Sport kommt in der Schule zu kurz

Fritz Neumann
31. August 2012, 18:48

Unterschriftenaktion für die tägliche Turnstunde

Es soll vorkommen, dass der Rechnungshof etwas kritisiert, und es ändert sich gar nichts. Die Kürzung der Unterrichtsstunden 2003 geht vielfach zulasten des Sportunterrichts - das ist eine solche Kritik gewesen. Den Turnunterricht in den Volks- und Hauptschulen hat sich der Rechnungshof etwas näher angesehen und bekrittelt, dass ihn allzu oft Lehrer übernehmen (müssen), die mit dem Sport genau gar nichts am Hut haben. Das Unterrichtsministerium hat die Kritik nicht etwa völlig ignoriert, sondern auf "Initiativen" hingewiesen - und die Zahl der Schulturnstunden beibehalten.

Volksschüler kommen in den ersten zwei Klassen auf je drei, in der dritten und vierten Klasse auf je zwei Turnstunden pro Woche. "So wird", sagt Otmar Weiß vom Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport der Uni Wien, "das goldene motorische Lernalter nicht genutzt. Damit leiden auch der Stellenwert und die Anerkennung des Sports." In Haupt-, Mittel- und Berufsschulen sieht es oft noch schlechter aus. Womit sich letztlich ein Zusammenhang zwischen Schulsport und Erfolg oder Misserfolg (siehe London!) heimischer Spitzensportler herstellen lässt. Viele Experten sehen ihn, Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) sieht ihn nicht.

Freilich ließe sich, behauptet Schmied, die vielfach geäußerte Forderung nach einer täglichen Turnstunde an der von ihr propagierten Ganztagsschule vergleichsweise rasch umsetzen. Für die ÖVP war es indes ein Leichtes, sich von Schmied und ihrem Parteikollegen Norbert Darabos, dem Sportminister, ein Konzept zur Sportförderung in jungen Jahren zu wünschen. Die mächtige Bundes Sport Organisation (BSO), der mit Peter Wittmann ein weiterer Sozialdemokrat vorsteht, kündigte beim Forum Alpbach eine Unterschriftenaktion für die tägliche Turnstunde an. Wo und wann man unterschreiben kann, wird bei einem großen gemeinsamen Termin mit beispielsweise dem Skiverband und dem Fußballbund am 7. September in Wien bekanntgegeben.

Von einer Volksbefragung, deren Ergebnis für die Regierung bindend wäre, ist zwar nicht die Rede. Doch angesichts der Tatsache, dass die BSO mit den knapp 70 Sportverbänden, die ihr angehören, drei Millionen Mitglieder versammelt, könnten viele Unterschriften zusammenkommen. Volleyball-Verbandspräsident Peter Kleinmann: "Der Sport ist die größte gesellschaftliche Schicht im Land, erstmals erhebt er eine gemeinsame Forderung an die Politik. Wir machen uns stark für die Gesundheit unserer Kinder." Um diese Gesundheit ist es nicht gut bestellt, wie 2010 die "Health Behaviour in School-aged Children Study" ergab. Ihr zufolge bewegen sich die Elf- bis 15-Jährigen in Österreich insgesamt viel zu wenig, sie werden immer dicker, was das Gesundheitswesen immer mehr kostet. Ein bisserl Fangerlspielen in der großen Pause ändert daran gar nichts. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 1.9.2012)

Share if you care
10 Postings

Es ist ein wahres Dilemma, dass Kindern von klein auf die Lust an Sport genommen wird, sei es durch desinteressierte Lehrer oder durch die Kürzung von Stunden für den Turnunterricht. Dabei könnte man durch gut organisiertes (und vielleicht sogar von Eltern mitgetragenes) Coachen so viel mehr lernen (Teamfähigkeit, Fairness, Durchhaltevermögen, Gemeinschaftszugehörigkeit, ... ) als wenn man täglich fünf Stunden lang mit Jahreszahlen, Logarithmen und Verbformen bombardiert wird.
Es wundert mich auch nicht, dass der beste Platz bei Olympischen Sommerspielen für Österreich leider nicht mal in den Medaillenrängen liegt!

Singapour..

...hahaha. müsste man mal dem Darabos vorschlagen. da müssten bei uns sogar die Kicker länger zum Heer... hahahahaha

Die Schule ist halt aktuell so ziemlich die einzige Instanz, in der für viele Bewegung überhaupt noch stattfindet. Deshalb führt nichts an einer wie immer auch organisierten täglichen Bewegungszeit vorbei. Der außerschulische Sport ist auf breiter Basis fast inexistent geworden.

Aktuell besitzt der Mensch noch einen Körper, der gefordert sein will, sonst trägt er sein Hirn/Geist nicht sehr lange.
Ein überdauerndes Bewegungsverhalten, welches von freundvollem Bewegen bis zum durchaus notwendigen 3x/Woche fordernden Sport reicht, sollte in der Schule grundgelegt werden.
Nicht nur der Kopf, sondern der ganze Mensch geht zur Schule!

Es lebe der Sport?

Die momentane Diskussion um Sport und Schule und Olympia ist maximal absurd - die Schule für die Mißerfolge verantwortlich zu machen ebenso. In der Schule hat Sport nicht wirklich was verloren - Sport ist Konkurrenz, im Turnunterricht geht es aber inzwischen viel um soziales Lernen, was viel wichtiger ist als irgendwelche sportlichen Leistungen. Sport ist auch nicht gesund - schauen sie sich die Statistiken der Krankenkassen an - der Fussballplatz scheint ein Schlachtfeld, die Spitzensportler sind bald kaputt usw. Kostet einen Haufen Geld. Sport ist in vielen Fällen ein direkter Konkurrent zu Schule - Schüler, die intensiv Fussball spielen mit drei mal Training pro Woche, Spielen am Wochenende bauen oft ab in ihren schulischen Leistungen.

"In Haupt-, Mittel- und Berufsschulen sieht es oft noch schlechter aus." Anm. als in der Volksschule

HS bzw. NMS kann man nicht mit der Berufsschule in einen Topf werfen.

HS/NMS haben sogar mehr Stunden als die Volksschulen (12 bis 14 Stunden alle 4 Jahre zusammengerechnet in HS/NMS vs. 10 Stunden in der VS) und die Berufsschule ist ein eigenes Kapitel, weil es dort keinen ganzjährig durchgängigen Unterricht gibt und die Schüler sich die meiste Zeit in ihren Betrieben befinden. Oder soll der Lehrherr die Turnstunden abhalten?

Und Befreiung von der täglichen Turnstunde für jene, die im Zuge eines Vereins täglich oder mehrmals in der Woche Sport machen.

1. warum ist dieses in der printausgabe prominente thema hier eigentlich so weit unten versteckt? schade.
2. ist es nicht lächerlich, wenn die bso, die voll von berufspolikerin ist, eine unterschriftenaktion für mehr bewegung in der schule startet? keine scheinaktivitäten, bitte, einfach machen!

Die Kürzung der Unterrichtsstunden 2003

war eine Schülerentlastungsverordnung
und betraf - zumindest in der Oberstufe - alle Fächer mit mehr als 4 Stunden (über die 4 Jahr Oberstufe gesamt gesehen) mit einer einzigen Ausnahme: Religion

Sie haben Recht. Man tut gerade so, als hätte man nur Turnen gekürzt. Viele andere Fächer sind da auch zum Handkuss gekommen.

Fett statt fit!

Ist schon lange Trend in Österreich! Und Burgenland ist Spitzenreiter!
Nichts Neues....

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.