Bekenntnisse einer Wiesenbraut

  • Am Rummel, auf der Oktoberfest-"Wiesen", verlieren einander Kasimir 
(Harald Windisch) und Karoline (Katharina Straßer) aus den Augen. Sie 
behält die Oberhand, ihr Leben zerfällt daraufhin in Trümmer.
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    foto: moritz schell

    Am Rummel, auf der Oktoberfest-"Wiesen", verlieren einander Kasimir (Harald Windisch) und Karoline (Katharina Straßer) aus den Augen. Sie behält die Oberhand, ihr Leben zerfällt daraufhin in Trümmer.

Katharina Straßer gibt ab 13. September die weibliche Hauptrolle in Ödön von Horváths Krisenvolksstück "Kasimir und Karoline" im Wiener Josefstadt-Theater

Das Porträt einer unbändig vitalen Schauspielerin mit Film- und TV-Meriten, die ihren Weg allein geht.

Wien - Der Zeppelin über der Münchner Oktoberfest-Wiesen dreht ein paar Schleifen hoch über den Köpfen von Kasimir und Karoline. Es herrscht Weltwirtschaftskrise. Ihn, den gelernten Kraftwagenchauffeur, hat man soeben freigesetzt. Sie möchte auf dem Oktoberfest eigentlich nur ein Eis schlecken. In Ödön von Horváths Volksstück Kasimir und Karoline, das am 13. September Premiere im Wiener Josefstadt-Theater hat, bekommt schließlich jeder, was er verdient. Und das ist wenig genug.

Karoline ist die große Unbekümmerte in der Galerie der Horváth-Fräulein. In ihrem Kopf verfaulen Bildungsgüter. Sie sagt dann Sachen wie: "Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm, könnt' ich mir vorstellen." Die Wiener Schauspielerin Katharina Straßer kann sich allerhand zur Rolle der Karoline vorstellen. Sie spürt die Sehnsucht, die das arme Geschöpf umtreibt. Karoline fühlt dunkel, wie das Schicksal waltet. Sie ahnt instinktiv, dass sie sich vor den Männern vorsehen muss: "Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private."

Katharina Straßer trennt die Sphären niemals. Die Frauenfiguren der gebürtigen Innsbruckerin lassen sich schon gar nicht die Butter vom Brot nehmen. Als Straßer zuletzt die Polly Peachum in der "Dreigroschenoper" am Wiener Volkstheater gab, tat sie die Großspurigkeit der Ganoven rund um Mackie Messer mit einem einzigen frivolen Achselzucken ab.

"Kalt und herzlos" sein

Sie intonierte den Barbara Song von einem Luster herab. Sang, dass man sich nicht nur hinlegen könne. Dass man als Frau auch einmal kalt und herzlos sein müsse, wenn es die Umstände erfordern. Der Spross einer heimischen Theaterfamilie (mit dem Groß onkel Romuald Pekny) bildet in allen denkbaren Paarkonstellationen eine natürliche Übermacht.

Straßer nimmt Karoline vor deren Verlobtem Kasimir nicht ausdrücklich in Schutz. Aber sie weiß es natürlich auch besser. Sie meint, dass es sich die Karoline verdammt noch mal einfacher machen könnte. Straßer: "Sie hätte nach seinen Nörgeleien jedes Recht zu sagen: Weißt du was, ich gehe hier lang, du da, wir sehen uns morgen beim Frühstück wieder, du nervst mich!" Tut sie nur nicht. Besserwisserisch darf sie als Karoline nämlich auch wieder nicht erscheinen.

Straßer: "Unser Regisseur Georg Schmiedleitner sagt: Man darf dieses Stück nicht zu intellektuell spielen. Da ist etwas Wahres dran. Wenn man anfängt, gescheit zu sein, geht es sich nicht mehr aus."

Der Regisseur habe übrigens die Entscheidung getroffen, Horváths Rummelplatzkolorit zu streichen: das Gorillaweibchen, die armen Lippennegerinnen, die Liliputaner, die quietschende Achterbahn. Was übrigbleibt, sei gruselig genug. "Wir Schauspieler sind dazu aufgerufen, uns an die Rampe zu stellen und zu reden." Man könne dadurch "über die Bande spielen". Sie dürfe dabei bloß ihre Bühnenpartner nicht anblicken: Harald Windisch als Kasimir, Peter Scholz als Zuschneider Schürzinger. Straßer müsse sich jetzt beherrschen. Sie darf nicht zappeln. Man ahnt ungefähr, wie viel Selbstbeherrschung das diese vitale Schauspielerin kostet.

Ihre Zeit als Ensemblemitglied am Wiener Volkstheater wolle sie nicht missen: "Ich mochte es, vom Betrieb eines Stadttheaters aufgefangen zu werden. Ich durfte, nach meiner Ausbildungszeit am Konservatorium, ,Baby‘ sein und ein Nest haben." Trotzdem ist sie heute frei: "Ich bin nicht gemacht für diesen Wahnsinnsalltag. Sechs Rollen auf einmal! Premiere, und am nächsten Morgen schon wieder eine Leseprobe." Unter diesen Bedingungen sei an Kunst kaum zu denken.

Ohnehin habe sie den Film (und das Fernsehen, siehe "Schnell ermittelt") lieber. "Ich will nicht, dass es allzu gemütlich wird", sagt Straßer. Ihr Lachen kann Bäume entwurzeln. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 1./2.9.2012)

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