London, wie William Shakespeare es sah

Sebastian Borger aus London
3. September 2012, 17:07
  • William Shakespeare (April 1564 - April 1616). 
    foto: british museum

    William Shakespeare (April 1564 - April 1616). 

Mit rund 190 Objekten, viele davon aus Privatbesitz, zeigt das British Museum bis 25. November Londons Bedeutung als Weltstadt vor 400 Jahren aus der Sicht William Shakespeares und seiner Stücke

Leider. Die Begegnung mit dem liebenswürdigen alten Herrn ist im Eintrittspreis nicht inbegriffen. Sonny Venkatrathnam nahm die beschwerliche Reise nach London nur für die Eröffnung der Ausstellung auf sich. Schließlich hat der einstige politische Häftling dem British Museum eines der wichtigsten Exponate, jedenfalls das anrührendste, zur Verfügung gestellt: eine Gesamtausgabe der Werke William Shakespeares. Es war das einzige Buch, das ihm das Apartheid-Regime Südafrikas während seiner Gefängniszeit auf Robben Island erlaubte.

Aufgeschlagen liegt das Buch, auch Robben-Island-Bibel genannt, in einer Vitrine. Es ist die Stelle der zweiten Szene im 2. Akt von Julius Caesar: "Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt,/ Die Tapfern kosten einmal nur den Tod" steht da. Und daneben, in schwarzer Schrift: " NRD Mandela, 16. 12. 77."

"Ich wollte meine Mitgefangenen teilhaben lassen an meinem Buch", erzählt Venkatrathnam, "und habe sie gebeten, die Stelle zu markieren, die ihnen am wichtigsten war." 32 Genossen trugen sich ein, darunter auch der spätere Staatspräsident Nelson Mandela. Und die Lieblingsstelle des Besitzers? Da lächelt Venkatrathnam freundlich: "Ich mag den ganzen Shakespeare."

Mit dem größten Dramatiker und Dichter englischer Sprache hatte sich der politische Häftling die Welt ins Gefängnis geholt - so wie Shakespeare vor gut 400 Jahren die Welt auf die Bühne hievte. Was Computer und Internet heute per Mausklick bieten, war für die des Lesens weitgehend nicht kundigen Londoner der Spätrenaissance nur im Theater zu haben - oder in der Kirche: Ansichten ferner Länder, eine Interpretation der Geschichte, die Auseinandersetzung mit der Tagespolitik.

Ein Besucher der Metropole mit damals 200.000 Einwohnern notierte 1599: " Man sagt, London liege nicht in England, vielmehr England in London." Zunehmend aber kam weit mehr als nur England nach London. Handel und Tourismus, die Anfänge des Empire brachten immer neue Begegnungen mit der Außenwelt. Die Forschung ist sich beinahe sicher, dass der Meister England nie verlassen hat. Wozu auch? Die Welt kam ja nach London.

Vorbild für Othello

Eine Sensation stellte beispielsweise 1600 der Besuch von Abd el-Ouahed ben Masaoud ben Mohammed Anoun dar. Ein halbes Jahr antichambrierte der Botschafter des Königs der Berber (heute Marokko) am Hofe Elizabeths I, um ein Bündnis mit der Protestantin gegen das katholische Spanien zustande zu bringen. Als Mitglied der königlichen Theatergruppe dürfte Shakespeare für die hohen Besucher aufgetreten sein. Ob der marokkanische Botschafter später das Vorbild gab für Othello, den " tapferen Mohren"?

Vor dem Gemälde des bärtigen Diplomaten stehen stolz Jonathan Bate und Dora Thornton im berühmten früheren Lesesaal der British Library, der heute als Ausstellungsstätte dient. Gemeinsam haben die Renaissance-Spezialistin Thornton am British Museum und der Oxforder Literaturprofessor Bate die Ausstellung konzipiert und in jahrelanger Arbeit zusammengetragen. "Wir wissen nicht viel über Shakespeare selbst" , räumt Bate ein, "aber eine ganze Menge über die Welt um ihn herum, die ihn beeinflusst hat."

Feine politische Antennen

Davon handeln die kostbaren Objekte, mehr als die Hälfte stammt aus Privatbesitz. Der faszinierende Wandteppich der Grafschaft Warwickshire zeigt Shakespeares unmittelbare Heimat und repräsentiert "eine neue Betonung von Regional- und Nationalbewusstsein" (Bate), von der England zu jener Zeit ergriffen war. Die Goldmünze Iden des März, geprägt von Brutus zur Feier des Mordes an Julius Cäsar, spielt auf die genaue Kenntnis der Geschehnisse im Altertum an, die unter Shakespeares Zuschauern verbreitet war.

