Mehrheit glaubt nicht mehr an Wechsel zu Berufsheer

Conrad Seidl
2. September 2012, 18:03

61 Prozent der Wahlberechtigten sind für die Beibehaltung der Wehrpflicht - Ankerpunkt der Überlegungen ist der Zivildienst

Linz - Die Wehrpflicht-Diskussion der vergangenen Tage hat den Anhängern der Wehrpflicht deutlich Zulauf gebracht: Erstmals zeigen sich in einer Market-Umfrage mehr als 60 Prozent als Anhänger des derzeitigen Systems. Noch im Mai war das Ergebnis fast auf den Prozentwert umgekehrt: Da sprachen sich 62 Prozent für ein Berufsheer und 38 Prozent für die Wehrpflicht aus.

ÖVP-Anhänger für Wehrpflicht

Derzeit gibt es nur zwei Bevölkerungsgruppen, in denen es einen Überhang der Berufsheer-Anhänger gibt: Deutlich ist er bei den bekennenden Grün-Wählern, weniger stark ausgeprägt unter Maturanten und Akademikern. In der Altersgruppe unter 30, die am ehesten von Wehrpflicht betroffen ist, steht es 50:50 für Wehrpflicht und Berufsheer. Die stärkste Befürwortung findet die Wehrpflicht unter ÖVP-Anhängern, in der bildungsfernen Schicht und bei Menschen über 50.

Market-Chef Werner Beutelmeyer: „Man kann diese Frage nicht isoliert sehen - und sie wird ja bei der Volksbefragung auch nicht isoliert dargestellt werden. Abgesehen von der endgültigen Formulierung der Fragestellung wird doch den meisten Österreichern aufgrund von monatelangen Diskussionen klar sein, dass es eben nicht nur um Wehrpflicht oder Berufsheer geht." Daher werden auch bei den Umfragen verwandte Themen abgefragt, etwa der Zivildienst.

Wie die Grafik zeigt, genießt der Zivildienst im Vergleich zu anderen staatlichen Einrichtungen höchste Anerkennung in der Bevölkerung - 48 Prozent sagen, er mache seine Sache "sehr gut", dem Bundesheer attestieren das nur 25 Prozent. Auffallend: Wer selber beim Bundesheer war, gibt sowohl dem Bundesheer als auch dem Zivildienst schlechtere Noten als jene, die mit dem Heer keine persönliche Erfahrung haben.

Für verpflichtenden Sozialdienst

Jedenfalls glauben - ziemlich konstant über eineinhalb Jahre Vergleichsumfragen - drei Viertel der Befragten, es wäre bei Abschaffung der Wehrpflicht "notwendig, dass es dafür einen verpflichtenden Sozialdienst für Männer und Frauen gibt". Dass dagegen menschenrechtliche Bedenken sprechen, hat sich offenbar nicht herumgesprochen. Die Frage wird aber vor allem deshalb gestellt, um die Alternative "freiwilliges Soziales Jahr" einschätzen zu können: Nur 21 Prozent meinen, dass es dafür genügend Freiwillige geben würde.

Viel spricht dafür, dass die Wehrpflicht-Diskussion mehr politisch als sachlich motiviert ist - daher ließ der STANDARD abfragen, wie viel Engagement den einzelnen Parteien in Sicherheitsfragen zugetraut wird. Beutelmeyer: "Auffallend ist, dass das Anliegen Sicherheit den beiden Koalitionspartnern exakt gleich stark bestätigt wird, wobei natürlich die Anhänger der jeweiligen Partei ihrer eigenen Partei besonders stark trauen und der anderen Partei mitsamt deren Konzept weniger."

Festzuhalten sei weiters, dass SPÖ und ÖVP unterschiedlichen Zugangsweisen zum Trotz am meisten Engagement für die Sicherheit Österreichs zugetraut wird. Bei SPÖ und ÖVP meinen nur jeweils 13 Prozent, Sicherheitspolitik wäre dort "gar nicht wichtig" - die Vergleichswerte liegen für die FPÖ bei 25, für das BZÖ bei 27, für die Grünen bei 29, für die Stronach-Partei bei 31, für die Piratenpartei bei 44 und für die KPÖ bei 45 Prozent.

Der Standard lässt bei diesen Umfragen stets auch fragen, was wohl am Ende herauskommen wird. Bisher waren Gegner wie Befürworter der Wehrpflicht mehrheitlich der Meinung, dass langfristig kein Weg an einem Berufsheer vorbeiführen wird - bei der in der Vorwoche durchgeführten Umfrage glaubten nur noch 47 Prozent an ein Berufsheer. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 3.9.2012)

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Die Leute, die es sich leisten können, 10min am Telefon einem Unbekannten zu spenden, disqualifzieren sich schon vor vorne weg als repräsentativ für das Stimmvolk. Das sollte man einer derartigen Befragung wohl vorausschicken.

