Die Zwitschermaschine

Die ganze Welt in 140-Zeichen-Texten: eine Einführung in das Twitter-Universum und seine Eigenheiten. Wer hier nur banales Geschwätz findet, der hat es selbst so gewollt. Von Kathrin Passig

Meine Twitteranmeldung schob ich lange hinaus: "Peinlich, so spät dran zu sein, alle sind schon da", dachte ich. Das war im Frühjahr 2008.

Damals hatte Twitter im deutschsprachigen Raum vielleicht 30.000 aktive Nutzer.

Heute twittern etwa 500.000 der 100 Millionen Menschen, die Deutsch sprechen, also ein Prozent. Sie können immer noch zu den Ersten gehören.

Ich erkläre ganz grob, was Twitter ist. Wer alles schon weiß, darf weiter unten wieder einsteigen.

Das Grundkonzept: Nach der Anmeldung kann man vom Rechner oder Smartphone Nachrichten von maximal 140 Zeichen Länge veröffentlichen.

So sah der erste Tweet der Welt im Jahr 2006 aus, der historische "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat"-Satz des Twitterns:

Die Länge hat historische Gründe: Anfangs lief noch einiges über SMS, eine SMS hat 160 Zeichen, minus 20 für den Twitter-Nutzernamen.

Eine 140-Zeichen-Nachricht heißt "Tweet". "Twitter" heißt "Zwitschern", ein "Tweet" ist ein einzelner Piepser, vgl. Sylvester & Tweety.

Man abonniert die Updates ein zelner Personen. Dieser Vorgang heißt "followen" oder "jemandem folgen". Die Leser heißen Follower.

Wenn man jemanden nicht mehr so interessant findet, kann man ihn "entfollowen" oder "entfolgen".

Auf fremde Tweets antwortet man, indem man den Nutzernamen mit einem @ voranstellt. Der Adressat erhält eine Benachrichtigung.

Die Wolken der Twitter-Beziehungen überschneiden sich an ihren Rändern.

Anna folgt 100 Personen, Bernd folgt 100 Personen, zehn davon sind identisch. Was diese zehn schreiben, sehen sowohl Anna als auch Bernd.

Durch die Schnittmengen verbreiten sich Informationen. Zusätzlich gibt es den Retweet: das Weiterleiten von Tweets an den eigenen Kreis.

Anna retweetet einen Beitrag von Bernd. Jetzt sehen alle ihre Follower diesen Beitrag, auch diejenigen, die Bernd gar nicht folgen.

Eine der ersten Fragen zu Twitter ist meistens: "Was schreiben die Leute denn da rein?" oder "Was soll ich denn jetzt da reinschreiben?"

Darauf gibt es keine einfache Antwort, weil unterschiedliche Menschen Twitter unterschiedlich nutzen.

Die einen twittern Links zu Themen, die sie interessant finden.

Andere schreiben auf, was in ihrem Leben passiert, auch wenn das vielleicht nicht viel ist.

Manche erzählen Geschichten in 140 Zeichen.

Andere benutzen Twitter als Kleinanzeigenbörse:

Wieder andere nutzen es zur Neubelebung des sonst nur noch auf Kalenderblättern dahinvegetierenden Aphorismus-Genres.

"Twitter ist exactly like Oscar Wilde. A huge, wobbly thing built around ,wit‘" #oscarwildeday
Maik Novotny / @the_maki, 1. Dezember 2008

Auch auf Fragen zu entlegenen Themen kann man bei Twitter Antworten bekommen. Oft mehr, als einem lieb ist.

Erfolgreiche deutschsprachige Twitterer haben bis zu sechsstellige Leserzahlen. Sascha Lobo hat 100.000, die Spiegel-Eilmeldungen 150.000.

Wer auf Englisch twittert und prominent ist, kann auch eine Million und mehr Leser erreichen. Lady Gaga hat 20 Millionen Follower.

Viele davon sind aber nicht aktiv. Sie nutzen Twitter nur zum Lesen oder sind wieder abgesprungen. Man weiß es nicht genau.

Anfang 2012 hatte Twitter ungefähr 500 Millionen Nutzer. Jeden Tag werden 250 Millionen Tweets veröffentlicht.

Twitter finanziert sich durch Werbung (eher experimentell) und durch Verkauf des Zugriffs auf die Gesamtdaten (z. B. an Suchmaschinen).

Begeben wir uns in die Rolle von Internetarchäologen aus der Zukunft.

