"Griechenland ist mitten im Feuer"

Interview31. August 2012, 18:16
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Wenn die Eurozone Griechenland fallenließe, würden Unruhen und kriegsähnliche Zustände folgen, warnt Anna Diamantopoulou

Standard: Sie haben in Alpbach beklagt, dass die EU-Partner mit Gerüchten und Drohungen zu Griechenland die Lage verschlimmern. Sind das alles Missverständnisse?

Diamantopoulou: Die politischen Spitzen verstehen die Lage sehr gut. Aber sie handeln in europäischen Zusammenhängen, denken dabei vor allem an ihr nationales Publikum. Sie treffen Entscheidungen für andere Länder, sind dabei aber ständig auf die Stimmung im eigenen Land fixiert.

Standard: Sie müssen Milliardenhilfen auch zu Hause rechtfertigen.

Diamantopoulou: Das sehe ich schon. Wenn Ihr Außenminister etwa sich kritisch äußert ...

Standard: ... er sprach vom Rausschmeißen, wenn Euroländer Verpflichtungen nicht einhalten ...

Diamantopoulou: ... dann hat er sicherlich die Wahrnehmung in Österreich vor sich, wo die Leute sagen: "Wir arbeiten hart, haben eine gesunde Wirtschaft, und jetzt geben wir unser Geld diesen verdammten Griechen, die keine Steuern zahlen, die unser Geld verprassen." Den Leuten muss man richtige Antworten geben.

Standard: Überrascht Sie das?

Diamantopoulou: Nein. Wenn ich in Griechenland mit Bürgern rede, ist es umgekehrt. Leute schimpfen und sagen, "Ihr kürzt ständig unsere Löhne, unsere Pensionen, trotzdem werden die Zustände immer schlechter. Die Europäer müssen uns wohl hassen." Es gibt eine Kluft zwischen Bürgern und Politikern, zwischen den Ländern, die größer und größer wird.

Standard: Die Regierung in Athen hat ihre Vereinbarungen nie ganz eingehalten.

Diamantopoulou: Es gab auf griechischer Seite gewaltige Fehler, Missmanagement nicht erst seit zwei, drei Jahren, sondern seit Jahrzehnten. Man muss jetzt aber auch die Frage stellen, ob wir die gesamte griechische Bevölkerung dafür bestrafen sollen, indem wir eine ganze Generation von jungen Leuten fallen lassen.

Standard: Ihr Land muss saniert werden.

Diamantopoulou: Man kann ein Land nicht sanieren wie eine Firma, wo man einen Dreijahresplan macht, tausende Leute entlässt. Die Dinge sind anders, wenn es um eine Gesellschaft geht. Das Problem war, dass die Opposition unter dem Konservativen Samaras alles blockierte, was Premier Papandreou wollte. Samaras ist jetzt Premier, er hat verstanden, dass das die letzte Chance für Griechenland und Europa ist.

Standard: Was ist von Parteien zu erwarten?

Diamantopoulou: Sie haben alle Versprechungen gemacht, dass es keine weiteren Kürzungen geben wird. Auch in meiner Partei, der Pasok, ist es leider so. Im Wahlkampf habe ich bei einer großen Parteiveranstaltung vor 1500 Leuten gesagt: Seien wir doch ehrlich, es wird neue Maßnahmen geben, Reformen müssen weitergehen. Da meldete sich jemand, schrie: "Das Einzige, was Du verdienst, Anna, ist dass man dich niederschießt."

Standard: Klingt unglaublich.

Diamantopoulou: Ich werde das in meinem Leben nie mehr vergessen. Es hat mir gezeigt, die Menschen sind schon so verzweifelt, dass sie die Wahrheit nicht mehr ertragen können. Sie wollen lieber Illusionen hören.

Standard: Halten Sie es für möglich, dass man Griechenland aus dem Euroraum drängt?

Diamantopoulou: Noch vor einem Jahr hätte ich so etwas für absolut unmöglich gehalten. Es ist nicht zu leugnen, dass das erwogen wird, im deutschen wie im österreichischen Establishment. Das ist furchterregend. Sie sollten verstehen, dass das nicht die Zeit ist für Drohungen. Mir macht das Angst. Für Griechenland wäre das Ende des Euro eine absolute Katastrophe. Es würde zu Unruhen kommen.

Standard: Wie schnell?

Diamantopoulou: Die Umbrüche würden sehr schnell gehen, und auch das Ausbrechen von Gewalt. Wir stehen vor dem entscheidenden Moment unserer Geschichte seit dem Krieg.

Standard: Was bedeutet das alles sicherheitspolitisch?

Diamantopoulou: Die gesamte Nachbarschaft von Griechenland, insbesondere die Türkei, hat derzeit große Probleme. Das Kurdenproblem rückt in den Vordergrund. Die Geschichte zeigt, wenn die Türkei Probleme hat, breitet sich das über die gesamte Ägäis aus. Griechenland ist mitten im Feuer. Das sollte man bedenken. (Thomas Mayer, DER STANDARD; 1./2.9.2012)

  • Anna Diamantopoulou: "Die Leute sind so verzweifelt, dass sie die Wahrheit nicht mehr ertragen, sie wollen Illusionen."
    foto: standard/prantl

    Anna Diamantopoulou: "Die Leute sind so verzweifelt, dass sie die Wahrheit nicht mehr ertragen, sie wollen Illusionen."

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