Die Ausstellung behandelt auch schwieriges Terrain: Die Liebesbeziehung der Ägypterkönigin Kleopatra zum römischen General Mark Antonius wies allzu offensichtliche Parallelen zur Königin und ihrem Liebhaber, dem Grafen von Essex, auf. Ein Zeitgenosse vernichtete das Kleopatra-Manuskript, Shakespeare brachte das Stück erst nach Elizabeths Tod auf die Bühne. "Er hatte gewiss sehr feine politische Antennen", glaubt Professor Bate.

Nicht zuletzt die Robben- Island-Bibel zeige, was Shakespeare bis heute bedeutet: "Wir sind sehr glücklich, das Buch zeigen zu dürfen." Da lächelt Sonny Venkatrathnam still in sich hinein. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 4.9.2012)

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16 Postings
Das Shakespeare-Rätsel

Sehenswerte Shakespeare-Dokumentation. Immer mehr Literaturexperten bezweifeln, dass Shakespeare der Autor seiner Stücke ist. Frau und Kinder des großen Dichters waren wahrscheinlich Analphabeten. Es gibt keine Manuskripte in seiner Handschrift. Und es fehlt an Frühschriften, wie es bei fast einem jeden anderen Schriftsteller üblich ist. In seinem "Letzen Willen" erwähnt er sein Schrifttum nicht, als ob er keines hätte.

http://www.zdf.de/ZDFmediat... re-Raetsel

nach den neuesten literaturwissenschaftlichen erkenntnissen

ist der name william shakespeare ein pseudonym des autors william shakespeare ..
woraus sich ergibt das der autor der originalen autorenschaft william shakespeare ist und heisst .....................

2 (in Worten: ZWEI) Literaturexperten, die das bezweifeln!

Dass Shakespeare seine Stücke und Gedichte nicht geschrieben hat, wissen Pyramidioten, Uofologen, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker etc... Wenn Sie persönlich keine Literaturexperten kennen, was sicher mit Ihrer Ausbildung zusammenhängt, dann besteht trotzdem kein Grund, dass Sie Ihnen unbekannte Leute durch solche Kindergartenaussagen beleidigen!
P.S.: Einen ZDF(!)-Bericht als ernstzunehmende Quelle anzuführen, ist ja wohl der unintelligenteste Schmarrn des Universums!

Und bis auf dass Sie mich beflegeln, fällt Ihnen nichts ein. Warum sollte eine ZDF-Doku "der unintelligenteste Schmarrn des Universums" sein? Diese tiefschürfende Erkenntnis sollten Sie doch einmal begründen, falls Sie nicht nur zum Schimpfen, sondern auch zu geordneter Denkarbeit imstande sind.

So unhöflich sein Posting, so Recht hat er in der Sache doch. Der Zweifel an der Autorenschaft der Werke Shakespeares ist ein realtiv junges Phänomen und seitdem auf akademischer Ebene zur Genüge behandelt. In der entsprechenden Forschung gilt die Autorenschaft durch Shakespeare auch nach wie vor als Konsens, alle etwaigen Unstimmigkeiten lassen sich problemlos auflösen.
Dann mit einer ZDF-Dokumentation daherzukommen und wider den akademischen Konsens das Gegenteil zu behaupten ist halt schon ein wenig naiv und dass Sie eine Aussage wie " Immer mehr Literaturexperten bezweifeln ..." empirisch belegen können halte ich auch für unwahrscheinlich.

Auf den Konsens einer orthodoxen Shakespeare - Forschung, die nebstbei

gesagt einpacken kann, sobald der Autor Shakespeare vom Tisch ist, würde ich nicht allzuviel geben. Akademischer Konsens ist Gruppenzwang und ökonomische Selbstabsicherung, aber niemand weiß zu erklären, wie es möglich ist, dass der angebliche Schöpfer von 37 Dramen kein einziges handschriftlich von ihm verfasstes Manuskript hinterlässt. Ja nicht einmal ein kurzes Gedicht. Hingegen der Mann ansonsten ja keineswegs schreibfaul war, wie nicht zuletzt sein ausuferndes, in hölzernem Stil (!) verfasstes, Testament beweist. Die schriftlichen Zeugnisse Shakespeares zeigen einen aliterarischen Menschen, der aus reinem Zweckdenken gerne zur Feder greift.

Geh bitte!

"Akademischer Konsens ist Gruppenzwang und ökonomische Selbstabsicherung"
Der erste, der einen unanfechtbaren Beweis dafür liefert, dass nicht Shakespeare sondern ein anderer die ihm zugeschriebenen Werke verfasst hat, wäre finanziell und akademisch ein gemachter Mann. In der Folge würde sich ein völlig neues Forschungsgebiet auftun, ergo massenhaft zusätzliche Forschungsgelder fließen.
Hinzu kommt, dass damit auch der Kulturbetrieb eine Relektüre und Neudeutung des Werks in Angriff nehmen dürfte, auch nicht grad ein Nachteil. Finanziell profitiert von vermeintlichen "Mythos" also genau überhaupt niemand.

