Arbeit für Heimkinder war laut Historikern "Erziehungsziel"

  • Auch in das inzwischen  geschlossene Caritas-Heim in Gleink bei Steyr 
wurden Salzburger Kinder in den 1960er-Jahren verschickt.  Bei der 
Opferanwaltschaft liegen Anzeigen gegen das Heim vor.
    foto: apa/hannes markovsky

    Auch in das inzwischen geschlossene Caritas-Heim in Gleink bei Steyr wurden Salzburger Kinder in den 1960er-Jahren verschickt. Bei der Opferanwaltschaft liegen Anzeigen gegen das Heim vor.

Salzburger Historiker verlangen eine einheitliche Regelung zur Entschädigung von Heimkindern. Der Missbrauch war "gesellschaftlicher Konsens" und die "Verantwortungskette" war lang

Salzburg - Voraussichtlich im Oktober werden die Salzburger Universitäts-Historiker Ingrid Bauer, Tina Kubek und Robert Hoffmann ihre Forschungsergebnisse zur Situation der Heim- und Pflegekinder im Land Salzburg von 1945 bis in die 1980er-Jahre vorlegen. Die Studie entsteht im Auftrag der Landesregierung. "Das Land ist von sich aus aktiv geworden und an das Institut für Geschichte herangetreten", lobt Bauer die Sozialabteilung. In manchen Bundesländern habe die Forschung noch nicht einmal begonnen.

Eines der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen nehmen Bauer und Kubek im Standard-Gespräch vorweg: Die Frage von Entschädigungen und die Frage der Nachzahlung fehlender Pensionszeiten "kann man nicht bundesländerweise regeln", sagt Bauer. Es bedürfe einer bundesweit einheitlichen Regelung.

Gerade das Schicksal der Salzburger Heimkinder zeige dies ganz deutlich. Vor allem in den 1960er-Jahren seien die Kinder auf Erziehungsanstalten in ganz Österreich aufgeteilt worden. "Salzburger Kinder wurden in 61 verschiedene Heime verschickt."

Frustration und Stillstand

Wohin solle sich ein Salzburger wenden, der als Kind oder Jugendlicher zuerst in einem Kärntner Heim, später dann in Tirol untergebracht worden war, lautet die rhetorische Frage der beiden Historikerinnen. Die Betroffenen würden von Anlaufstelle zu Anlaufstelle geschickt, befürchten Bauer und Kubek. Das führe zu Frustration und Stillstand.

Als Vorbild einer bundesweiten Regelung könne Deutschland dienen, empfehlen die Wissenschafter. Dort habe der Bundestag einen runden Tisch mit Betroffenen, deren Vertretern, Heimträgern, Kirchen, Bund und Ländern sowie Firmen eingerichtet. Herausgekommen sei ein Bundesentschädigungsfonds. Dieser würde seine Entschädigungspraxis transparent gestalten. In Österreich hingegen würden beispielsweise die Nachzahlungen von Pensionszeiten völlig intransparent laufen.

Für eine einheitliche Bundesregelung mit einem die Entschädigungsstrategien koordinierenden Gremium spricht aus Sicht der Forschung auch, dass es eine gesellschaftliche Gesamtverantwortung gibt. "Die Verantwortungskette sei lange", sagt Bauer.

Kinderarbeit für Heimbetrieb

Als Beispiel nennt sie die Einbehaltung von Arbeitslöhnen durch die Heime. Dies liege teilweise auch an der chronischen Unterfinanzierung der Einrichtungen durch die öffentliche Hand, "mit den Tagsätzen war der Heimbetrieb nicht aufrechtzuerhalten".

Alle - vom Gesetzgeber über Ämter, Gerichte, Heimträger und Firmen - gehörten in diese lange Verantwortungskette. Letztlich habe es "einen gesellschaftlichen Konsens" gegeben, wie mit Kindern umzugehen sei, "die nicht der Norm entsprechen". Es habe quasi einen Konsens für Missbrauch und Zwangsarbeit gegeben. "Die Arbeit war Erziehungsziel", fasst Kubek zusammen.

