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Der Brite Richard Whitehead...

... und der Südafrikaner Oscar Pistorius sind beide der "schnellste Mann auf keinem Bein".
London - Mit zehn Entscheidungen hoben am Freitag die Leichtathletikbewerbe im Olympiastadion an. 160 folgen noch bis zum Ende der Spiele. Schließlich wird es unter anderen 14 Damen und 15 Herren geben, die sich Paralympics-Sieger im Sprint über 100 Meter nennen dürfen. Die notwendige Differenzierung nach Grad der Behinderung will es auch, dass sich zwei Sportler, die sich "Schnellster Mann auf keinem Bein" nennen lassen, auf der Tartanbahn nicht treffen können.
Prothesenläufer Oscar Pistorius sollte sich am Sonntag in der Klasse T44 über 200 Meter die erste von drei Goldmedaillen abholen. Der "Blade Runner" Geheißene, der bei den Olympischen Spielen über 400 Meter für sich das Halbfinale und mit der Staffel den Endlauf erreicht hatte, ist Titelverteidiger über 100, 200 und 400 Meter. Die Goldene über 200 Meter kann sich der 25-Jährige zum dritten Mal in Folge sichern. Die schnelle Bahn in London lässt einen Angriff auf die aus 2010 datierende persönliche Bestleistung (21,41 Sekunden), also auf den Weltrekord für Menschen mit Behinderung, den der gering seheingeschränkte Ire Jason Smyth (Klasse T13; 21,43) hält, durchaus denkbar erscheinen.
"Nicht stoppen lassen"
Richard Whitehead kann seinen unfassbaren Rekord bei den Paralympics mangels einschlägigen Bewerbs nicht angreifen. Am 10. Oktober 2010 absolvierte der Mann aus Lowdham, Nottinghamshire, den Chicago Marathon innert 2:42,52 Stunden - auf ähnlichen Prothesen, wie sie Pistorius benutzt, allerdings gegenüber dem Südafrikaner mit dem deutlich größeren Handicap, dass ihm auch die Knie fehlen. Während bei Pistorius die Beine bei der Geburt inkomplett waren und daher unterhalb der Knie amputiert wurden, kam Whitehead nur mit Oberschenkeln zur Welt.
Der 36-jährige Brite war gemäß seines Mottos, sich "von Beeinträchtigungen oder einer Behinderung nicht stoppen zu lassen", fest entschlossen, in London dabei zu sein. Als feststand, dass es wie schon bei allen Weltmeisterschaften und Paralympics zuvor keinen Marathon für Beinamputierte geben würde, sattelte er um. "Ich habe mich hingesetzt und überlegt, was auf der Bahn am besten zu mir passen könnte. Herausgekommen sind die 200 Meter." Und weiters herausgekommen ist recht flott ein Weltrekord über diese Strecke in der Klasse T42 - 24,93 Sekunden.
"Limitierend ist das gesunde Bein"
Im Evening Standard wurde Whiteheads Kunststück jüngst nicht von ungefähr mit der Unmöglichkeit verdeutlicht, dass Weltrekordlerin Paula Radcliffe den Marathon aufgibt, um 200-m-Olympiasiegerin Allyson Felix ernsthaft zu fordern. Whitehead wird schließlich von Liz Yelling, einer ehemaligen Laufpartnerin von Radcliffe, trainiert.
Whiteheads Wandlung macht ihn zu jenem Athleten, auf dessen Auftritt sich Pistorius am meisten freut. Über die 200 Meter kann dem Superstar am ehesten sein südafrikanischer Landsmann Arnu Fourie gefährlich werden, mit dem er im paralympischen Dorf ein Zimmer teilt. "Vielleicht mische ich ihm am Abend vor dem Rennen Schlaftabletten in den Drink", sagte Pistorius.
Den ebenfalls in der Klasse T44 sprintenden Robert Mayer (31) braucht er nicht ganz so zu fürchten, obwohl der Osttiroler seine Bestzeit in diesem Jahr auf hervorragende 23,78 Sekunden drücken konnte. Der Lienzer, einst ein großes Fußballtalent, dem 1998 nach einem Starkstromunfall der rechte Unterschenkel amputiert werden musste, sollte in der Qualifikation am heutigen Samstag an seine Bestzeit heranlaufen, um das sonntägliche Finale der besten acht zu erreichen. Einen Vorteil gegenüber Läufern mit zwei Prothesen hat Mayer allenfalls am Start. "Limitierend ist ja das gesunde Bein", sagt die für die Leichtathleten in London zuständige dreimalige Paralympics-Siegerin Andrea Scherney. (Sigi Lützow aus London, DER STANDARD, 1./2.9.2012)
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