Wallis: Literaturfestival Leukerbad

Karin Krichmayr
3. September 2012, 16:31
  • Blick hinunter auf Leukerbad im Kanton Wallis.
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    Blick hinunter auf Leukerbad im Kanton Wallis.

  • Monique Schwitter bei ihrer Lesung am Dalaschlucht-Spaziergang.
In den Kanton Wallis im Südwesten der Schweiz gelangt man über Zürich, Bern oder Genf. Dorthin gibt es Direktflüge von Wien, etwa mit Swiss. Danach kommt man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln problemlos an praktisch jeden Ort. Züge wie etwa der Saint-Bernard Express, der in Martigny startet, durchqueren die Täler, und Postbusse fahren erstaunlich hoch hinauf in viele kleine Bergdörfer. Der Swiss Pass bietet freie Fahrt für Bahn, Bus und Schiff samt zahlreichen Ermäßigungen. Weitere Infos gibt es auf MySwitzerland.com oder bei der Gratishotline 00800 100 200 30.
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    foto: literaturfestival leukerbad/florian thiele

    Monique Schwitter bei ihrer Lesung am Dalaschlucht-Spaziergang.

    In den Kanton Wallis im Südwesten der Schweiz gelangt man über Zürich, Bern oder Genf. Dorthin gibt es Direktflüge von Wien, etwa mit Swiss. Danach kommt man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln problemlos an praktisch jeden Ort. Züge wie etwa der Saint-Bernard Express, der in Martigny startet, durchqueren die Täler, und Postbusse fahren erstaunlich hoch hinauf in viele kleine Bergdörfer. Der Swiss Pass bietet freie Fahrt für Bahn, Bus und Schiff samt zahlreichen Ermäßigungen. Weitere Infos gibt es auf MySwitzerland.com oder bei der Gratishotline 00800 100 200 30.

  • Peter Bichsel im Garten des Hotels Regina Terme.
Das nächste Internationale Literaturfestival Leukerbad findet von 5. bis 7. Juli 2013 statt. Von dort aus lässt sich ein großes Wandergebiet erschließen, zu Fuß oder mit den lokalen Bergbahnen. Die Gemmi-Bahnen fahren im Herbst bis 11. November - bei gutem Wetter ein Woche länger. Die Torrent-Bahnen sind bis 21. Oktober in Betrieb. Das Hospiz am Großen St. Bernhard ist ganzjährig geöffnet, die Passstraße ist von Oktober bis Mai gesperrt. In den Sommermonaten sind Bernhardiner im Hospiz, ansonsten können sie im Musée et Chiens du Saint-Bernard in Martigny besucht werden.
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    foto: literaturfestival leukerbad/florian thiele

    Peter Bichsel im Garten des Hotels Regina Terme.

    Das nächste Internationale Literaturfestival Leukerbad findet von 5. bis 7. Juli 2013 statt. Von dort aus lässt sich ein großes Wandergebiet erschließen, zu Fuß oder mit den lokalen Bergbahnen. Die Gemmi-Bahnen fahren im Herbst bis 11. November - bei gutem Wetter ein Woche länger. Die Torrent-Bahnen sind bis 21. Oktober in Betrieb. Das Hospiz am Großen St. Bernhard ist ganzjährig geöffnet, die Passstraße ist von Oktober bis Mai gesperrt. In den Sommermonaten sind Bernhardiner im Hospiz, ansonsten können sie im Musée et Chiens du Saint-Bernard in Martigny besucht werden.

Jedes Jahr pilgern Literaten und ihre Fans nach Leukerbad. Nicht nur dort finden im Wallis Gegensätze zueinander

Es ist ein seltsam übernatürlicher Moment, als der chinesische Dissident Liao Yiwu mit einem Klöppel die bronzene Klangschale zum Klingen bringt - und in den singenden, durchdringenden Ton urplötzlich der erdige Gong der Kirchenglocke einstimmt. Anfangs noch ein dissonanter Soundclash, verschmelzen die Schallwellen immer weiter, bis sie in harmonischer Eintracht ausklingen.

Es hat 12 Uhr mittags geschlagen und in der Galerie St. Laurent, mitten am Dorfplatz von Leukerbad, ist zugleich die aufwühlende Lesung des Exilliteraten Liao Yiwu, in der er von den Jahren seiner Haft und Folter berichtete, mit einer musikalischen Performance zu Ende gegangen. Der Auftritt war einer der meistbeachteten des Literaturfestivals von Leukerbad, das Anfang Juli bereits zum 17. Mal das Thermaldorf in den Schweizer Bergen zu einer Bühne der Frontalzusammenstöße machte. Und das nicht nur, was das gegenseitige Abtasten verschiedener Kulturkreise betrifft.