Dass sich dann ab den 1970er-Jahren die Situation langsam zu verbessern begonnen habe, sei noch ein Indiz für die lange Verantwortungskette: Es sei vielen Beteiligten wohl bewusst gewesen, dass im Fürsorgewesen vieles schiefgelaufen ist. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 1./2.9.2012)

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Auch da wäre jetzt Vergangenheitsbewältigung angebracht

denn dieser Wahnsinn ist einer von vielen, die in Österreich "gesellschaftlicher Konsens" waren. Österreich hat do so einiges an widerwärtigem "gesellschaftlichen Konsens" aufzuarbeiten -- und nicht alle liegen in der Vergangenheit.

Voraussichtlich im Oktober werden die Salzburger Universitäts-Historiker Ingrid Bauer, Tina Kubek und Robert Hoffmann ihre Forschungsergebnisse zur Situation der Heim- und Pflegekinder im Land Salzburg von 1945 bis in die 1980er-Jahre vorlegen.

Gibt es für die Zeit von 1900 bis 1945 keine Aufzeichnungen mehr??

Viele ehemalige Zöglinge

nach 1945...bei mir ab 1952...wären schon froh würden deren (meine) Akten interessieren. "skartiert", "vernichtet", "aussortiert", "nicht auffindbar"... .so die lügenkette.und sollte es stimmen, es ist nicht überprüfbar. friß und stirb.

Die sind sicher noch irgendwo. Und ich bin mir sicher, irgendwann wird sie irgendwer finden, in Sicherheit bringen und den rechtmäßigen Besitzern übergeben.
Es gibt ja auch viele Mitwisser, die nicht ganz einverstanden sind mit dem, was passiert ist bzw. immer noch passiert, und wenn die einmal aufhören, sich um ihren Job zu fürchten, werden sie tun, was ihr Gewissen von ihnen verlangt.

in Sicherheit bringen und den rechtmäßigen Besitzern übergeben.

...wenn wir von damals noch am leben sind. diese geistigen drachenflieger spekulieren auf die biologische lösung. denen trau ich alles!!!! zu.

Das mit der biologischen Lösung ist offensichtlich. Auch bei den eigenen Leuten; die werden beschützt, so lange sie leben. Irgendwie rührend...

Schicken wir diese Historiker eine Woche ins Heim und fragen danach noch einmal

Danke! Endlich....

.....ist der wissenschaftlich-historische Beweis dafür erbracht, dass die Leibeigenschaft in Österreich bis weit in das 20 Jahrhundert hinein bestand.
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Es habe quasi einen Konsens für Missbrauch und Zwangsarbeit gegeben. "Die Arbeit war Erziehungsziel", fasst Kubek zusammen.
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Aha. Die Geschichtsbücher müssen also jetzt genauso umgeschrieben werden, wie sämtliche Gesetze neu gefasst.
Denn: das Ergebnis zeigt, dass es zumindestens in den Jahren, über die geforscht wurde, in Österreich eine Gruppe von Menschen gab, für die bestehenden demokratischen Gesetze nicht galten: die Heimkinder.
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

Gerade Steyr-Gleink ist beispielgebend für das Versagen der Jugendwohlfahrt bis in die 90er Jahre für Österreich. Dort wurden aus fast allen Bundesländer Österreichs Kinder untergebracht, nach dem Motto aus den Augen aus den Sinn, wenn z.B. Kinder aus Kärnten in Steyr-Gleink landen hat die Sozialarbeit in Kärnten defacto keine Arbeit für viele Jahre mehr, Besuche von SozailarbeiterInnen in diesen Einrichtungen gab es kaum.

D.h. nicht die Heime sondern die Jugendwohlfahrt insgesamt hat es sich zu leicht und billig gemacht, alle Bundesländer haben hier versagt und versagen auch heute, siehe die Differenzen beim neuen österreichischen Jugendwohlfahrtsgesetz, dass seit 3 Jahren von den Ländern verhindert wird, umzusetzen.

