Bergunfälle: Gute Ausrüstung, schlechte Vorbereitung

  • Festhalten am Stahlseil ist zu wenig.
    foto: apa/wolfgang kumm

    Festhalten am Stahlseil ist zu wenig.

311 Alpintote gab es in Österreich im Jahr 2011 - Selbstüberschätzung und schlechte Vorbereitung sind hauptsächlich dafür verantwortlich

Nicht immer verlaufen Bergunfälle so glimpflich wie im Fall des deutschen Alpintouristen, der Mitte August am Tiroler Schrankogel geborgen wurde. Der Alpinist hatte nach einem Absturz eine Woche in einer Gletscherspalte überlebt.

Im Jahr 2011 gab es in Österreich 311 Alpintote, 112 davon kamen beim Bergwandern ums Leben. Die Hälfte aller Verunfallten ist an Herz-Kreislauf-Versagen gestorben, bedingt durch mangelhafte Kondition und Risikofaktoren wie Übergewicht oder hohen Blutdruck.

Mangelnde Selbsteinschätzung

Ursächlich dafür verantwortlich sind vor allem mangelnde realistische Selbsteinschätzung und Vorbereitung. "Vor allem Männer sind prädestiniert, die Signale des Körpers zu überhören und einen besonderen Ehrgeiz zu entwickeln", weiß Michael Larcher, Ausbildungsleiter und Sicherheitsexperte für den Bergsportbereich beim Österreichischen Alpenverein in Innsbruck.

Nebenbei wird auf dem Weg oft zu wenig pausiert und getrunken. Ein fataler Fehler, denn Konzentrationsschwäche und Müdigkeit sind wiederum für die meisten Abstürze verantwortlich. Fehlende Trittsicherheit spielt hier ebenfalls eine große Rolle. "Viele Menschen bewegen sich 99 Prozent ihrer Lebenszeit auf planierten Wegen. Wenn ich am Gehsteig stolpere, habe ich ein blutiges Knie, wenn ich am Berg stolpere, kann das bedeuten, dass ich abstürze", so Larcher.

"Halbschuh-Bergsteiger" werden weniger

An der Ausrüstung scheitert es dagegen selten. Im Gegenteil, die meisten Bergwanderer sind heute mit gutem Schuhwerk unterwegs. Auch der "Halbschuh-Bergsteiger", der sich mit dem falschen Schuhwerk auf den Weg macht, ist nicht mehr das typische Absturzopfer in den Bergen.

Vielmehr ist das Tragegewicht in vielen Fällen problematisch. "Die Rucksäcke sind oft viel zu schwer, und nebenbei sind die falschen Sachen im Gepäck", sagt Larcher. Leicht ausgerüstet ließen sich Kräfte sparen, und mit dem richtigen Proviant ist auch für ausreichend Energie gesorgt.

Wandern in Kleingruppen

Alleingänger haben nicht immer so viel Glück wie der 70-Jährige Deutsche in den Stubaier Alpen. "Allein ist das Risiko höher, dass auch ein kleiner Zwischenfall bereits lebensbedrohlich sein kann, wenn beispielsweise das Mobiltelefon am Unfallort keinen Empfang hat", berichtet Larcher.

Generell wird das Wandern in kleinen Gruppen empfohlen. Und egal ob in der Gruppe oder allein: Vertraute Personen, die nicht an der Bergtour teilnehmen, sollen über Ziel, Route und Rückkehr informiert werden.

Kletterer besonders gefährdet

Die Zahl verunfallter Kletterer scheint mit 33 Toten im vergangenen Jahr gering zu sein; das hat aber vor allem damit zu tun, dass weniger Menschen diesen Sport ausüben. "Das Risiko beim Klettern ist nach wie vor größer als beim Wandern", betont der Bergführer.

Bei Unfallursachen und Unfallhäufigkeit muss hier zwischen dem alpinen Klettern in Seilschaften und dem Klettern am Klettersteig unterschieden werden, bei dem der Sportler an einem durchgängigen Stahlseil gesichert wird. "Bei den Klettersteigen erleben wir derzeit einen Boom, ebenso einen Boom an Unfällen", erzählt Larcher. Dabei spielt auch hier die fehlende Selbsteinschätzung eine große Rolle.

Auf Sichern verzichten

Vielen Kletterern wird am Klettersteig der Verzicht auf die Sicherheitsausrüstung zum Verhängnis. "Das Stahlseil verführt dazu, sich so sicher zu fühlen, dass auf das Einhängen des Seils in zwei Karabiner verzichtet wird", sagt Larcher.

Bei der klassischen Variante mit Seilschaft muss sich der Kletterer auf den Partner verlassen. "Kommt es zum Sturz, trägt der Partner, der sichert, die Verantwortung, den Gestürzten zu halten." Neben einer normgerechten Ausrüstung ist daher das Beherrschen und Üben der richtigen Sicherungs- und Seiltechnik Voraussetzung für diesen Sport. "Schließlich halte ich das Leben meines Partners in den Händen. Meine Handarbeit mit dem Bergseil entscheidet unter Umständen über Leben und Tod", so der Experte.

Appell an "Generation Kletterhalle"

Er appelliert an die "Generation Kletterhalle", also diejenigen, die an der Kunstwand das Klettern gelernt haben, die Risiken im Gebirge nicht zu unterschätzen. "In der Kletterhalle stürze ich ins Leere, im Gebirge geht ein Sturz oft mit einem Anschlag an den Fels einher." Was nicht heißt, dass es bei erfahrenen "alten Hasen" nicht auch zu Unfällen kommen kann. "Das Risiko Steinschlag ist immer gegeben, wenn ich am Naturfels klettere", so Larcher.

Mangelhafte Sicherungstechnik, fehlende Selbsteinschätzung und falsche Tourenplanung bezeichnet der Experte als die drei "Kardinaldefizite" beim Klettern im Gebirge. Wobei bei Letzterem auch die Witterung eine maßgebliche Rolle spielt. (Güler Alkan, derStandard.at, 4.9.2012)

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