Was war eigentlich damals, Mitte der Nullerjahre, an Twitter wirklich neu?

 

1. Das einseitige Followerprinzip. Alle sozialen Netzwerke vor Twitter (also ca. ab 2002) kannten nur zweiseitige Freundschaftsbeziehungen.

Beide Teile mussten eine Beziehung bestätigen. Aber nicht jedes Interesse eines Menschen an einem anderen wird erwidert.

Das kommt bei Lesern und Autoren vor, bei Fans und Musikern, aber auch, wenn Anna Bernds Äußerungen interessanter findet als umgekehrt.

Die Festlegung auf die Freundschaftsmetapher führte etwa bei Facebook zu einer extremen Ausweitung des Begriffs bis zur Inhaltslosigkeit.

Bei Twitter kann man jedem folgen, ohne vorher zu fragen.

I have trouble dealing directly with the superstars on Twitter. Can we please filter everything through the media, like in, hm, 2008?
Aleks Scholz / @dalcashdvinsky, 22. Juli 2009

Beziehungen werden dadurch leichter zu knüpfen, internationaler und stärker von gemeinsamen Interessen gesteuert.

Es gibt bei Twitter weniger Höflichkeitsverbindungen als bei Facebook, also Kontakte aus der Schule oder der Arbeit.

Bei Facebook empfinden viele es als unhöflich, eine Freundschaftsanfrage abzulehnen. Dieser Konflikt entfällt bei Twitter.

Der angelegte Filter ist ein anderer als bei symmetrischen Beziehungen. Die Beiträge fremder Menschen spielen eine größere Rolle.

 

2. Twitter ist vollständig an die Interessen des Nutzers angepasst. Jeder stellt sich sein eigenes Twitter zusammen.

Twitter ist von allen erfolgreichen Neuerungen im Web wahrscheinlich die, die den schlechtesten ersten Eindruck hinterlässt.

Nicht allen erschließt sich auf Anhieb, was diese Individualisierbarkeit eigentlich bedeutet.

"Das meiste, was auf Twitter kursiert, ist belangloses Geschnatter von zweifelhaftem Erkenntniswert."
Spiegel Online, 6. März 2009, www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,611127,00.html

Aus dem Archiv: "Banales Geplapper im Drahte: Zweifelhafte Neuerfindung ,Telefon‘" (Der Spiegel, Heft 12/1877)
Maik Novotny / @the_maki, 2. März 2009

Aber jeder Mensch hat eine andere Vorstellung davon, welcher Teil das belanglose Geschnatter und welcher Teil von Interesse ist.

Wer bei Twitter belangloses Geschnatter liest, der hat es sich so ausgesucht.

Der Vorwurf der Belanglosigkeit bedeutet letztlich nur, dass da jemand den Twitterstream eines anderen Menschen betrachtet.

Das ist, als würde man fremde Hosen anziehen und sich dann beschweren, dass sie so schlecht passen. Dem Besitzer passen sie gut.

 

3. Dass ein Tweet maximal 140 Zeichen lang sein darf, bedeutet nicht nur, dass 141 eben nicht mehr hineinpassen. Es hat Folgen.

Manche sagen, Tweets seien zu kurz für ernsthafte Diskussionsbeiträge. Ich dagegen nehme Diskussionsbeiträge nicht ernst, die zu lang sind.
Christian Heller / @plomlompom, 10. August 2010

Die erzwungene Kürze entlastet den Verfasser: Man ist nicht mehr selbst schuld, wenn man zu einem Thema nur einen einzigen Satz sagt.

Für einen Blog hätte man sich erst einen Beitrag um den Satz herum ausdenken müssen. Oft entsteht stattdessen gar nichts.

Die Hemmschwelle sinkt, auch einzelne Ideen, Gedankenbruchstücke oder schmucklose Informationen zu veröffentlichen.

Das wirkt sich auf ganz verschiedenen Gebieten aus, unter anderem auf dem der politischen Mobilisierung.

Nach dem Frühstück als Nr. 37 842 endlich die #ACTA Petition unterzeichnet. 50k muss voll werden! http://t.co/eNa7msCX
Jörg Tauss / @tauss, 11. März 2012

Früher gab es keinen geeigneten Ort für die Nachricht "Ich habe gerade die Petition gegen ACTA unterzeichnet". Jetzt gibt es ihn.

Die Begrenzung auf 140 Zeichen ist auch eine Befreiung vom Druck, alles in längere Texte zu fassen. Dadurch entstehen neue Gewohnheiten.

