"Wir könnten auch in Wien in die Höhe bauen"

Interview |
  • Jörg Wippel vor seinem jüngsten "Baby", einer frei finanzierten Wohnbauanlage in der Horvathgasse in Wien-Ottakring: "Wir brauchen mehr Wohnungen für Einkommensschwächere."
    foto: standard/urban

    Jörg Wippel vor seinem jüngsten "Baby", einer frei finanzierten Wohnbauanlage in der Horvathgasse in Wien-Ottakring: "Wir brauchen mehr Wohnungen für Einkommensschwächere."

Jörg Wippel baut Wohnungen in Wien - billiger und besser als gemeinnützige Wohnbauträger, sagt der Initiator der Alpbacher Baukulturgespräche

Jörg Wippel baut Wohnungen in Wien. Wie er meint, billiger und besser als gemeinnützige Wohnbauträger. Petra Stuiber fragte ihn, wo der Haken ist – und wie er Wiens Wohnprobleme künftig lösen will.

STANDARD: Auf Ihren Wunsch treffen wir uns für unser Gespräch über Wien in einem Ihrer neuesten Objekte im 16. Bezirk, in einer Anlage mit frei finanzierten Wohnungen. Das ist tatsächlich wienerisch, weil seit einigen Jahren die Bezirke, in denen ärmere Leute wohnen, zunehmend mit teuren Wohnungen gentrifiziert werden. Tragen Sie bei zur Gentrifizierung von Ottakring?

Wippel: Nein, das glaube ich nicht. Wir haben eine Preispolitik, die sich daran orientiert, was im geförderten Wohnbau die Preissituation ist. Das heißt, wir gehen nicht in Gegenden, um dort das Preisgefüge kaputt zu machen und durch teure Preise die alte Bewohnerschaft auszumieten. Im Gegenteil. Wir haben hier Durchschnittsverkaufspreise von 2500 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche, das ist extrem günstig. In dieser Wohnanlage haben wir Haushalte, die ein Durchschnittseinkommen von 1500 bis 3000 Euro haben, also ganz normale Leute. Die Dachgeschoßwohnungen sind wesentlich teurer, dafür gibt es in den unteren Stockwerken aber Wohnungen, die nur 1700 Euro pro Quadratmeter gekostet haben. Wir versuchen ein Teil der Soziallandschaft dieser Stadt zu sein. Wir bauen in durchschnittlichen Lagen, also dort, wo der gemeinnützige Wohnbau sein sollte, aber leider nicht mehr ist.

STANDARD: Was macht Sie günstig?

Wippel: Eine andere Art zu arbeiten. Ein gefördertes Projekt dauert im Durchschnitt doppelt so lange wie eines unserer Projekte. Allein die Einreichung bei der Wohnbauförderung löst einen Zeitaufwand von mindestens 1 1/2 Jahren aus. Weil wir darauf verzichten, sind wir um 1 1/2 Jahre schneller. Ich habe keine Mitarbeiter, die Aktenschränke füllen müssen für Förderanträge. Wir verhandeln die Baukosten direkt, nicht im Ausschreibungswege.

STANDARD: Beim geförderten Wohnbau wird sehr auf soziale Durchmischung geachtet. Wie halten Sie es damit?

Wippel: Mir ist soziale Integration ungeheuer wichtig, umso mehr, als ich einige Jahre in den USA gelebt habe. Ich weiß, wie es ist, wenn das nicht existiert. Wir achten sehr auf eine Durchmischung in unseren Wohnbauten. Was in der Vergangenheit gelungen ist - soziale Integration in allen Bezirken, etwa durch den Bau von Gemeindebauten in sogenannten Nobelbezirken -, das beginnt sich totzulaufen. Weil die Grundstücke so teuer geworden sind, dass der gemeinnützige Wohnbau gar keine Chance mehr hat, sie zu kaufen.

STANDARD: Aber das trifft ja auch Sie. Irgendwann ist Schluss mit billig bauen, wenn Ihnen der billige Grund ausgeht.

Wippel: Wir sind als Firma viel beweglicher. Wir können bis zu 600 Euro für den Quadratmeter Nutzfläche zahlen - und bringen immer noch günstige Preise zusammen. Gemeinnützige Bauträger dürfen nur 250 bis maximal 300 Euro bezahlen. Sie bekommen daher keine Grundstücke mehr. Das ist ein Problem. Die Wohnungsneubaupolitik als den Schlüssel des Wohnbaus zu sehen, ist überholt und veraltet. Wir müssen primär Bestehendes sanieren.

STANDARD: 2035 wird Wien zwei Millionen Einwohner haben. Wir brauchen 150.000 Wohnungen mehr bis dahin, sagen Experten. Das werden Sie mit Sanierungen allein nicht schaffen.

