Der geleugnete Antisemitismus

Kommentar | Alexandra Föderl-Schmid, 30. August 2012, 18:27

Es ist bezeichnend für die politische Kultur in Österreich, dass sich niemand aufregt

Der Auftritt von Heinz-Christian Strache im ORF-"Sommerinterview" war mehr als der Tatbestand, die Politiker für dumm verkaufen zu wollen: Antisemitische Bilder zeichnen zu lassen, gleichzeitig diese aber zu leugnen. Wiederholt befand Strache: "Keiner kann hier Antisemitismus entdecken." Und: "Hier sieht man keinen Davidstern." Gemeint war eine von Strache gepostete Karikatur, die das Zerrbild eines reichen, feisten Juden zeigt - mit Hakennase und Davidstern an den Manschettenknöpfen. Beides nachträglich hinzugefügt.

Unerträglich ist es zu hören, wie Strache versuchte, Interviewer Armin Wolf einzureden, dass er ein Problem habe. "Wenn Sie das in Ihrem Kopf sehen wollen, sei es Ihnen unbenommen. Ich sehe ausdrücklich keinen Antisemitismus auf diesem Bild."

Genauso unerträglich ist es, nichts zu hören als Reaktion auf diesen Auftritt. Nicht nur, dass Strache diese "antisemitische Pöbelei" ("Die Zeit") veröffentlicht und damit "ein Bild wie aus Zeiten der NS-Propaganda" ("Der Spiegel") wiedergibt, das frappierend an das Nazi-Kampfblatt "Der Stürmer" erinnert.

Ausländische Medien regen sich stärker auf als hiesige. Das Bundeskanzleramt veröffentlichte bloß eine Aussendung: Die Bundesregierung habe "bisher bereits jede Form des Antisemitismus, des Rassismus und der Verhetzung scharf verurteilt und kritisiert. Sie wird diese eindeutige Haltung stets klar vertreten. Dies gilt für diesen Fall wie für alle anderen."

Dass sich eine Person des öffentlichen Lebens hinstellt und diese Form der Hetze und des frechen Leugnens verurteilt, dazu ist das offizielle Österreich wieder einmal nicht fähig. Ist die Hemmschwelle zu niedrig? Hat man sich einfach schon an solche Sprüche gewöhnt?

Nicht auszudenken, eine solche Karikatur wäre in Deutschland veröffentlicht worden. Politiker aller Parteien hätten sich kritisch geäußert, Rücktrittsforderungen wären lautgeworden, und alle Medien hätten ausführlich darüber berichtet. Die Religionsgemeinschaften hätten einen gemeinsamen Aufruf veröffentlicht.

Die politische Wirklichkeit in Österreich ist anders: Antisemitismus ist noch immer salonfähig - nur nicht darüber aufregen. Der Haiderismus ist noch nicht überwunden, denn man will Antisemiten nicht vergrätzen, weil man sie als Wähler haben will und als Politiker für regierungsfähig hält. Auch aufseiten der ÖVP, die vom Oberkatholiken Michael Spindelegger geführt wird - seines Zeichens Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

Nimmt man die Umfragen, ergibt sich nach der nächsten Nationalratswahl als rechnerisch wahrscheinlichste Konstellation eine rechte Dreierkoalition aus FPÖ, ÖVP und Stronach-Partei, selbst wenn die SPÖ vorne liegen sollte. Die ÖVP, die derzeit keine Gelegenheit auslässt, sich und ihren Parteiobmann Spindelegger zu schwächen, könnte in einer solchen Konstellation vermutlich mehr herausschlagen als in einem Bündnis mit SPÖ und Grünen. Womöglich ist wie im Jahr 2000 wieder der Kanzler drinnen, der Außenminister ziemlich sicher. Zurückschrecken würde die ÖVP ohnehin nicht vor einem solchen Bund, denn mit dem Selfmademan Stronach sympathisieren ohnehin viele wirtschaftsaffine ÖVP-Funktionäre.

Das wiederholte Instrumentalisieren des Antisemitismus ist bezeichnend für die politische Kultur in diesem Land. Dass sich niemand darüber aufregt, ebenso. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 31.8.2012)

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Auch wenn man das politische Verhalten eines Menschen nicht billigt, gibt es keinen Grund, seine Religion zu schmähen.

Ist es unbedingt notwendig, den Vizekanzler als "Oberkatholiken" zu verunglimpfen?

Haben Sie nach einer gelungenen Pointe als Abschluss für Ihren Artikel gesucht?
Ist eine persönliche Beleidigung nicht unnötig und ein zu hoher Preis?
Man muss kein ÖVP-Wähler sein, um dies als überflüssig zu empfinden!

Wenn jemand einem erzkatholischen Ritterorden beitritt, nehm ich nicht an, dass er Atheist ist ... sondern Extremkathole.

Auch das ist kein Grund für die Verunglimpfung seines Glaubens.

hält sich selber für einen "Ritter vom Heiligen Grab"

roflma

Sollte das Vierte Reich vor der Tür stehen, und die Kräfte des Widerstands und der Guten sind die hier versammelten Poster, ist es so gut wie etabliert.