Lese freiwillig nur noch Twitter und monumentale Lebenswerke. Alles andere erscheint mir unentschlossen.
Daniel R. / @kchkchkch, 18. Oktober 2009

 

4. Durch die Kürze der Beiträge funktionierte Twittern von Anfang an auch gut unterwegs.

Das war bei anderen sozialen Netzwerken nicht oder nur mühsam möglich. Vor allem war es - etwa bei Facebook - nicht öffentlich.

Schon früh wurde live aus dem Gerichtssaal getwittert, im deutschsprachigen Raum geschah das erstmals 2009 in Rostock.

Diese juristische Arbeit entstand danach zur Frage, ob Twittern aus Gerichtssälen erlaubt sein sollte: bit.ly/GRXO0l

Ein verwandtes Problem sind Profisportler, die aus dem Umkleideraum oder von der Ersatzbank aus twittern.

Das war anfangs sehr beliebt, wurde aber in den USA inzwischen weitgehend durch die jeweiligen Organisationen verboten.

 

5. Twitter ist schnell. Die Berichterstattung im Netz hat sich dadurch beschleunigt.

Am Nachmittag des 29. Mai 2008 stand ich in Island ratlos vor einem geschlossenen Supermarkt, in dem es sehr unordentlich aussah.

Ich bekam eine besorgte SMS von Sascha Lobo. Ich stand im Epizentrum eines Erdbebens (6,3) und er wusste es vor mir. Durch Twitter.


6. Anders als zum Beispiel bei Facebook ist Öffentlichkeit der Normalzustand und Nichtöffentlichkeit die Ausnahme.

Das bedeutet, dass man sich etwas mehr Mühe geben muss, Beiträge zu schreiben, die nicht nur für Freunde von Interesse sind.

Durch diese Öffentlichkeit werden Dinge möglich, von denen empirische Sozialforscher vorher nur träumten.

Twitter stellt Programmierschnittstellen bereit, mit denen man - in der Regel kostenlos - von außen auf die Twitterdaten zugreifen kann.

Natürlich nicht auf alle, kaum jemand hat die technischen Möglichkeiten, eine Viertel milliarde Tweets pro Tag zu verarbeiten.

Aber das ist auch gar nicht nötig, schon aus kleinen Stichproben kann man dieselben Trends herauslesen wie aus der Gesamtmenge.

Die Forschung hat in den wenigen Jahren, seit es Twitter gibt, erst an der Oberfläche dieses Datenbergs gekratzt.

Man kann zum Beispiel anhand positiv oder negativ besetzter Wörter ein Stimmungsbild der Welt erstellen: bit.ly/akikJr

Für diese Studie wurden 509 Mio. Tweets von 2,4 Mio. Leuten in 84 Ländern ausgewertet: sciencemag.org/content/333/6051/1878

In allen Ländern wacht man gutgelaunt auf und bekommt im Laufe des Tages schlechtere Laune. Nach Feierabend bessert sie sich wieder.

Das ist nicht überraschend, aber bisher wurden solche Daten vor allem an Studenten erhoben, keiner sehr repräsentativen Gruppe.

Auch Twitter ist nicht repräsentativ, aber immerhin ist die Streuung dort deutlich breiter: bit.ly/bSPXMt (Achtung, Zahlen von 2010).

 

Resümee:
1.
Follower-Prinzip,
2.
Individueller Nachrichtenkanal,
3.
Kürze,
4.
Mobilität,
5.
Schnelligkeit,
6.
Öffentlichkeit.

Durch das Zusammenspiel dieser Punkte ergeben sich neue Möglichkeiten. (Kathrin Passig, DER STANDARD, Album, 1.9.2012)

Kathrin Passig, geb. 1970, ist eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Bachmann-Preisträgerin des Jahres 2006. Stark gekürzter Vorabdruck aus dem Band "Die Kunst des Zwitscherns", der am 11. 9. bei Residenz erscheint (darin auch Beiträge von Helwig Brunner über Vogelgezwitscher und Franz Schuh über das Alkohol-Zwitschern). Passigs Text ist ein fingierter Vortrag über das Twittern, der nachträglich in 140-Zeichen-Stücke zerlegt wurde. Passig: "Die meisten davon eignen sich nicht als Tweets, weil sie schlecht für sich allein stehen können. Es ist also ein Fake-Twitterformat, das mit der Form kokettiert, ohne ihre eigentlichen Anforderungen zu erfüllen."

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