, seit damals bleiben immer mehr junge Männer immer länger zu Hause wohnen. 

Anteil bei 36-Jährigen verdreifacht

Der Anteil der 27-Jährigen, die noch im "Hotel Mama" residieren, hat sich von 1971 bis 2011 auf rund 38 Prozent fast verdoppelt, bei den 36-Jährigen fast verdreifacht. "Bei den über 30-jährigen Männern wächst die Quote exponentiell", berichtet Neuwirth. Der Ländervergleich zeige, dass Männer generell später von zu Hause ausziehen als Frauen. "Verglichen mit nord- und westeuropäischen Männern sind die österreichischen aber besonders spät dran", so der Familienökonom.

Ein möglicher Grund sei, dass es Männern heute länger möglich ist, eine eigene Familie zu gründen. Neuwirth: "Es gibt immer mehr Familien, in denen die frischgebackenen Väter wesentlich älter sind als die Mütter." Allerdings lasse sich die Richtung des Zusammenhangs nicht eindeutig feststellen. "Ziehen die Männer später von zu Hause aus, weil sie mehr Zeit haben fürs Familiengründen? Oder werden sie später Vater, weil es bei den Eltern so bequem ist?" Ein soziologisches Henne-Ei-Dilemma.

Deutsche werden früher flügge

Gesichert ist, dass materieller Wohlstand und damit verbundener Komfort im Elternhaus "auszugshemmend" wirken. Auch lange Ausbildungszeiten und prekäre Phasen am Beginn der Berufslaufbahn sind dafür verantwortlich, dass Männer immer später von zu Hause ausziehen. Auszugsfördernd wirkt es dagegen, wenn sich die Eltern trennen - Scheidungskinder suchen sich statistisch gesehen früher eine eigene Wohnung. 

Das Auszugsverhalten österreichischer Männer lässt sich Neuwirths Studien zufolge mit dem osteuropäischer Geschlechtsgenossen vergleichen. Allerdings machten es die materiellen Verhältnisse dort für junge Menschen lange Zeit schwierig, das Elternhaus zu verlassen. Sehr deutliche Unterschiede gibt es zwischen Österreich und Deutschland: "Deutsche Männer ziehen früher von zu Hause aus", so Neuwirth.

Höher Gebildete bleiben daheim

Anders als in Osteuropa ist das "Hotel Mama" in Österreich eher ein Phänomen höherer und gebildeter Schichten. Vor allem junge Menschen, die ein Studium absolvieren, bleiben hierzulande gerne länger bei den Eltern wohnen. "Je höher die Bildung und je höher der Standard in der Herkunftsfamilie, desto länger bleiben die Menschen daheim", sagt Norbert Neuwirth.

Ein Grund dürfte sein, dass der Auszug unattraktiver erscheint, wenn man im Elternhaus einen hohen Lebensstandard gewohnt ist. "Die Erwartungen sind dann einfach höher, was das Lebensniveau betrifft." Allerdings ziehen auch österreichische Lehrlinge später aus als deutsche. 

Frauen ziehen nach 

Auch bei den Frauen zeigt sich der Trend zum längeren Verbleiben im Elternhaus - allerdings deutlich schwächer als bei den Männern. Sie holen Studien zufolge vorrangig in der Altersklasse 18 bis 25 auf. Wohnte 1971 knapp jede dritte 21-Jährige bei den Eltern, tun das 2011 schon zwei von drei. Derzeit wohnt jede zwölfte 33-Jährige in Österreich noch unter dem elterlichen Dach, 1971 war dieser Anteil nicht einmal halb so groß. (Lisa Mayr, derStandard.at, 2.10.2012)

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