Was soll denn am Bundesjugendwohlfahtsgesetz geändert werden? So, wie es jetzt ist, passt es doch eh. Es müssten sich nur die Leute dran halten.

das neu geforderte 4-Augen-Prinzip ist sehr wohl eine deutliche Verbesserung, in der Praxis umgesetzt heißt das aber für Österreich mehrere hunderte zusätzliche Dienstposten (SozialarbeiterInnen). Damit wäre hoffentlich eine reflektiertere, sprich behutsamere stationäre Fremdunterbringung möglich. Die teure stationäre Fremdunterbringung sollte die letztmögliche Variante der Jugendwohlfahrt sein, zuvor müssen alle möglichen Hilfsmaßnahmen (ambulante Hilfen) für die Familien als unterstützende Maßnahme gesetzt werden. Dem Grundprinzip "Aus den Augen, aus dem Sinn" muss durch Professionalität der Boden entzogen werden.
Ich schätze das 50% der statonäre Fremdunterbringung durch beste professionelle Familienhilfe eingespart werden könnte.

Als wirkliche Verbesserungen würde ich vorschlagen, eine Begründungspflicht für Maßnahmen aller Art einzuführen und selbstverständlich eine Trennung in gute und böse Sozialarbeiterinnen, denn "Hilfe" kann niemals aus der selben Ecke kommen wie die permanente Drohung, das Kind wegzunehmen.
Weiters eine Wahrheitspflicht, die gibt es ja auch noch nicht, sondern nur "Wahrnehmungen", die, wenn sie falsch sind, grundsätzlich subjektiv sind, und wenn sie zur Kindesabnahme führen, grundsätzlich objektiv.
Und dann könnte man eine behördenmäßige Kommunikation am Amt einführen, also Schriftlichkeit, Beweisbarkeit und verständliche Begriffe.

Das Vieraugenprinzip funktioniert definitiv NICHT, sondern da wird eine Neue abkommandiert, die alles ungschaut mitunterschreiben soll.
Und man brauch überhaupt nicht fremdunterbringen, auch nicht behutsam, sondern man sollte sich erst einmal fragen, wie man überhaupt auf so eine Idee kommt.

kleines Beispiel aus 2012 gefällig: Ich (Pflegemutter) hätte gerne einen Termin bei meiner DSA. Frage per mail an. Krieg 10 Tage später eine Antwort mit Terminangebot in einem Monat.

Ich will mich nicht beschweren über die spezielle Person, die ist schon ok (weil einfach normal), aber man merkt an solchen Dingen, dass es schon ordentlich hapert....

Die SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen der Jugendwohlfahrt sind komplett überlastet und die unreflektierte Sozialpolitik bemerkt es einfach nicht, weil unempathisch und antiprofessionell, sprich "Alles palaetti-Scheuklappen-Politik. Der Auftrag an die stationäre Jugendwohlfahrt heißt im Jahre 2012 das Herstellen von äußerer und innerer Sicherheit, dazu braucht es genügend Personal, ohne burnout-Gefährdung.

Nein, die sind nicht überlastet. Die reißen sich geradezu um Arbeit. Die sitzen den ganzen Tag gelangweilt herum, geben Termine grundsätzlich in zwei Wochen, damit es so ausschaut, als hätten sie so viel Stress, aber sind in Wirklichkeit dankbar für jeden Auftrag und freuen sich über jeden Besuch, auch wenn der sich Stunden lang über eine böse Mutter auslasst, und können eine halbe Stunde um Einlass in die Wohnung betteln, ärger als jeder Stalker. Dafür haben sie Zeit, ganz sicher.
In Wirklichkeit kann man 90% der "Arbeit" einsparen.

Herr Zopf, ich hab Sie eh schon länger unter Verdacht, dass sie aus der Propagandaabteilung des Jugendamts sind. Geben Sie es doch endlich zu!

