Santorin ist die fotogenste aller Inseln

Santorin ist der Klassiker der griechischen Inseln. Doch unter dem Archipel mit bewegter Geschichte rumort es.

Fotogener ist wohl keine andere Insel dieses Planeten. Und immer wieder drängt sich auf Santorin der Gedanke auf, dass man sich vielleicht doch in einer überdimensionalen Filmkulisse befindet und Teil der Komparserie eines großformatigen Streifens ist, der da gerade gedreht wird. Die extrem kitschige Produktion zum Beispiel, die allabendlich am nordwestlichen Ende der Hauptinsel Thira aufgenommen wird, nennt sich "Sonnenuntergang" und startet am späten Nachmittag.

Dann nämlich finden sich ganz ohne Regisseur und Regieanweisungen Hunderte von Statisten aus aller Welt im malerischen Dorf Ia ein, um zu beobachten, wie die Sonne langsam im Meer versinkt. Ia, dem die Griechen verwirrenderweise ein O vor das Ia hinzufügen, ohne es freilich auszusprechen, hat man auf einen Teil vom oberen Rand des riesigen Kraters hingestellt, den Santorin bildet. Und zwar so, dass es pittoresker einfach nicht geht.

Verwinkelte, enge und steile Gässchen führen durch das schiefe Labyrinth der weiß getünchten Häuser mit blumenumkränzten Ve randas und Terrassen, dazwischen gibt es blau gedeckte Kuppelkirchen und natürlich jede Menge Tavernen und Cafés. Auch eine halb verfallene Festung und eine Mühle dürfen nicht fehlen, um den Abertausenden von Ia-Fotos, die allabendlich im gelblich-weichen Licht der untergehenden Sonne geschossen werden, die Griechenlandkitsch-Krone aufzusetzen.

In der Caldera

Doch nicht nur in Ia und an Ia kann man sich auf Santorin schwer sattsehen. Vom 150 bis 350 Meter hohen Rand der weltgrößten halbversunkenen Caldera (was auf Spanisch so viel wie Kessel heißt) ist ein Blick hinunter in den gefluteten Vulkankrater spektakulärer als der andere. Das Wasser im Kessel ist übrigens mit bis zu 400 Metern so tief, dass die regelmäßig einlaufenden Kreuzfahrtschiffe dort nicht ankern können. Und wohl nicht ganz zufällig hat Herbert Nitsch seinen womöglich letzten Extremtauchgang im Juni 2012 im Meer vor Santorin unternommen. Vor Santorin erforschte übrigens nicht nur der österreichische Extremsportler Nitsch die Tiefen, sondern vor mehr als 30 Jahren auch Jacques-Yves Cousteau, die französische Tauchlegende. Cousteau sollte 1975 Belege dafür finden, dass sich irgendwo am Meeresboden vor Santorin Überreste des mythischen Atlantis finden. Heraus gekommen ist damals allerdings nicht viel mehr als ein gelungener PR-Gag für die Insel.

Hat man auch im Meer keine Spur von Atlantis gefunden, so entdeckte der griechische Archäologe Spyridon Marinatos 1967 unter einer 15 Meter dicken Bimssteinschicht die ersten Reste einer Stadt, die vor 3600 Jahren bei einer der heftigsten Explosionen des Santorini-Vulkans verschüttet und ähnlich gut wie Pompeji konserviert wurde. 45 Jahre später hat man erst gut zwei Hektar der Stadt freigelegt, seit April kann man sie - unter einem neuen Dach - wieder besichtigen. An der Beschilderung für Nichtarchäologen könnte man allerdings noch arbeiten.

Dieser Ausbruch vor 3600 Jahren war einer der gewaltigsten in der jüngeren Erdgeschichte und hat wohl auch das Seine - womöglich mit einem Mega-Tsunami - dazu beigetragen, dass die minoische Kultur auf der 100 Kilometer südlich gelegenen Insel Kreta un terging. Das jüngste Ergebnis der bewegten Geschichte Santorins fin det sich mitten im rund zehn Kilometer großen und bis zu 400 Meter tiefen Vulkankrater: die In sel Nea Kameni (griechisch für "neue Verbrannte"), die erst im 16. Jahrhundert entstand und immer noch Schwefeldampf von sich gibt.

Der kleine letzte Ausbruch des aktivsten Vulkans im östlichen Mittelmeer war übrigens 1950. Und erst zu Beginn dieses Jahres hat die Erde auf und unter Santorin wieder gebebt. Laut Vulkanologen hat sich bloß unterirdisches Magma im Volumen von etwa vier Cheopspyramiden verschoben. Im Sommer am Meeresboden installierte Messgeräte sollen mehr Klarheit darüber bringen, ob wieder eine Eruption bevorsteht. Und ob die womöglich so beschaffen ist, dass sie die Sonne über Ia und den Rest von Santorin schon tagsüber untergehen lässt. (Klaus Taschwer, Album, DER STANDARD, 1.9.2012)

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4 Postings

OIA heisst so, weil im griechischen OI ein I ist !

Ve randas
un terging
In sel

und das am ersten schul tag.

Kann man nur empfehlen

Mir hat es in akrotiri, einem kleinen dorf im süden der insel, super gefallen. Zwar sind dort nicht so viele möglichkeiten zum ausgehen, aber dafür sind dort ein paar der wenigen badestrände auf der caldera seite. ein einfach beeindruckendes panorama!
Und die sonnenuntergänge sind ähnlich traumhaft kitschig wie in thira

Den Sonnenuntergang würde ich zu zweit in Imerovigli ansehnen! Fast keine Leute, ruhig und viel schöner als in dem total überlaufenem Ia!

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