Öhm. Dich selbst eingeschlossen? Allein auf dieser Seite sind sechs deiner Postings.

Ohne Fleiss kein Preis!

Ich hoffe, dass ich nirgends eingeschlossen werden.

Das Beruhigende an der stets wiederkehrenden Antisemitismusdebatte ist,

dass die Antisemiten (wie an ihren Wortmeldungen ersichtlich) genau die gleiche dürftige Intelligenz wir ihre Gegner (ersichtlich an den hier versammelten Postings) haben.

Echt?

Herr Spindelegger ist ein Ritter?

Warum laden Ihn die Medien dann noch zum Gespräch ein? Und warum wählt man Ihn ?
Diese Fragen sind zu beantworten und dann Ihm keine Bühne mehr geben.

In einer Koalition von ÖVP, FPÖ und Stronach-Partei wären dann alle Arten von rechtem Schwachsinn vereint: Klerikalfaschismus und autoritäre Halbbildung, Naturdeppennationalsozialismus und das neoliberale Elitebewußtsein der Teinehmer des kapitalistischen Dschungelcamps.

Damit wären auch die Hauptquellen des österreichischen Antisemitismus endlich mit der neoliberalen Menschenverachtung kompatibel geworden.

Man kann nur darauf hoffen, daß sich der Wirtschaftsbund wegen den Austrittsszenarien aus dem Euro querlegt.

Wer behauptet, dass sich niemand aufregt?

"Der Standard" tut dies in allen Facetten:
Von der weinerlichen Betroffenheit bis hin zur rabiaten Rücktrittsforderung und der kollektiven Aufforderung an die Öffentlichkeit, diese Gefühle auch zu zeigen.
Andernfalls ist die Etikettierung als faschistoider Bodensatz im nächsten Artikel Tatsache.

Und welchen Einfluss hat der Standard!?

Das kann ich empirisch belegbar nicht beantworten.

Möglicherweise vertieft er nur eine vorhandene Kerbe in den Emotionen seines Publikums; das soll auch bei anderen österreichischen Medien vorkommen.

Den Einfluss könnte man etwa an der Auflagen- oder Leserzahl abzulesen versuchen:

Ein verlogenes, erz-rechtes, wiederholt offen völkisches und antisemitisches Proletenblatt hatte bisher immer die höchsten Auflagen;
Nicht weniger wahrheitsfeindliche Deppenblattln liegen auf den nächsten Rängen;
der bürgerlich-liberale Standard hingegen ist etwa ein Zehntel so groß wie der große Braune.

http://de.wikipedia.org/wiki/Medi... 6sterreich

Sie schreiben zu recht in der Möglichkeitsform:

"Den Einfluss könnte man" ist leider keine empirisch beweisbare Aussage.

Google "empirisch beweisbar" und versuch's dann nochmal.

Ihr filziger Unterton wird durchaus gehört .. keine Sorge.

Was ist ein "filziger Unterton"? Und wer hört ihn?

Sie?

Wurzel des Hasses

MÜn haben Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass gegenüber Schwächeren… die gleichen tiefenpsychologische Ursachen:
Wenn Eltern die natürlichen Bedürfnisse ihrer Kinder nach Nähe, Begleitung, Anerkennung, Wärme, Trost, Schutz,… nicht erfüllen, sondern stattdessen ihre Kinder anschweigen, ankläffen, schlagen, zurückweisen, verspotten, missbrauchen, bloßstellen, drüberfahren,….dann werden diese sich als Erwachsene an sich selbst und/oder anderen dafür rächen.

Solange uns jedoch das Leid „unserer“ Kinder schei*egal ist – 68% aller österr. Eltern schlagen ihre Kinder (öffentlicher Aufschrei? Fehlanzeige!) – werden viele Elterngeschädigte ihren Haß auf Sündenböcke projizieren.

http://www.alice-miller.com/

Danke – Seine Rede von 1983 hab ich schon länger nicht mehr gehört. Sympathischer + gscheider Mensch, der btw ja auch Alice Miller zitiert.
Ringel hätte auch sicher seit damals eine ähnliche Weiterentwicklung wie Miller, nämlich hin zu 100% hinter den Opfern zu stehen, gemacht.

Gegenfrage -- Wie leben Menschen im Urwald, wie haben sie im "dunklen" Mittelalter gelebt?

... in Dörfern, wo jeder mit jedem verwandt ist, Familienclans, Stämmen, Gruppen von so 25 bis 50 Personen. Und so ziemlich überall, wo man so lebt, frisst man sich im Frühjahr satt, geht im Sommer auf Raubzug, ermordet und vergewaltigt und plündert bei den Nachbarn, sammelt im Herbst Nahrung, und schaut dass man irgendwie den Winter überlebt.

Eine "wir"-Gruppe zu lieben bedeutet anscheined immer auch andere Gruppen zu hassen.

Wenn es keine Stämme mehr gibt, hasst man halt die jeweils "feindlichen" Könige, Religionen, Staaten, Fußballclubs oder Schrebergärten.

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