Draußen am Dorfplatz queren sich die Wege von unauffälligen Literaten und durch bunte Brillen auffallenden Literaturfans mit unbeteiligten Kurgästen in weißen Frotteebademänteln. Reha-Patienten auf unsicheren Beinen treffen auf entschlossene Wanderer in voller Montur, dazwischen eine Gruppe chinesischer Übersetzer und ein paar versprengte Einheimische, die in dem 1400 Meter hochgelegenen Ort leben.

Mitternacht auf 3200 Metern

Der Blick führt unweigerlich weiter in die Höhe, zu den Bergkronen, die Leukerbad wie Schneide- und Backenzähne von drei Seiten umgeben. Das Literaturfestival macht sich überall breit: Oben auf der Gemmi, dem Hausberg von Leukerbad, gibt es auf 3200 Metern die traditionelle Mitternachtslesung, diesmal gehalten vom Schweizer Christoph Simon. Unten im Talschluss führten Monique Schwitter und Illija Trojanow, begleitet durch das Tosen des Flusses, mit ihren Texten durch die Dalaschlucht.

Schriftsteller aus allen fünf Kontinenten, darunter Franz Schuh, Christoph W. Bauer und Sabine Gruber aus Österreich lasen im Hotel Les Sources des Alpes, in dem der mondäne Luxus des längst vergangenen Thermalbooms noch in den dicken Teppichböden steckt, genauso wie im Schwimmbad des Reha-Zen-trums. Am Beckenrand sitzen die Autoren vor gläsernen Kacheln, darunter, am Boden des ausgelassenen Bassins, die Zuhörer.

Diese teils skurrilen Kulissen können zu allen möglichen Assoziationen anregen. Die US-Autorin Nicole Krauss fühlte sich auf das Set eines Fellini-Films versetzt. Der Neuseeländer Anthony McCarten wähnte sich bei seiner Lesung im Garten des Hotel Regina bei der Hochzeit in Der Pate. Eine familiäre Stimmung abseits des abgehobenen Literaturbetriebs erwartet die Festivalbesucher allemal - heuer waren es rund 2500. Und die Autorenschaft nutzt die alpine Abgeschiedenheit gern für eine Auszeit.

Das haben auch schon Goethe, Guy de Maupassant und Mark Twain gemacht, wie in Leukerbad gerne erwähnt wird. Die spannungsreichste Begegnung aber dürfte jene des US-Schriftstellers James Baldwin mit den Leukerbadern gewesen sein. In den 50er-Jahren verbrachte er drei Winter im Haus eines hiesigen Freundes, um zu arbeiten. Mit ihm kam nicht nur die erste Schreibmaschine, sondern auch der erste Schwarze in das gellend weiße Schneedorf. Die daraus resultierenden Gedanken zu Gegensätzen und Rassismus schrieb Baldwin in dem Essay Ein Fremder im Dorf nieder.

Identitätsbildung

Ricco Bilger, als Festivalgründer für das spezielle Setting verantwortlich, spricht gerne von der wechselvollen Vergangenheit des Orts. Aufgewachsen in Leukerbad, begann der Buchhändler und Verleger Mitte der 1990er-Jahre etablierte Autoren genauso wie junge Entdeckungen mit guter Lesestimme in den Kanton Wallis in der Südwestschweiz einzuladen - "aus dem Bauch heraus", wie Bilger heute sagt. "Wir haben Weltliteratur in einen Kurort gebracht, der selbst nicht wusste, welche Identität er hatte."

Davon zeugen auch die architektonischen Bruchlinien, die sich durch Leukerbad ziehen: Im alten Ortskern stehen seit Jahrhunderten knorrige Holz-Chalets auf Steinsockeln, dicht aneinandergedrängt über steilen Gässchen. Rundherum haben Hotelbunker mit Sowjetcharme und lieblose Betonquader Stellung bezogen, von den alten Traditionsgästehäusern ist wenig übriggeblieben.

Goldene Zeiten vor dem Crash

Darin spiegeln sich Auf- und Abstieg der ersten Schweizer Gemeinde, die in Konkurs ging - lange vor heutigen Krisenzeiten. Der ehemalige Gemeindepräsident Otto G. Loretan, megalomanisch veranlagt und durchaus weltgewandt, häufte in seiner Amtszeit in den 1980er- und 90er-Jahre einen riesigen Schuldenberg an, den er durch Finanztricks zu vertuschen versuchte. Das Geschäft mit den Kurgästen, die dem Dorf seit den 1960ern zu einer touristischen Hochblüte verholfen hatten, war eingebrochen, als die Krankenkassen nicht mehr für die teuren Aufenthalte aufkamen. Das wollte Loretan durch massive Investitionen in die Infrastruktur wettmachen, um zahlungskräftige Besucher anzuziehen. Bis die Kreditblase platzte und das Dorf 1998 unter Zwangsverwaltung und Loretan vor Gericht gestellt wurde. Seither wird billig gebaut, was die neuen Investoren hergeben.

