Vom Aufstieg und Fall der Männer

  • "The Master" von Paul Thomas Anderson: Joaquin Phoenix (re.) spielt 
einen Kriegsheimkehrer unheimlich unberechenbar.
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    "The Master" von Paul Thomas Anderson: Joaquin Phoenix (re.) spielt einen Kriegsheimkehrer unheimlich unberechenbar.

Paul Thomas Andersons "The Master", ein Blick auf die US-Nachkriegsgesellschaft der 1950er, setzt im Wettbewerb von Venedig ein erstes Highlight. Terrence Malicks "To The Wonder" enttäuschte

Ein US-Marinesoldat kommt aus dem Pazifikeinsatz im Zweiten Weltkrieg in sein Heimatland zurück. Ein richtiges Zuhause hat er dort nicht. Er muss erst wieder einen Platz für sich finden. Dass er viel trinkt und Konflikte schnell mit Fäusten löst, macht diese Suche nicht leichter. Eines Nachts springt der vorerst Namenlose, den Joaquin Phoenix unheimlich unberechenbar verkörpert, in San Francisco heimlich an Bord eines kleinen Dampfers, der gerade ablegt. Am nächsten Morgen wird er auf See die Bekanntschaft eines anderen Mannes machen, und das wird für beider Leben von Bedeutung sein.

"The Master" heißt Paul Thomas Andersons neuer Film. Schon mit seinem letzten, "There Will Be Blood", hat er 2007 einen ungewöhnlichen und mitreißenden Geschichtsfilm über die USA gedreht: Basierend auf Upton Sinclairs Roman "Oil!" erzählte dieser in epischen Bögen von Aufstieg und Fall zweier Männer, die Ende des 19. Jahrhunderts ihre Existenz auf materielle Güter beziehungsweise immaterielle Verheißungen gründen und einander dabei mehrfach in die Quere kommen. Der von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood kongenial vertonte Film war als großes Schauspielerkino angelegt, als Schaukampf zwischen Daniel Day-Lewis und Paul Dano. Aber er beeindruckte auch mit großer Sensibilität fürs (historische) Detail.

"The Master" führt die Erzählung von amerikanischen Selbstverwirklichern nun mit demselben Musikverantwortlichen und anderen Darstellern in einer neuen historischen Konstellation weiter. Der Krieg hat alte Verbindungen und Verbindlichkeiten gekappt. Die Erfindungen der Moderne, von der Konsumkultur bis zur Psychoanalyse, erfahren nun erst so richtig massenhaft Verbreitung. Lancaster Dodd, ein weltgewandter Mann mit vielen Talenten, ist dabei, auf Basis von (pseudo)wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden eine neue Heilslehre zu erfinden.

Die spontanen Ausbrüche

Method-Actor Philip Seymour Hoffman spielt Dodd überraschend fein dosiert - spontane Ausbrüche oder die Zartheit, mit der er am Ende ganz allein ein Lied anstimmt, sind umso wirkungsvoller. Anderson hat sich für die Figur von Scientology-Gründer Ron L. Hubbard inspirieren lassen. Aber der Film interessiert sich nicht für vordergründige Enthüllungsgeschichten. Vielmehr geht es um das Bild einer Zeit im Umbruch, die einem solchen Unternehmen die Mittel und Anhänger liefert.

Ein zweiter, hochverdienter US-Regisseur, dessen neues Werk im Wettbewerb Premiere hatte, ist Terrence Malick. "To The Wonder" ist erst sein sechster Film seit seinem Kinodebüt mit "Badlands" 1973, aber seit der Premiere des fünften, "Tree of Life", ist gerade mal etwas mehr als ein Jahr vergangen.

Malick überraschte damals mit einem betörenden und gewagten audiovisuellen Bewusstseinsstrom, mit der (erinnerten) Lebensgeschichte eines Mannes, die die Individualbiografie jedoch in Richtung einer Evolutionsgeschichte und einer spirituellen Erweckung transzendierte. "To The Wonder" ist ebenfalls in diesem universellen Sinne und in dieser assoziativen Erzählform angelegt.

Sein Thema sind die Liebe und ihr Scheitern, seine Hauptfiguren sind ein Paar und ein Priester. Der Bilderfluss beginnt in Frankreich, mit den Digicam-Schnappschüssen, die der Mann (Ben Affleck) von der Frau (Olga Kurylenko) macht, die beiden sind unterwegs zum Mont St. Michel. Wenig später wird er sie und ihre zehnjährige Tochter mit in die Vereinigten Staaten nehmen. Das Glück des Anfangs wird bald nur noch in Erinnerungsbildern aus der alten Welt aufflackern.

Der innere Monolog

Schon die ersten Szenen werden von klassischer Musik und von einem inneren Monolog aus dem Off begleitet. Ein Gedankenraunen, das Befindlichkeiten Ausdruck verleiht, in großen Worten und Gefühlen schwelgt. Die Figuren (beziehungsweise deren Darsteller) müssen ihre Gefühlszustände auch im weiteren Film vor allem wortlos ausdrücken.

Das Hasch-mich-Spiel, das Tänzeln, das Kreisen, das Hüpfen und Arme-Ausbreiten funktioniert noch irgendwie als Äußerungsform in der Phase emphatischer Verliebtheit.

Später wird es jedoch zur Beschränkung, wenn Frau vorneweg und Mann hinterher in elliptisch montierten Einstellungsfolgen stumme Pas de deux vollführen. Der Austausch tiefgründiger Blicke oder zarter Berührungen wird nur zur leeren Handlung und zur Attitüde.

Dabei ist der Film in seiner Verortung ganz konkret und gegenwärtig. Auch der ländliche Süden der USA ist von Umweltverschmutzung betroffen, seine Bewohner erleben Deklassierung. Das Paar bezieht ein großzügiges Modellhaus in der mittelständischen Vorstadt von Bartlesville, Oklahoma. Aber in anderen Vierteln verfallen die traditionellen Holzbauten.

Eine große Enttäuschung

Fenster werden mit Plastikfolien geflickt, und auf der Veranda liegt kaputtes Inventar gleichsam wie Treibgut. Dass Malick Stars wie Affleck (dessen Figur beruflich Boden- und Haarproben sammelt) oder Javier Bardem (der den inwändig zweifelnden Priester spielt) in diese Wirklichkeit stellt, könnte interessante Ergebnisse zeitigen. Allerdings bleibt es dann weitgehend beim Hinstellen. Von einem Bild zum nächsten, aus einer Unberechenbarkeit und einem Nachhall ergeben sich mitunter auch hier produktive Irritationen.

Die recht berechenbare Mystifikation von Liebe und Weiblichkeit ist als Faden für diese Kette von Fragmentaufnahmen jedoch zu dünn. Der Film "To The Wonder" ist somit eigentlich die bisher herbste Enttäuschung dieses Festivaljahrgangs. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 3.9.2012)

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