Verkehr macht Kinder krank, dumm und dick

  • Feinstaub ist für Kinder besonders gefährlich.
    foto: apa/alexander rüsche

    Feinstaub ist für Kinder besonders gefährlich.

Weniger Bewegung, mehr Belastung für die Lunge - Autoverkehr wirkt ungünstig auf Kindergesundheit

Pünktlich zu Schulbeginn wird vor Schulweg- und Verkehrsunfällen gewarnt: Im vergangenen Schuljahr ereigneten sich laut Unfallversicherung 1696 Wegunfälle, zwei Schüler kamen ums Leben. Doch Unfälle sind nicht das einzige Problem, das der Verkehr Kindern bereitet. Sie sind von den vielfältigen gesundheitlichen Auswirkungen weit stärker betroffen als Erwachsene, sagt der Umweltmediziner Hans Peter Hutter, der an der Medizin-Uni Wien die Forschungseinheit "Child Public Health" leitet und Vorstandsmitglied von "ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt" ist.

Kinder, die an vielbefahrenen Straßen wohnen, leiden demnach häufiger an Atemwegserkrankungen wie Bronchitis und Asthma. Grund ist unter anderem das hoch reaktive Gemisch von Stickoxiden und Feinstaub. Stickstoffdioxid (NO2) greift die Atemwege an und begünstigt bei längerer Einwirkungszeit Atemwegserkrankungen. Längerfristig häufen sich Infektionskrankheiten der Atemwege, und die Lungenfunktion wird schlechter. Aus Tierstudien gibt es auch Hinweise, dass die Abwehr gegenüber bakteriellen und viralen Infektionen verschlechtert ist.

Ursache Feinstaub

Besonders gefährlich ist Feinstaub für Kinder. In einer Studie der Weltgesundheitsorganisation wurde festgestellt, dass jährlich bis zu 13.000 Todesfälle bei Kindern im Alter von bis zu vier Jahren in den 52 europäischen Mitgliedsstaaten der WHO auf die Feinstaubbelastung in der Außenluft zurückzuführen sind. Die Schweizer SCARPOL-Studie bestätigt die Gefährlichkeit. Die Untersuchungen zeigten: je höher die Feinstaubbelastung am Wohnort, desto häufiger waren Erkrankungen an Husten, Grippe oder Bronchitis zu bemerken.

Aber nicht nur die Lunge ist betroffen, auch die geistige Leistungsfähigkeit leidet: So nehmen bei Kindern mit steigender Exposition gegenüber Rußpartikeln bestimmte Intelligenz- und Gedächtnisleistungen ab, sagt Umweltmediziner Hutter. Besonders negativ wirkt sich nächtlicher Verkehrslärm aus. "Er beeinträchtigt die Schulleistung und die psychische Gesundheit. Aggressives Verhalten, erschwertes Lernen und geringerer Schulerfolg konnten bei stärker lärmbelasteten Kindern beobachtet werden."

Neben Schadstoffen und Lärm zählen auch komplexe Materien wie psychosoziale Zusammenhänge und vom Auto verursachter Bewegungsmangel zu den Folgen des Straßenverkehrs. So habe etwa die Angst vor Unfällen immer mehr Eltern veranlasst, ihre Kinder mit dem Auto in die Schule zu bringen. Kinder bewegen sich dadurch noch weniger. Dabei wirke sich das Zu-Fuß-in-die-Schule-Gehen positiv auf die Gesundheit aus: weniger Depressionen und Angst und verbesserte motorischen Fähigkeiten, weiß Hutter. (rüm, STANDARD, 3.9.2012)

Wissen: Zu wenig Geld für Kinder

Österreich wendet rund zwei Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben für Gesundheitsförderung und Prävention auf. International liegt dieser Wert laut aktuellem Bericht zur Lage der Kindergesundheit bei sechs Prozent. Vor allem die Jugendwohlfahrt bräuchte deutlich mehr Ressourcen, sagt Klaus Vavrik, Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Parallel dazu wünscht er sich berufsübergreifende Netzwerkarbeit und bessere Kommunikation zwischen allen Organisationen im Bereich Prävention und Therapie.

Auch dort gibt es neben der Prävention zu wenig Mittel und eine dramatische Unterversorgung. Vor allem in den Bereichen "Physio-, Ergo- und Psychotherapie sowie Logopädie und medizinische Angebote von Kinder- und Jugendpsychiatrie und Sozialpädiatrie". Dabei komme jeder in der frühen Kindheit investierte Euro volkswirtschaftlich acht- bis zehnmal zurück. Das scheint insoferne nötig, als neue Berechnungen davon ausgehen, dass aufgrund der aktuellen Gesundheitssituation unserer Kinder und Jugendlichen Mehrkosten für das Gesundheitswesen von 1,6 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 auf uns zukommen, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. (rüm)

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