George R. R. Martin gewinnt auf Umwegen

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Erste Staffel von "Game of Thrones" triumphiert in der Filmkategorie - Jo Waltons "Among Others" wie schon beim Nebula zum besten Roman gewählt

Chicago - "Hugo Awards klonen zum zweiten Mal die Nebulas" hieß es an dieser Stelle vor einem Jahr - jetzt ist der Hattrick komplett. Mit Jo Waltons Coming-of-Age-Roman "Among Others" hat zum dritten Mal in Folge derselbe Roman die beiden wichtigsten Preise abgeräumt, die das Phantastik-Genre zu vergeben hat. Nach dem Nebula im Mai (hier die Nachlese) gewann Waltons Erzählung um ein Mädchen, das die Liebe zu Science Fiction und Fantasy entdeckt, nun auch den nach dem Herausgeber Hugo Gernsback benannten Hugo Award. Die Preisverleihung fand auf der am Wochenende in Chicago abgehaltenen World Science Fiction Convention statt, deren Mitglieder zuvor per Wahlzettel abgestimmt hatten.

George R. R. Martin weiterhin auf der Erfolgsspur

"Among Others", das sich keinem Genre eindeutig zuordnen lässt, ist zugleich der einzige nominierte Roman, der noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Mit im Rennen standen die Space Opera "Leviathan erwacht" von Daniel Abraham alias James Corey, der Zombie-Roman "Deadline" von Mira Grant, China Miévilles "Embassytown" ("Stadt der Fremden", eine ausführliche Rezension folgt in der nächsten SF-Rundschau) und der jüngste Teil in George R. R. Martins monumentalem Fantasy-Epos "Das Lied von Eis und Feuer", "A Dance with Dragons". Auf Deutsch erscheinen Martins umfangreiche Bände jeweils zweigeteilt - die beiden Hälften "Der Sohn des Greifen" und "Ein Tanz mit Drachen" sind bereits erhältlich.

Ganz leer ausgegangen ist Martin dennoch nicht: In der Langfilm-Kategorie triumphierte die erste Staffel der auf Martins Romanen beruhenden und erfreulich originalgetreu geratenen Fantasy-Soap "Game of Thrones" verdient über "Captain America", "Hugo Cabret", den Abschluss der "Harry Potter"-Reihe und "Source Code". Martin, der vom "Time Magazine" im vergangenen Jahr unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt gereiht worden war, kann diesen Preis zwar nicht direkt für sich verbuchen, hat allerdings bereits vier Hugos aus früheren Jahren auf seinem Konto. Beim Kurzformat indes gewann einmal mehr eine Folge der Endlosserie "Doctor Who", die gleich drei von fünf Nominierten in dieser Kategorie gestellt hatte; ein wenig mehr Abwechslung würde da nicht schaden. Ist ja nicht so, als gäbe es keine anderen TV-Serien mit SF-Thematik.

Kurzformate und Sekundärliteratur

Hauptsächlich ist der Hugo allerdings ein Literaturpreis und wird für Werke in unterschiedlichen Längenkategorien vergeben. Als beste Novelle wurde - wie schon beim Nebula - "The Man Who Bridged the Mist'' der US-amerikanischen Autorin Kij Johnson gekürt. Den Hintergrund ihrer Erzählung gibt ein flussartiger Nebelarm ab, der ein Reich in zwei Hälften teilt und nun überbrückt werden soll. Den Hugo für die beste Novellette erhielt Charlie Jane Anders, Mitherausgeberin des populären Blogs io9.com, für "Six Months, Three Days''. Die beiden ProtagonistInnen der Erzählung haben eines gemeinsam, sie können beide die Zukunft sehen. Zugleich verkörpern sie aber zwei diametral entgegengesetzte Prinzipien: Was für die eine Seherin ein sich endlos verzweigender Baum an möglichen Zukünften ist, stellt sich für den anderen als ein einziger festgeschriebener Zeitpfad dar. Beste Kurzgeschichte schließlich wurde die Erzählung "The Paper Menagerie'' über ein Leben zwischen den Kulturen - auch deren Autor Ken Liu darf sich nun als Hugo- und Nebula-Preisträger bezeichnen.

In der Kategorie Sekundärliteratur waren unter anderem der üppige Bildband "The Steampunk Bible" von Jeff VanderMeer und Daniel M. Kimmels Sammlung von SF-Filmkritiken "Jar Jar Binks Must Die" nominiert. Gewonnen hat ein Mammut-Werk, das zugleich die mediale Entwicklung illustriert: "The Encyclopedia of Science Fiction" war 1979 als Buch erschienen, 1993 dann in erweiterter Form als Buch plus CD-ROM. 2011 schließlich nahm sie, betreut von John Clute, David Langford, Peter Nicholls und Graham Sleight, ihre dritte und umfangreichste Form als Online-Enzyklopädie an: sf-encyclopedia.com umfasst tausende Einträge zu AutorInnen und Verlagen ebenso wie zu Genre-Begriffen und Motiven, Medien und Preisen.

Weitere Kategorien

Neben Hugo Gernsback war auch der Herausgeber John W. Campbell eine prägende Figur der US-amerikanischen Science Fiction. Der nach ihm benannte Memorial Award geht jedes Jahr an eine/n NachwuchsautorIn und wird ebenfalls im Rahmen der World Science Fiction Convention vergeben. Heuer wurde E. Lily Yu aus New Jersey ausgezeichnet, die seit 2011 eine Reihe von Kurzgeschichten und Gedichten in verschiedenen Magazinen veröffentlicht hat - eine davon ("The Cartographer Wasps and the Anarchist Bees") war bereits für den Nebula nominiert. Und darüberhinaus regnete es in Chicago jede Menge weitere Preise, vom besten Fanzine oder Comic bis zum besten Podcast. Eine vollständige Aufzählung aller PreisträgerInnen und Nominierten finden Sie - übersichtlicher gestaltet als auf der Hugo-Seite - hier.

Im nächsten Jahr werden die Hugos am 2. September verliehen, wenn die World Science Fiction Convention in San Antonio, Texas, zu Gast ist. Vielleicht werden dann ja zum ersten Mal seit 2009 Hugo und Nebula nicht mehr im Gleichschritt marschieren. (Josefson, derStandard.at, 3. 9. 2012)

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