Daher lese ich das mit einer Toleranz von mind. 10%.

Daraus folgt lediglich, dass es eine sehr knappe Entscheidung wird.

Deutsch

Diejenigen, welche sich über jene aufregen, welche sich es leisten können 10 Minuten zu spenden, sollten doch auch in Ihren Postings die Deutsche Sprache korrekt benützen.

ad "Deutsche Sprache"

DEUTSCH ist in Ihrem Satz ein Adjektiv - daher klein zu schreiben.

Ferner ist anzumerken, dass "in Ihren Postings" das Possessivpronomen keinerlei Referenz eines angesprochenen Adressaten hat und dementsprechend klein zu schreiben ist.

einfach nur lächerlich und fern ab von jeder realität dieser kleine mensch

mimimimimi

früher Drückeberger, nun unentbehrlich

Der Alternativdienst ist ein schönes Beispiel wie die Bevölkerung überzeugt werden kann und ihre Meinung ändert: in den 60-/70-Jahren als Drückeberger, sogar als Landesverräter geächtete Zivildiener wurden durch eine "Gewissensprüfkommission" ausgewählt und haben ihre Sache gut gemacht und bekehrten die Bevölkerung. Es dauerte halt mehr als 30 Jahre.

und nun, wo man endlich daran denkt, die Wehrpflicht= Dienst mit der Waffe, aufzuheben und die Landesverteidigung einer Profitruppe zu überlassen, sind gerade jene kritischen Männer, die den Dienst mit der Waffe verweigern, und Ersatzdienst leisten so unentbehrlich geworden, dass die allgemeine Wehrpflicht vielleicht nicht abgeschafft werden wird.

denn alle wissen: 6 Monate sinnlos in Kasernen rumsitzen und Schreikonzerte einstecken ist entbehrlich, die Zivildiener und ihr 9 monatiges Engagement in den Rettungs- und Pflegediensten, die 8.500 Jungmänner jährlich sind bei ca. 45.000 Rekruten jährlich das Zünglein an der Waage, denn ihre Dienste werden wirklich dringend benötigt!

von mir ein Danke! Bin trotzdem gegen die allg. Wehrpflicht!

ich bin dafür, dass alle ehemiligen zivis eine vereinigung bilden, wo sie offen erklären, warum sie sich nicht für den dienst mit der waffe entschieden haben. ich bin sicher, dass 99,9 % sagen, dass sie mit krieg und seinen unangenehmen begleiterscheinungen nichts am hut haben!

Peinlich

Ist es Ihnen nicht peinlich sich offen gegen Ihr Land zu bekennen, welches Sie nach Ihrer Aussage NICHT bereit wären zu verteidigen ???

und bei soldaten ist das anders?

aber man verhindert keine kriege, indem niemand mehr soldat ist. schön wärs - das müssten dann aber alle staaten tun. wehrpflicht soll kriege verhindern, vor allem aber, dass andere uns erobern können. das mag nicht sehr wahrscheinlich sein, dafür sind aber die umso aktiver, die nicht dieselben aufgaben und leistungen mit anderer struktur wollen, sondern den ersatz des heeres durch eine interventionsarmee für us-kriege - was von dieser partie bislang vor allem der nato-pilz und einige kommentatoren recht unverhohlen sagen. wer ein berufsheer mit freiwilligenmiliz will, möchte das nicht, sondern diese art miliz anstelle des grundwehrdienstes.

Die Abhängigkeit von Zivildienern ist eine Bankrotterklärung sowohl des Staates, als auch der diversen sozialen Einrichtungen.
Mitte der 90er Jahre gab es etwa 2000-3000 Zivildiener jährlich und die Rotes Kreuz u.a. hatten Probleme diese unterzubringen. Also was ist bei diesen Einrichtungen in den letzten Jahren so dermaßen falsch gelaufen?

P.S. ich verstehe, wenn jemand in Wien nicht ehrenamtlich Krankentransporte durchführen will, wenn man weiß, dass der natürliche Lebensraum des Flußpferdes der 4. Stock ohne Lift ist. Wer mal 3 Transporte dieser Art gemacht hat, orientiert sich neu und wird Rasentrimmer am Golfplatz.

gratulation, herrlich formuliert! und voll ins Schwarze getroffen auch noch. --- allerdings war mE die Zahl der Zivis auch Mitte der 90er Jahre

bereits weit über der von Ihnen genannten Zahl.

Damals gab es die sog. ZD-Kaugummi-Studie, in der erhoben wurde, wie lang man ZD verlängern muss, damit man eine fixe Zahl von Präsenzdienern beim BH hat.

1995-96 erreichte schließlich die Länge des ZD ihr Maximum: 12 Mo. (abz 2W. Urlaub) - ausgerechnet unter dem liberalsten BMfI: C. Einem.