Es wird noch Jahre dauern, bis die Schulden abbezahlt sind, und doch hört man von den Bewohnern kaum ein schlechtes Wort über den Ex-Bürgermeister. Immerhin: Er hatte die "goldenen Zeiten" mit über einer Million Nächtigungen zu verantworten, wie es Ortsführerin Brigitte Zen Ruffinen ausdrückt. "Wir müssen vorwärts schauen." Auch Ricco Bilger räumt ein: "Ohne ihn gäbe es das Literaturfestival nicht." Bilgers Idee, "aus einer Durchgangsstation einen literarisch-philosophischen Ort" zu machen, ging jedenfalls auf. Vor sieben Jahren gab er die Festivalleitung an Hans Ruprecht ab. "Meine Faszination ist das Scheitern, nicht das Gelingen", begründet er.

Auch wenn das Geld nach dem Finanzcrash nicht mehr hemmungslos sprudelt, das Wasser tut es nach wie vor. Nach 40 Jahren Verdauung tritt der im Fels versickerte Niederschlag mit bis zu 51 Grad wieder an die Oberfläche. Fast vier Millionen Liter Thermalwasser fließen täglich aus den 64 bekannten Quellen von Leukerbad, der Großteil davon wird ungenutzt abgeleitet - trotz der 30 privaten und öffentlichen Thermalpools, in denen sich Kranke und Gesunde mit Blick auf das Bergpanorama von flüssiger Wärme umspülen lassen.

Unten im Rhônetal, das durch das Wallis schneidet, ist bis auf das Grab von Rilke in Raron, die Literatur kein Anziehungspol mehr, ein Abstecher lohnt sich dennoch. Weiter in Richtung Westen wechselt die Sprache recht abrupt vom Schweizerdeutsch ins Französische. Die Hänge werden von Weinreben und Marillenbäumen beherrscht, das Klima ist fast schon mediterran. In Richtung italienischer und französischer Grenze bauen sich Viertausender auf, die in den Walliser Alpen eine Dichte wie sonst nirgends in den Alpen erreichen.

Bernhardiner-Trutzburg

Von Martigny aus, einem verschlafenen Städtchen nahe dem Dreiländereck, lassen sich unzählige Gipfel erklimmen. Zum Beispiel der Große Sankt Bernhard, der das Wallis mit dem Aostatal verbindet und als Ursprung der Bernhardinerhunde bekannt wurde. Eine Tour führt vom Dörfchen Ferret über dampfende Blumenwiesen hinauf zu den Lacs de Fenêtre, drei kleinen Seen, auf denen auch im Sommer die Eisschollen schwimmen.

Nebelschwaden, die wie eine Käseglocke über den kargen Gipfeln hängen und jegliche Geräusche ausblenden, warten auf dem Fenêtre de Ferret. Der Pass gleicht tatsächlich einem Fenster, das auf einmal einen majestätischen Ausblick auf das nächste Tal eröffnet. Vorbei an pfeifenden Murmeltieren geht es hinunter und wieder hinauf auf den Großen St.-Bernhard-Pass. Gleich neben der alten Grenzstation zu Italien und einem eisigen See liegt das St.-Bernhard-Hospiz, eine unnahbare Trutzburg mit winzigen Fenstern.

Der Schein trügt: "Wir sind seit fast 1000 Jahren ein Open House", sagt Pater Fréderic von den Augustiner-Chorherren, die das seit 1050 bestehende Hospiz betreiben. Mehr als 10.000 Wanderer, Ausflügler und Ruhesuchende empfängt Fréderic jährlich, Schlüssel gibt es nach wie vor keine, dafür aber Gitarrenklänge aus Lautsprechern zur Tagwache.

2005 haben die Chorherren die Bernhardinerzucht aufgegeben, seither sind die Hunde nur noch auf Sommerfrische am Berg, wo sie gegen Eintritt begutachtet werden können. Während des restlichen Jahres müssen sich die Touristen mit den allgegenwärtigen Bernhardiner-Souvenirs begnügen. Pater Fréderic würde trotz der schroffen Umgebung mit niemandem tauschen: "Ich bin seit 26 Jahren in Urlaub hier. Ich bin ein echter Bernhardiner." (Karin Krichmayr, Album, DER STANDARD, 1.9.2012)

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