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Knappe, unaufdringliche, aber umso deutlichere Bilder: Anna Weidenholzer.
"Die Wirtschaft ist das Schicksal" lautet ein Motto, das Rudolf Brunngraber 1932 seinem Roman Karl und das zwanzigste Jahrhundert vorausschickt. Dieses bemerkenswerte, originelle Werk der Neuen Sachlichkeit stellt sich der Herausforderung, die erschreckende Ausweglosigkeit dauerhafter Arbeitslosigkeit zu erzählen - scheint es doch bei diesem Thema schwierig, aus der Folge ereignisarmer Wochen und Monate einen Spannungsbogen zu bauen.
Das Problem der derart zäh vergehenden Zeit erhellt der ein Jahr nach Brunngrabers Roman 1933 publizierte Klassiker der empirischen Sozialforschung "Die Arbeitslosen von Marienthal". "Einstweilen wird es Mittag" (so der Titel von Karin Brandauers Verfilmung 1988), sagt einer der Befragten, als er die lange Weile seines Tagesablaufs ausführt. Die berühmte, unweit von Wien erarbeitete Studie nennt die 1984 geborene Anna Weidenholzer als Material für ihren Roman Der Winter tut den Fischen gut. Mit diesem ihrem zweiten Buch ist ihr eine eindringliche literarische Prosa über das Thema gelungen, das gerade in der aktuellen Situation von der Sprachkunst mehr Aufmerksamkeit bekommen müsste.
Weidenholzer setzt es in eine passende Erzählanordnung. Indem sie das Leben einer Langzeitarbeitslosen, der ehemaligen Textilverkäuferin Maria, rückwärts von Kapitel 54 bis Kapitel 1 schildert, vermittelt sie von der ersten Seite an eine Abgeschlossenheit, vielleicht Ausweglosigkeit: Man weiß, worauf die Lebensmöglichkeiten hinausgelaufen sind. Die Zukunftsperspektive steht zwar auf der ersten Seite, jedoch nur in einem imaginierten Vorstellungsgespräch. "Jetzt müssen wir warten", heißt es bezeichnender weise; einem Neuanfang steht der abschließende Satz des Prologs (also Epilogs) entgegen: "Fangen wir von hinten an."
Maria ist fünfzig, ihr Mann ist gestorben, zur kleinen Familie ihrer Schwester fährt sie wohl zu Weihnachten, ohne sich allerdings dort einfühlen zu können. Sie war zwei Jahrzehnte lang in einer Boutique tätig und wurde entlassen, weil sie die älteste Verkäuferin war. Was sie in eine Randexistenz drängt, versuchte ihr der Chef schmackhaft zu machen: "Sie haben jetzt die Freiheit, von vorn zu beginnen." Welch zynische Bemerkung! Weidenholzers Prosa bringt sie ebenso nüchtern wie die gesamte Schilderung des kleinen Lebens zwischen den Demütigungen am Arbeitsamt und der Enge aufgezwungener umfassender Privatheit, in der Maria - auch in Träumen und Erinnerungen an bisweilen absurd wirkende Alltäglichkeiten - sich nicht ganz einsperren lässt und sich doch von Freundinnen zurückzieht. Dass sich diese Art von Freizeit "als tragisches Geschenk" erweist, wie die Marienthal-Studie erläutert, das ersteht in Weidenholzers Roman aus der Schilderung, der keine weiteren Erklärungen beigegeben werden müssen.
Die meisten sozialen Kontakte erscheinen Maria mühsam und kalt, das Amt bemängelt ihren Einsatz bei der Arbeitssuche und streicht deswegen für ein paar Wochen die finanzielle Unterstützung. Sie sitzt auf Bänken und beobachtet (Weidenholzer schafft präzise Kurzszenen), denn "Schauen kostet nichts". Stimmen und Worte kommen ihr in den Sinn, Sätze klebt sie sich auf den Rand des Spiegels. Phrasen und Gegenformeln: Marias Schwager erklärt, sie dürfe "nicht empfindlich sein, du musst dich der Realität stellen"; und sie notiert etwa den Ausspruch eines Passanten "ein schönes Wochenende, auch Ihren Tieren".
Diese Arbeitslose übt sprachliche Verhaltensweisen, manchmal stellt sie sich im Futurum oder in der Möglichkeitsform vor, was sie in gewissen Fällen sagen würde, wohin andere Wendungen ihres Lebens geführt hätten. Da aber dessen Lauf rückwärts erzählt ist, wird ersichtlich, dass es eben an anderen Möglichkeiten vorbei gegangen war.
Zu halten versucht sie sich an einem zeitlichen Ordnungsgerüst. Die Bettwäsche wechselt sie alle zwei Wochen, in geraden Monaten grüne Überzüge, in ungeraden die gelben. Warten, sitzen, liegen - das bringt Anna Weidenholzer in knappe, unaufgeregte, umso deutlichere Bilder: "Um elf Uhr eins läutet der Wecker seit drei Stunden, Maria hat ihn in der Armbeuge liegen. Wie andere Menschen ein Stofftier." Nur kleine Skurrilitäten führen manchmal aus dem Gewöhnlichen. Maria hält sich Kaulquappen als Haustiere, der Frosch Otto erfriert ihr im Kühlfach, sie beerdigt ihn unter einem Schneemann; ein Mann, der neben ihr auf der Bank sitzt, will herausfinden, wie oft man an einem Tag "ja" sagt.
In Schlaglichtern führt die Erzählung bis in Marias Kindheit zurück, zwischendurch in extrem kurzen Kapiteln, etwa dem 49. unter dem Titel "Rückwärts": "Spring doch, sagte ich. Spring doch, bleib nicht sitzen."
Für Brunngrabers Karl endet alles katastrophal. Wie es für Maria in ihrem heutigen Marienthal ausgeht, bleibt noch offen.
Konzentriert baut Anna Weidenholzer einen Spannungsbogen und bietet derart ein Psycho- und Soziogramm, ein literarisch bestechendes Exempel der Weltverengung so vieler Menschen, die heute an den Rand und dar über hin aus gedrängt werden. (Klaus Zeyringer, Album, DER STANDARD, 1./2.9.2012)
Anna Weidenholzer, "Der Winter tut den Fischen gut". Roman. Euro 21,90 / 250 Seiten. Residenz, St. Pölten 2012
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