In den Bergen haust das Böse

  • Eine Szene aus Daniel Woodrells 2010 von Debra Granik verfilmtem Roman "Winters Knochen" um die jugendliche Heldin Ree Dolly (dargestellt von Jennifer 
Lawrence): Düster, hoffnungslos, noir.
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    Eine Szene aus Daniel Woodrells 2010 von Debra Granik verfilmtem Roman "Winters Knochen" um die jugendliche Heldin Ree Dolly (dargestellt von Jennifer Lawrence): Düster, hoffnungslos, noir.

  • Daniel Woodrell ist Stargast der Wiener Kriminacht am 18. 
September im Café Landtmann. Er selbst bezeichnet seine Literatur als "Country noir". 
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    Daniel Woodrell ist Stargast der Wiener Kriminacht am 18. September im Café Landtmann. Er selbst bezeichnet seine Literatur als "Country noir". 

US-Autor Daniel Woodrell ("Winters Knochen") erzählt illusionslose Geschichten aus einer schrecklichen Welt. Im Rahmen der heurigen Wiener Kriminacht stellt er nun seinen Roman "Der Tod von Sweet Mister" in Österreich vor.

Wien - Die schreckliche Gewissheit, die sich aus Lebenserfahrung destillieren lässt, besagt: Auf dieser Welt gibt es keine Geschichte, die gut ausgeht. Ein Happy End findet nicht statt - und wenn doch, so besitzt es nur aufschiebende Wirkung. Am Ende sind wir alle tot, tot, mausetot. Wer das Gegenteil behauptet, beschwichtigt. Im Sinne der Maus ist letztlich alles für die Katz.

Daniel Woodrell aus Missouri steht mit seinem diesbezüglichen Schaffen nicht nur fest in der Tradition von Altvorderen wie William Faulkner, Sherwood Anderson, Flannery O'Connor oder Erskine Caldwell, James Ross oder James Cain. Als zeitgenössische Kollegenschaft im Genre dieser zumindest dank jüngerer Übersetzungen auch vom deutschen Publikum wieder gern rezipierten Literatur lassen sich unter anderem Donald Ray Pollock und selbstverständlich der ungleich berühmtere Cormac McCarthy anführen.

Woodrells im Hinterland der USA, vorzugsweise in den rauen und noch immer hinterwäldlerischen Ozark-Bergen von Arkansas und Missouri, angesiedelte Geschichten folgen auch einem zeitlosen Prinzip. Es ist jenes der illusionslosen Beschreibung auswegloser Biografien. US-Songwriter Townes Van Zandt brachte dies einmal wie folgt auf den Punkt: "Ich denke nicht, dass meine Lieder alle so traurig sind. Ich habe ein paar, die nicht traurig sind - die sind nur hoffnungslos."

Der 1953 geborene, in St. Louis und Kansas City aufgewachsene Daniel Woodrell kam zum Schreiben wie der klassische Schulabbrecher zu den US-Marines. Nach einem Drogenvergehen unehrenhaft entlassen, studierte er und absolvierte den renommierten Iowa Writers' Workshop. Er schlug sich in mehreren auf der sozialen Hühnerleiter nicht gerade hochangesehenen Berufen durch. 1986 erschien sein Romandebüt "Cajun-Blues". Es folgten diverse "klassische" Krimis.

Arme Leute, armes Leben

1999 erhielt er für "Tomato Red", seinen sechsten Roman, den US-amerikanischen P.E.N.-Preis. Im selben Jahr wird seine zweite Arbeit, "Woe To Live On", als "Ride With The Devil" (dt.: "Wer mit dem Teufel reitet") von Ang Lee verfilmt. Der Film floppt.

2006 gelangt ihm in den USA schließlich mit "Winter's Bone" der Durchbruch bei Kritik und Publikum. 2010 wird die Geschichte des 16-jährigen White-Trash-Mädchens Ree Dolly von Debra Granik filmisch umgesetzt. "Winter's Bone" wird beim Sundance Film Festival als bester Film ausgezeichnet und für insgesamt vier Oscars nominiert. 2011 erscheint im Münchener Liebeskind-Verlag die deutsche Übersetzung, "Winters Knochen".