Sie irren sich gewaltig auf mehreren Ebenen, schon Volksanwalt Kostelka hat zu recht kritisiert, dass sich die Mehrbelastung auf den Jugendämter in den letzten 10 Jahren mehr als verdoppelt hat. Als kritischer Sozialpädagoge der Magelf und Personalvertreter bin ich vielen in der Organisation lästig, weil ich aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung die Organisationsstruktur kritisiere, aber nicht generalisierend, sondern differenziert.
Ihre Pauschalverurteilungen lehne ich ab.
Sie übersehen die wichtigste Sache, dass durch die betriebswirtschaftlichen Vorgaben die Pädagogik an den wirkungslosen Rand gedrängt wird. Controlling und Kontraktmanagement hat nachhaltige "Schäden" angerichtet, die PolitikerInnen schauen tatenlos, weil ahnungslos, zu

Wenn ein erkranktes Kind im Auftrag des Jugendamtes nicht untersucht wird, um den Vorwurf der Vernachlässigung aufrecht erhalten zu können, wenn beim Finden eines Grundes für eine Gefährdungsmeldung nachgeholfen wird, weil jemand einen Hass auf eine Kindsmutter hat, aber keine Gefährdung nennen kann, wenn jemand gerne ein Kind als kostenlosen Psychotherapeuten hätte, die Kindesmutter das aber nicht zulässt, und ihm vom Jugendamt ein Freiraum eingerichtet wird, wo er sich ungestört an das Kind klammern kann,... dann geschieht das alles nur wegen der betriebswirtschaftlichen Vorgaben? Damit man sich "kümmern" kann, oder wie? Die Vorgaben lauten offensichtlich, den eigenen Arbeitsplatz mit aller Gewalt zu rechtfertigen.

Aja, und...

Das entspricht alles den hohen Qualitätsstandards.

Sie geben ja selbst die Antwort für die Arbeitsüberlastung, merken Sie das nicht ?

Das oben Beschriebene gehört aber definitiv nicht zu den Aufgaben des Jugendamtes. Die Arbeitsüberlastung kann ich daher nicht gelten lassen. Man könnte mir dieser Art von "Arbeit" auch aufhören und bei der nächsten Budgetsitzung endlich einmal die Schadenersatzzahlungen einkalkulieren.

Sie dürften keine Ahnung haben, wie es auf den Jugendämtern zugeht, da gibts Beschwerden und Anschluldigungen von BürgerInnen zuhauf, natürlich viel widersprüchliches und jede/r fühlt sich im Recht, kein Honiglecken diese Arbeit.

Das ist für Menschen, die im Recht SIND, ganz typisch, dass sie sich auch im Recht FÜHLEN.
Ein Grund mehr, die Arbeit endlich zu dokumentieren und in einer jederzeit nachvollziehbaren Form zu gestalten. Wenn das Jugendamt eine Behörde ist, sollte es sich auch so benehmen. Immer nur reflexartig abwimmeln wird auf die Dauer nicht gehen.

Sie irren sich schon wieder, gerade die Mehrbelastung durch die vermehrte Dokumentation verhindert laut KollegInnen sich intensiver mit der Sachlage ausgeinanderzusetzen.
Nächster Punkt, gerade widersprüchliches sich im Recht fühlen, machts komplexer und nicht leichter.

Schade, dass es für Sie nicht die Möglichkeit gibt 14 Tage Praktikum am Jugendamt zu machen, dann würden sie ganz anders über diese Arbeit urteilen. Reden sie mit Volksanwalt Peter Kostelka, der kann Ihnen vielleicht besser erklären, warum die JugendamtsSozialarbeiterInnen überlastet sind. Aus meiner Sicht haben Sie vorschnelle Urteile über eine komplexe Sachlage.
Übrigens ist zur Zeit beobachtbar, dass viele neue junge KollegInnen wegen Arbeitsüberlastung kündigen.

wurde eingentlich die aktuelle "pädagogik" in internaten bereits hinterfragt?

strafdienste, brüllende "heimleiter", straffe hierarchien und kinderverachtende erzieher etc. gibt es - in natürlich abgeänderter form - immer noch. zum beispiel im berufsschulinternat in wals - salzburg. fällt vielleicht noch nicht ins strafrecht, aber die art und weise, wie erwachsene pseudopädagogen (die leute dort sind zb völlig ohne relevante ausbildung) mit kids umgehen wäre schon eine betrachtung wert.

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