Mehrheit glaubt nicht mehr an Wechsel zu Berufsheer

61 Prozent der Wahlberechtigten sind für die Beibehaltung der Wehrpflicht - Ankerpunkt der Überlegungen ist der Zivildienst

Linz - Die Wehrpflicht-Diskussion der vergangenen Tage hat den Anhängern der Wehrpflicht deutlich Zulauf gebracht: Erstmals zeigen sich in einer Market-Umfrage mehr als 60 Prozent als Anhänger des derzeitigen Systems. Noch im Mai war das Ergebnis fast auf den Prozentwert umgekehrt: Da sprachen sich 62 Prozent für ein Berufsheer und 38 Prozent für die Wehrpflicht aus.

ÖVP-Anhänger für Wehrpflicht

Derzeit gibt es nur zwei Bevölkerungsgruppen, in denen es einen Überhang der Berufsheer-Anhänger gibt: Deutlich ist er bei den bekennenden Grün-Wählern, weniger stark ausgeprägt unter Maturanten und Akademikern. In der Altersgruppe unter 30, die am ehesten von Wehrpflicht betroffen ist, steht es 50:50 für Wehrpflicht und Berufsheer. Die stärkste Befürwortung findet die Wehrpflicht unter ÖVP-Anhängern, in der bildungsfernen Schicht und bei Menschen über 50.

Market-Chef Werner Beutelmeyer: „Man kann diese Frage nicht isoliert sehen - und sie wird ja bei der Volksbefragung auch nicht isoliert dargestellt werden. Abgesehen von der endgültigen Formulierung der Fragestellung wird doch den meisten Österreichern aufgrund von monatelangen Diskussionen klar sein, dass es eben nicht nur um Wehrpflicht oder Berufsheer geht." Daher werden auch bei den Umfragen verwandte Themen abgefragt, etwa der Zivildienst.

Wie die Grafik zeigt, genießt der Zivildienst im Vergleich zu anderen staatlichen Einrichtungen höchste Anerkennung in der Bevölkerung - 48 Prozent sagen, er mache seine Sache "sehr gut", dem Bundesheer attestieren das nur 25 Prozent. Auffallend: Wer selber beim Bundesheer war, gibt sowohl dem Bundesheer als auch dem Zivildienst schlechtere Noten als jene, die mit dem Heer keine persönliche Erfahrung haben.

Für verpflichtenden Sozialdienst

Jedenfalls glauben - ziemlich konstant über eineinhalb Jahre Vergleichsumfragen - drei Viertel der Befragten, es wäre bei Abschaffung der Wehrpflicht "notwendig, dass es dafür einen verpflichtenden Sozialdienst für Männer und Frauen gibt". Dass dagegen menschenrechtliche Bedenken sprechen, hat sich offenbar nicht herumgesprochen. Die Frage wird aber vor allem deshalb gestellt, um die Alternative "freiwilliges Soziales Jahr" einschätzen zu können: Nur 21 Prozent meinen, dass es dafür genügend Freiwillige geben würde.

Viel spricht dafür, dass die Wehrpflicht-Diskussion mehr politisch als sachlich motiviert ist - daher ließ der STANDARD abfragen, wie viel Engagement den einzelnen Parteien in Sicherheitsfragen zugetraut wird. Beutelmeyer: "Auffallend ist, dass das Anliegen Sicherheit den beiden Koalitionspartnern exakt gleich stark bestätigt wird, wobei natürlich die Anhänger der jeweiligen Partei ihrer eigenen Partei besonders stark trauen und der anderen Partei mitsamt deren Konzept weniger."

Festzuhalten sei weiters, dass SPÖ und ÖVP unterschiedlichen Zugangsweisen zum Trotz am meisten Engagement für die Sicherheit Österreichs zugetraut wird. Bei SPÖ und ÖVP meinen nur jeweils 13 Prozent, Sicherheitspolitik wäre dort "gar nicht wichtig" - die Vergleichswerte liegen für die FPÖ bei 25, für das BZÖ bei 27, für die Grünen bei 29, für die Stronach-Partei bei 31, für die Piratenpartei bei 44 und für die KPÖ bei 45 Prozent.

Der Standard lässt bei diesen Umfragen stets auch fragen, was wohl am Ende herauskommen wird. Bisher waren Gegner wie Befürworter der Wehrpflicht mehrheitlich der Meinung, dass langfristig kein Weg an einem Berufsheer vorbeiführen wird - bei der in der Vorwoche durchgeführten Umfrage glaubten nur noch 47 Prozent an ein Berufsheer. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 3.9.2012)

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