Der Roman erzählt die Geschichte Ree Dollys aus den Ozark-Bergen. Ihr Vater, der so wie die restlichen Männer in seiner Sippschaft davon lebt, Crystal Meth zu kochen, hat einen Gerichtstermin versäumt und ist verschwunden. Ree Dolly, die für ihre zwei kleinen Geschwister und ihre pflegebedürftige katatonische Mutter sorgen muss, muss den Vater finden, sonst droht wegen der Gerichtskaution die Delogierung aus ihrer tristen Hütte. Was folgt, ist die düstere Fortführung alter Schnapsbrennertragödien, in denen brutale Verbrechen und grimmiges Patriarchat Hand in Hand gehen. Am Ende ist alles gerade noch einmal gut gegangen. Es wird aber nicht gut ausgehen.

Bei seinem ersten Österreich-Besuch im Rahmen der Wiener Kriminacht wird Daniel Woodrell nun seinen schon 2001 entstandenen und jetzt übersetzten Roman "The Death Of Sweet Mister" ("Der Tod von Sweet Mister") vorstellen.

Auch dessen 13-jähriger Protagonist Shug Adkins lebt mit seiner alkoholkranken Mutter und seinem medikamentensüchtigen, gewalttätigen und bilderbuchhaft widerlichen Stiefvater Red, für den er in Arztpraxen einbrechen muss, in den Ozark-Bergen. Ähnlich wuchtig und tragödisch, voller Hass und Verzweiflung verläuft Shugs Leidensweg bis hin zur Desillusionierung. Nichts, mit dem man leben wollte, nichts, mit dem man leben könnte. Mit Daniel Woodrell leuchtet ein weiterer Stern auf einem schwarzen Himmel, den die Götter längst verlassen haben. Feel bad. Feel noir. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 4.9.2012)

Kriminacht: Halsknacker und Schwerter

Neben US-Autor Daniel Woodrell, den man in der Tradition eines William Faulkner nur bedingt als Krimiautor bezeichnen kann (Café Landtmann, 20 Uhr), dürfte sich vor allem eine Lesung bei der Wiener Kriminacht am Dienstag, 18.9., als Publikumsmagnet erweisen. Der Auftritt des dänischen Bestsellerautors Jussi Adler-Olsen ("Das Alphabethaus", "Schändung", "Verachtung", "Erlösung") musste aufgrund der erwartbaren Nachfrage vom Kaffeemuseum ins Gartenbaukino verlegt werden (19.30 Uhr).

Der heimische Trash-Kapazunder Manfred Rebhandl ("Das Schwert des Ostens") liest um 19 Uhr bei Thalia in der Mariahilfer Straße. Stefan Slupetzky ("Halsknacker") lädt um 19 Uhr ins Hotel Strudlhof zu einem dreigängigen Krimi-Menü, Eva Rossmann um 19 Uhr ins Café Hummel. Mehr als 60 Autoren werden an der heurigen Wiener Kriminacht teilnehmen.

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8 Postings

die texte des meisters dokumentieren zunehmend einen weg der reinigung. er muss notwendig durch gebiete führen, wo niemand daran interessiert ist.

townes van zandt grüsst aus texas:

http://www.youtube.com/watch?v=_rq5GsZHd0Y

Herrscht das Böse auch in den Alpen?

"Schreckliche Welt"

Fürwahr, das klingt alles sehr aufbauend für die Seele...

Kriminacht am 18. September

Außer den Genannten liest auch die Wiener Autorin Amaryllis Sommerer im Café Wortner über Drehbuchautoren am Rande des Nervenzusammenbruchs! Auch dort haust Böses!

klingt

nach Ö.

auf netflix leider nur in den staaten zu sehen...

damn it...das wir netflix nicht auch in europa schauen können...

“Winter's bone“ (der Film) ist wirklich zu empfehlen.

Nicht nur der Film!

... ich fand auch das Buch sehr lesenswert - im Original, die Übersetzung kenn ich nicht.

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