In den Lehranstalten der Kriminalität

Sandra Weiss aus Manaus, 2. September 2012, 19:26

In lateinamerikanischen Haftanstalten herrschen horrende Zustände. Regelmäßig kommt es zu Revolten. Doch der Staat überlässt die Gefängnisse weiter sich selbst. Nur wenige Direktoren sind nicht korrupt

Vor wenigen Tagen starben in Venezuela 20 Häftlinge und ein Besucher bei einer Gefängnismeuterei in San Francisco de Yare; im Februar kamen in Honduras 360 Gefangene bei einem Brand ums Leben. Die Zustände in den Haftanstalten Lateinamerikas sind menschenunwürdig, kritisieren Menschenrechtsorganisationen immer wieder. Zellen mit vier Betonpritschen sind zehnfach überbelegt, dazu Ratten, ungenießbares Essen, Meutereien, Drogen, Waffen, sexueller Missbrauch.

Die Haftanstalt Anisio Jobim liegt mitten im Dschungel Brasiliens, weit vor den Toren der Amazonashauptstadt Manaus. Nicht einmal Busse fahren den weiten Weg über die Schlaglochpiste - wer hierher will, braucht ein Auto oder muss den letzten Kilometer zu Fuß gehen. "Gefangene gelten als Abschaum der Gesellschaft und werden so weit wie möglich abgeschoben", sagt Karl Peinhopf von der Gefängnispastorale.

35 Cent pro Tag

Der Staat interessiert sich wenig für die Dinge, die hinter den Mauern vorfallen. In Honduras sind im Staatshaushalt zehn Lempiras (umgerechnet 35 Cent) pro Häftling und Tag vorgesehen - das reicht gerade einmal für zweimal Reis und Bohnen am Tag.

In Brasilien und Mexiko organisierten Mafiabosse hinter Gittern per Handy Banküberfälle und Drogenlieferungen oder nutzten den Münzfernsprecher der Anstalt für Erpresseranrufe. Als das in die Medien kam und ein Sturm der Entrüstung losbrach, wurden Störsender aufgestellt und ein Warnhinweis vor jedes Telefonat geschaltet, das von einem Gefängnistelefon aus geführt wird.

Ansonsten hat sich wenig geändert. Die Gefängnisse sind Lehranstalten der Kriminalität. Die Anstaltshierarchie richtet sich danach, wer am meisten Geld hat oder sich Luxusartikel besorgen kann, die überteuert an die anderen Insassen verscherbelt werden: Drogen, Handys, Zigaretten, Waffen, Alkohol, Prostituierte. Um all das in die Zellen zu schmuggeln, müssen die Wächter geschmiert werden, die so schlecht bezahlt werden, dass sie das Zubrot selten ablehnen.

Humaner Strafvollzug ist nicht populär in einer Region, in der die Gewaltkriminalität so hoch ist wie nirgendwo sonst auf der Welt und in der Gefangene gesellschaftlich geächtet werden - obwohl die Großzahl der Insassen wegen der schleppend arbeitenden Justiz noch nicht einmal verurteilt ist. Unterschiede zwischen Untersuchungshäftlingen und bereits verurteilten Straftätern werden meist ebenso wenig gemacht wie Klassifizierungen nach Schwere der Straftat. In Brasilien machte vor einiger Zeit der Fall einer jungen Frau Schlagzeilen, die von böswilligen Polizisten in den Männertrakt gesperrt und dort mehrfach vergewaltigt wurde.

Kontrolle und Dialog

Dass es auch anders geht, zeigt die Anstalt in Manaus. Nachdem der alte Gefängnischef wegen Korruption entlassen worden war, hat sein Nachfolger nicht nur die Kontrollen verschärft, sondern setzt auch auf einen Dialog mit den Häftlingen. "Ich erkläre ihnen, dass alle davon profitieren, wenn es hier diszipliniert zugeht", sagt Josenir Araujo. Das bedeutet, dass jemand, der einen Fluchtversuch unternimmt, den Anweisungen nicht Folge leistet oder mit einem Handy erwischt wird, mit Isolationshaft oder einem Besuchsverbot bestraft wird.

Aber Araujo bemüht sich auch um Ausbildung und Freizeitaktivitäten für die Häftlinge, die in der Mehrzahl gerade einmal die Grundschule absolviert haben. Inzwischen gibt es eine Anstaltswerkstatt für Kunsthandwerk, Frauen haben Schönheitssalon und Nähwerkstatt eingerichtet. Ein Arzt kommt zweimal in der Woche, ebenso ein Psychiater und eine Psychologin. Verurteilte und Verdächtige sind getrennt.

"Das zeigt, dass guter Wille der Gefängnisleitung einiges verändern kann" , sagt Peinhopf. Dennoch mangelt es an vielem, was politischen Einsatz fordert. Weder gibt es Drogenentzugs- noch Reintegrationsprogramme. Sowohl das Essen als auch der Wachdienst sind aus Kostengründen an Dienstleistungsfirmen abgegeben worden. Mit dem Service ist niemand zufrieden. Und der Musikkurs musste eingestellt werden, nachdem die Militärpolizei bei einer Razzia neulich sämtliche Instrumente zertrümmert hatte. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 3.9.2012)

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17 Postings
Bei der Überschrift dachte

ich eher an die ÖVP-Parteiakademie und an die Kärntner Landesregierung.

dachte das wird eine live übertragung aus dem parlament...