Sie sind bloß ein Spinner, der eine Unterhaltungssendung nicht von einer wissenschaftlichen Abhandlung zu unterscheiden weiß.

Der erste, der einen unanfechtbaren Beweis dafür liefert, dass ...

Natürlich gibt es keinen Beweis, dass Shakespeare nicht der Autor seiner Schriften gewesen wäre, aber - und das ist ja beinahe einzigartig - es gibt auch keinen auch nur bescheidenen Beweis, dass er es gewesen wäre. Wie kann man da von einem akademischen Konsens sprechen? Unwissende einigen sich über ihr Unwissen. Toll!

Die ZDF-Doku verstehe ich als bekömmliche Heranführung zu dem Thema. Natürlich keine wissenschaftliche Arbeit, aber recht gut gemacht.

Folgenden Deal schlag ich vor:

Sie sagen mir 2 (in Worten: ZWEI) Literaturexperten, die glauben, dass Shakespeare seine Stücke und Gedichte NICHT geschrieben hat - und ich entschuldige mich bei Ihnen! Allerdings können Sie nicht selbst entscheiden was Experten sind, da muss ich folgenden Vorbehalt anmelden: es müssen Anglisten sein - und sie müssen an einer anerkannten Universität (Shanghai-Ranking) lehren!
Was das ZDF betrifft, es handelt sich dabei um eine der üblichen Bevölkerungs-Verblödungseinrichtungen. Der einzige Unterschied zu RTL, Sat 1, Pro 7 etc... ist, dass man beim ZDF Gebühren zahlen muss.

Sie fordern ernsthaft eine Beweisführung vermittels einer Gelehrtenaristokratie, die vom Mythos Shakespeare - und zwar gut - lebt? Sollte dieser Mythos, zu dem in Kreisen der Nutznießer Einverständnis besteht, eines Tages fallen, ist deren Wissen über Nacht entwertet, sie können ihre Bücher vom Markt nehmen, ihre Vorlesungen absagen, eine ganze höchst profitable Industrie dann kracht.

Es ist nicht gar nicht verblüffend, dass Leute, die offensichtlich nicht lesen...

...können, sich einbilden über den Shakespeare herumplappern zu müssen! Ich habe von Ihnen gar nix ge"fordert", ich habe geschrieben, "sagen" Sie mir. "Fordern" würde ich nur Sachen, die mich interessieren! JEDEM ernsthaften Menschen auf diesem Planeten ist die Person Shakespeare mehr oder weniger wurscht. WIR, die ernsthaften, an Kunst und Literatur interessierten Menschen haben nämlich die Werke! Wer die geschrieben hat wäre echt wurscht. Nur, in diesem Fall wissen wir zu 100 Prozent, dass sie Shakespeare geschrieben hat. Was Sie und Ihresgleichen wollen, ist die "Bravo"-Heftl oder "Seitenblicke"-Gier auf das Leben von Promis. Das "Leben" von bedeutenden Künstlern zu kennen ist ein pubertärer, romantisch-kitschiger Doofiewahn.

Ist doch ein alter Hut:

Man weiß schon längst, daß nicht Shakespeare all diese Stücke geschrieben hat, sonder ein ganz anderer Typ, der nur zufällig genauso geheißen hat.

Was jetzt definitiv falsch ist.

Nicht, wenn man verstanden hat, dass es sich bei dieser Aussage um einen alten Witz handelt.

Zu subtil für Sie?

Zu viele Spekulationen was und wie es gewesen sein könnte, keine richtigen Antworten, insgesamt alles andere als eine gute Dokumentation. Positiv hervor stachen nur die Kostüme. Ansonsten sind die 45 Minuten mit anderen Dokus besser ausgefüllt.

Überhaupt keine Spekulationen, sondern handfeste Fakten. Faktum ist nämlich die Todesdrohung gegen den populären Marlowe, mit besten Kontakten in den Geheimdienst und zum Amts- und Hochadel. Er stand faktisch schon auf der Hinrichtungsstätte und hatte in England keine Zukunft mehr - musste also weg. Und dass es zu Shakespeare keine Frühschriften gibt, keine Manuskripte, in späterer Zeit kein Interesse an Literatur, etc... - alles sehr stichhaltig. Wann schrieb der vielbeschäftigte Unternehmer und Geldmensch seine 37 Dramen? Was fehlt ist einzig der abschließende Beweis von Marloews Weiterleben im Schutze einer konstruierten Identität. Auch finde ich nicht, dass aus den Dramen Gelehrtheit spricht, wenn bei Shakespeare Böhmen am Meer liegt.

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