Irrsinn ist, dass es bis heute keinerlei hydraulische Hebevorrichtung für Rollsessel an den Krankentransportern gibt.

Das Anfüttern mit Zivildienern hat(te) 2 Effekte:

1) Verdrängung der Hauptberuflichen bzw Niedrigentlohnung dieser

2) Ersticken jedes natürlichen Wettbewerbs in mit Zivis besetzten Sparten, damit verbunden: eine nachhaltige Verhinderung jeglicher Effizienzsteigerung.

Ich glaube es waren 2000-3000 Zivildienststellen, nach wegfall der Zivildienstkommission gab es aber viel mehr Anwärter auf diese Stellen. Eine lange Wartezeit bis zur Ableistung des Wehrersatzdienstes war ein Unsicherheitsfaktor für die Planung der Wehrpflichtigen, weil u.a. viele Arbeitgeber den abgeleisteten Wehrdienst als ein Kriterium für eine Anstellung wollten.
So ergab dann wohl ein Teil das andere, der Staat wollte die Wartezeit verkürzen, die Einrichtungen waren froh billige "Schani" zu bekommen.

es war in einem der berichte

dass etwa 10% der zivis auf extra für sie geschaffenen stellen sind, ergo nicht notwendig sind.
was rettung und co. betrifft, so müsste man sich ansehen, ob die einsätze zugenommen haben - das könnte der fall sein, wenn die bevölkerung im durchschnitt älter wird.

cool,

Politik wird jetzt nicht mal mehr mit populistischen Volksabstimmungen/Befragungen & upfront Meinungsumfragen gemacht- nein!
Man geht noch einen Schritt weiter und ermittelt was denn die Bevölkerung GLAUBT, wie es ausgeht!
Und das vom Standard!

ps: Welches "Konzept"?! Das man die Bevölkerung entscheiden läßt!? Mir graust.

umfragen

machen auch medien, die ganz gierig darauf sind, politische debatten anzuheizen - um diese dann für eine oberflächlichkeit zu geißeln, zu der die medien selbst viel beitragen...

eigentlich eine sauerei

und ein grausiges sittenbild:

der österreicher will die wehrpflicht behalten nur um sein soziales system mit eigentlich (eu) menschenrechtswidriger (außer eben wenn man es als wehrersatzdienst tituliert) zwangsarbeit billig aufrechtzuerhalten.

zum speiben.

ein ehem. zivilidiener, der seinen zivildienst gerne abgeleistet hat ...

erinnern Sie sich noch, wie man Zivildiener öffentlich gemobbt hat, als Nichtstuer und Drückeberger!

Jetzt jammern Länder wie Kärnten,weil sich nicht genug für den Wehrersatzdienst melden, und die strammen Kärntner lieber zum Heer gehen!

das hat sich aber geändert

selbst in einem konservativen land wie österreich verändern sich rollenbilder, männer haben alternativen und gelten trotzdem als männer.
zugleich denkt man ja auch beim heer nicht mehr, dass nur männer, die mit der waffe dienen, männer sind.
schon allein, weil es inzwischen auch soldatinnen gibt :-)

Die altbewährt Österreichische Methode:

Immer bereit, alles zu reformieren, aber dabei tunlichst aufzupassen, daß ja nix verändert wird.
Insofern wundert mich das nicht.

es wird vielleicht der umgangston mit zivildienern reformiert. zuvor belächelt, als zivilversager und wehrdienstverweigerer beschimpft, wird ihnen ab jetzt vielleicht etwas mehr respekt entgegengebracht, was an dem problem "zwangsarbeit" nix ändert, während gleichzeitig das bh im grunde a sport-lager is das sich über 2 monate erstreckt und danach 3 monate saufen - und das sollen unsere tüchtigen sein.

man merkt es schon noch

an der art und weise, wie sich selbst zeitungskommentatoren, aber auch politiker über darabos äussern. als ob zivil- oder wehrdienst etwas damit zu tun hätte, welches amt man viele jahre danach übernimmt-...

wenn die leute die abstimmung vom darabos abhängig machen dann gehörens alle versklavt.
ich werd nach meinem studium wahrscheinlich eh abhaun und woanders um eine staatsbürgerschaft ansuchen, weil ich genier mich langsam für unsere politik aber auch für unsere leit die sich von solch einer politik immer wieder fangen lassen wie eine herde dummer rinder.

Beim Berufsheer würden nur mehr die Rechten, Ewiggestrige und die Burschenschafter verbleiben. Es würde ein Staat im Staat entstehen. Haben Darabos und Häupl den 12. Februar 1934 vergessen?

Wir haben bereits jetzt ein Berufsheer. Der Kader ist fix angestellt, die Diener und Hörigen des Kaders werden aus der Bevölkerung zwangsrekrutiert.

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