Einer meiner ..

.. Onkel ist mal Einsitzen gegangen (in Wr. Neustadt), für 10 Tage oder so, weil er als Student halt kein Geld hatte und dachte, daß er die Ersatzfreiheitssstrafe für's zu-Schnell-fahren doch eh zum Lernen nützen könnte.

Gelernt hat er so viel, daß er auch heute noch fast jedes Schloss in unter 2 Minuten knacken kann. Für's Studium weniger ;-)

Leider kann ich Ihnen das nicht glauben!

Ihr Onkel hat Sie falsch informiert, denn:
Ersatzfreiheitsstrafen für "Schnellfahren" werden in einem Polizeianhaltezentrum abgesessen. Dieses ist auch für NÖ in Wien!
Für kriminelle Taten die man in Wr.Neustadt absitzt, gibt es regelmässig mehr als 10 Tage.
Also, eine immer wiederkehrende "Urband Legend", welche die Volksmeinung bekräftigen soll, dass im Gefängnis nicht resozialisiert sondern kriminalisiert wird.
Bezeichnend dass sofort so viele "Grün" gegeben werden.

Sind sie sicher ..

.. daß das ca. 1985-1990 auch schon so war mit dem Anhaltezentrum in Wien?

Bin ich nicht sicher, aber.....

....hinsichtlich der Ersatzfreiheitsstrafe schon.
Diese wurden immer in einem Polizeigefängnis und niemals in einer Strafanstalt abgesessen.
Dort kann er also nur andere seiner "Preisklasse" kennengelernt haben, keinesfalls schwere Jungs.

ja so ist das wenn die Bildungsfernen in der Mehrheit in einem Land sind

Österreich ist in der im Strafvollzug sehr vorbildlich, aber die Bildungsfernen regen sich trotzdem über das Leobner Gefängnis auf, wo sehr nach neuesten Erkenntnissen gearbeitet wurde.

Bin sicher,in so einem Südamerikanischen Knast,würden sie sicher ziemlich viel eindruck machen,wenn sie ihnen ihre Geistige überlegenheit aufzeigen.

das Leobner Gefängnis ist eher ein Freizeitklub als ein Gefängnis

naja, dann lassen Sie sich mal 1 Jahr im Hotel Sacher einsperren. Sie würden genauso verzweifeln.

für die Straftäter, die aus gröberem Holz geschnitzt sind, ist das keine Strafe, speziell wenn sie aus dem ehemaligen Ostblock ganz derbe Umgangsformen kennen...die sehen das als bezahlten Urlaub.

Sie haben das Konzept "Freiheitsstrafe" offensichtlich nicht verstanden.

Es geht darum, jemandem die Freiheit zu entziehen, nicht darum, ihn auch noch wie ein Tier zu behandeln.

Und einige Jahre Freiheitsentzug empfindet NIEMAND als Urlaub, egal wie angenehm die Haftbedingungen sein mögen.

Und um auf das Thema zu kommen: Haftanstalten sind IMMER Fortbildungsakademien für Kriminelle. Selbst hier in Ö. Es werden "berufliche" Kontakte geknüpft, Erfahrungen ausgetauscht und Informationen weitergegeben.
Deshalb sollte eine Haftstrafe auch immer der letzte Ausweg der Gesellschaft sein. Wer will sich schon mit Absicht Schwerkriminelle heran züchten? Wohl nur sehr einfältige Gemüter, die nicht in der Lage sind, Konsequenzen abzuschätzen.

@Simply

sehr wohl verstehe ich was Freiheitsstrafe bedeutet.

Kriminelle haben auch vor der Tat die Wahlmöglichkeit es zu tun, oder es zu lassen.

Haft sollte kein Honigschlecken sein, sondern abschrecken dorthin nie wieder zu kommen.

Bei Leoben ist das nicht gegeben.

Wie lange waren sie in ihrem Leben schon in Haft um das so genau zu wissen?

mein Gott, Ihre Argumentation in Ehren, aber das ist jetzt absurd.

Wenn jemand intellektuell schon am grundlegenden Konzept der Freiheitsstrafe scheitert,

kann man ja nachfragen ob er aus eigener Erfahrung weiß, wie es sich so anfühlt, wenn man eingesperrt ist.

Aber offensichtlich sind sie nur ein ahnungsloser Dampfplauderer, der seine markigen Stammtischsprüche los werden will.

Danke, das wollte ich wissen.

@Si...

wissen Sie, ich beende Diskussionen mit Leuten wie Ihnen, die persönlich werden.

Aber vielleicht wollen Sie selbst doch gerne im Gefängnis platz nehmen...wer glauben Sie eigentlich zu sein, Sie Gefängnisweiser.

Für mich gehört Strafe vollzogen, im Gegensatz zu Leuten wie Sie es sind, die Kriminelle am liebsten bauchpinseln würden.

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