Wippel: Ich kenne diese Prognosen. Ich glaube, dass zu viel Gewicht darauf gelegt wird, dass die Stadt explosionsartig wachsen könnte. Das wird nicht passieren. Ja, Österreich braucht Wohnungsnachproduktion. Die Frage ist: Wo baut man, in die Fläche oder in die Höhe? Verdichtet man oder verbreitert man Städte? Wenn Sie an Amerika denken, dort haben sie in Phoenix, Arizona, riesige Suburbs, lauter eingeschoßige Häuser, die produzieren eine Menge Verkehrswege. In New York City haben sie in die Höhe gebaut, dort hat kein Mensch mehr ein privates Auto, weil das nicht funktioniert. Wir könnten das in Wien auch machen: in die Höhe bauen.

STANDARD: Sie wollen Wolkenkratzer bauen?

Wippel: Wien war im Zweiten Weltkrieg ziemlich zerstört, der gesamte geförderte Wohnbau der Nachkriegszeit bis heute steht in den typischen gewachsenen Strukturen dieser Stadt. Stellen Sie sich vor, wir würden jedes damals gebaute Haus um ein oder zwei Stockwerke aufstocken. Das wäre das ökologischere Haus, denn es steht schon. Es hat keinen Landschaftsverbrauch, es braucht keine neuen Infrastrukturen, wir könnten die Städte auf diese Art verdichten und die Wohnungsproduktion zusätzlich dort schaffen, wo sie schon vorhanden ist.

STANDARD: Glauben Sie, dass Wien auf neue Stadtviertel wie etwa die Seestadt Aspern verzichten kann?

Wippel: Nein, kann man nicht und soll man auch nicht. Man soll aber nicht, um die produzierende Wirtschaft zu versorgen, Dinge hinstellen, die nicht angenommen und gebraucht werden. Man soll sich zuerst überlegen, was man verdichten kann. Ja, das ist schwierig, kleinteilig, mühsam. Die Erweiterungstendenzen ins Umland sind sicherlich nicht vermeidbar, aber man muss wissen, was man tut und man sollte sich sehr anstrengen. Jedes größere Dorf mit ein paar Einwohnern hat von der Autobahnabfahrt in der Zwischenzeit drei eigene Abfahrten.

STANDARD: Diesen Vorwurf können Sie Wien nicht machen. Da sind wir beim Föderalismus, weil jeder Bürgermeister ....

Wippel: .... Baubehörde erster Instanz ist, ja. Ein heller Wahnsinn. Raumordnungsfragen können nur übergreifend gelöst werden. Wir brauchen dringlichst eine Verwaltungsreform.

STANDARD: Was wollen Sie ändern?

Wippel: Wir brauchen mehr Wohnungen für Einkommensschwächere. Wir bauen pro Wohnung mindestens einen Autoabstellplatz. 15 bis 20 Prozent der gesamten Förderungskosten bestehen im Wegparken von Autos. Wenn weniger Garagenplätze gebaut worden wären, hätte man die Wohnungen billiger und genauso gut verkaufen können, und die Menschen wären öfter mit der Straßenbahn gefahren.

STANDARD: Ich höre den Steirer in Ihnen. Was sagen Sie zum Bürgerentscheid, dass Graz die Reininghausgründe nicht ankaufen soll?

Wippel: Das ist gar nicht in meinem Sinne. Wir brauchen eine Wohnpolitik, insofern halte ich das für falsch. Es tut mir der Herr Bürgermeister Nagl samt seinem früheren Koalitionspartner sehr leid. Es wäre eine wichtige Sachentscheidung gewesen, man kann nicht über alles das Volk befragen. Dafür ist ja die Politik da, dass sie was entscheidet. Es ist ein Schaden für die Stadt, dass diese Entscheidung so ausgegangen ist.

STANDARD: Wie wird Wien 2035 aussehen?

Wippel: Wenn es so weitergeht wie bisher ... beliebiger, weniger wienerisch. Arme werden in schlechten Gegenden wohnen, Reiche in reichen Gegenden. Wir werden eine ganz normale Stadt sein. Und das wäre fürchterlich. Wir müssen uns jetzt bewusst machen, wer wir sind, was wir alles zusammengebracht haben und wie man es verändert, dass Wien in allen Stadtteilen Wien bleibt. Dazu ist jetzt der richtige Zeitpunkt. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 1./2.9.2012)

Jörg Wippel (59) trat 1977 in das Familienunternehmen SEG ein. 1979 übersiedelte er in die USA und leitete von San Diego/Kalifornien aus die Auslandsgeschäfte der Firma. 1984 gründete er die private Wohnbauträger-Firma WVG Wippel, deren Geschäftsführer er ist. Wippel ist Initiator der Baukulturgespräche beim Europäischen Forum Alpbach.

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