Romneys Waffe gegen Obamas Lässigkeit

Mitt Romneys Vize soll die junge Generation für die US-Republikaner begeistern

Bei seiner Lieblingsband Rage Against the Machine kommt Paul Ryan dagegen nicht gut an.

 

Paul Ryan redet gern über Musik. Es ist ein Bürsten gegen den Strich, rebellischer, als man es erwarten würde von einem Konservativen, der bereits im Alter von 28 Jahren im Parlament saß. Wenn er an Fitnessgeräten schwitzt, hört er am liebsten Rage Against the Machine, gesellschaftskritische Lieder einer Rockgruppe, die auf andere Republikaner eher wie ein rotes Tuch wirken. Jedenfalls erzählt er es so, schmunzelnd darauf bedacht, die Generation unter 30 zu erreichen, eine Generation, die 2008 mit deutlicher Mehrheit Barack Obama wählte.

Immer klarer schält sich heraus, welche Rolle Mitt Romney dem Vater dreier Kinder zugedacht hat, als er ihn zu seinem Vize kürte. Der 42-Jährige soll in einem Milieu punkten, in dem Romney - steinreich, vom Habitus her eher der Typ Freizeitgolfspieler aus dem exklusiven Country-Club - erkennbar Probleme hat. Er soll Obama hart attackieren, sehr direkt, aber möglichst lässig im Ton, wie man eben so spricht in Kleinstädten wie Janesville, Wisconsin, von wo Ryan stammt. In der Nacht zum Donnerstag hat er es vorexerziert, mit einer der Schlüsselreden beim Konvent der Republikaner.

"College-Absolventen", so Ryan, "sollten nicht noch als Endzwanziger in ihren Kinderzimmern schlafen müssen, auf verblichene Obama-Poster starren und sich fragen, wann sie endlich ausziehen können und in ihrem Leben aus den Startlöchern kommen". Der Präsident, wettert der Haushaltsexperte, habe fünf Billionen Dollar Schulden angehäuft und versuche, dies den Republikanern in die Schuhe zu schieben. Erfolge habe Obama nicht vorzuweisen, weshalb er nur noch auf Negativspots setze. "Damit wirft er nur Geld zum Fenster hinaus, aber darin hat er ja ziemlich viel Erfahrung", sagt Ryan und grinst.

Es sind Sätze, die der Saal mit stehenden Ovationen feiert. Ein US-Parteikongress gleicht sowieso eher einer robusten Show. In den Pausen lässt eine Rockgruppe die Bassgitarren dröhnen, man tanzt und freut sich auf die nächste Breitseite gegen die Demokraten, nach konservativem Zerrbild die Partei der Rotweintrinker, Salatliebhaber und Rechtsanwälte. In diesem Ambiente liefert Ryan das, was man von ihm erwartet. Er elektrisiert. Auch indem er einfache Geschichten erzählt.

Eine handelt von Betty, seiner Mutter. Die war 50, als ihr Mann an einem Herzinfarkt starb. Statt zu resignieren, schrieb sie sich an einem College in der Stadt Madison ein und gründete irgendwann ein eigenes Geschäft, spezialisiert aufs Dekorieren von Wohnungen. "Ja, Mom, das hast du dir selbst aufgebaut!", ruft Ryan und wischt sich eine Träne aus dem Auge. Der Hintergrund: Der Präsident hatte vor Wochen darauf verwiesen, dass kein erfolgreicher Unternehmer sein Business allein aufbaut, sondern sich immer auch auf Leistungen des Gemeinwesens stützt, zum Beispiel auf die Infrastruktur.

Manchmal nimmt er es mit den Fakten nicht so genau, der neue Held der Republikaner. Um die Wirtschaftsmisere à la Obama auf den Punkt zu bringen, schildert er die tristen Hallen einer früheren General-Motors-Fabrik in Janesville. Doch das Werk schloss im letzten Amtsmonat George W. Bushs seine Pforten. Empört spricht Obamas Riege am Tag dar auf von Tatsachenverdrehung.

Auch Ryans Lieblingsband hat, nicht völlig überraschend, Widerspruch angemeldet. Der Mann sei eigentlich "die Verkörperung der Maschine, gegen die wir ansingen", schreibt Tom Morello, der Gitarrist von Rage Against the Machine, im Musikmagazin Rolling Stone. Ja, zornig sei Ryan auch, aber sein Zorn richte sich eher gegen Immigranten, Schwule, Arme und Umweltbewegte. "Ich frage mich, welches unserer Lieder sein liebstes ist?", fragt Morello sarkastisch. "Vielleicht das, in dem wir den Völkermord an den Indianern verdammen?" (Frank Herrmann aus Tampa /DER STANDARD, 31.8.2012)

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