Im Zweifel für das Beilchen

Ronald Pohl, 30. August 2012, 18:06

Der TV-Konsument lernt nach und nach alle Polizeisprecher Österreichs kennen

Moderatoren von Nachrichtensendungen sind wichtige Lebensbegleiter. Manche von ihnen sieht man häufiger als die eigenen Angehörigen, den Partner vielleicht ausgenommen. Es ist daher wenig verwunderlich, dass man mit eintretender Gewöhnung gewisse Ansprüche an Moderatoren stellt. Schriftdeutsch sollen sie womöglich sprechen. Gepflegt sollen sie aussehen. Dem Fleischhauer ums Eck würde man die offene Wunde am Bein ja auch nicht nachsehen.

Womit wir schon bei "ATV Aktuell" angekommen wären, der liebenswürdigen News-Leiste um 19.20 Uhr, komplett nur "mit Sport". Das gepflegte Äußere passt so weit: Man ist auch nicht mit jedem Textilstück, das der Lebensabschnittspartner am Leib trägt, immer einverstanden. Die Krawatten Eugen Freunds in der anschließenden "ZiB" können einen weitaus nachhaltiger verstören. Nein: Jenny Laimers Kostüme machen im Zweiten Wiener Gemeindebezirk durchaus etwas her.

Schwerer ins Gewicht fällt das Wirklichkeitsbild, das uns ATV allabendlich vermittelt. Stellen Sie sich vor, der Papst fiele in seiner Privatbibliothek in Castel Gandolfo von der Leiter: eine klassische Headline also (wir wünschen dem Heiligen Vater nur das Beste!).

Breaking News von vergleichbarer Dringlichkeit haben bei "ATV Aktuell" keine Chance. Vorher hat nämlich im Bezirk Urfahr-Umgebung eine Scheune gebrannt. Oder einem pflichtvergessenen Stiefsohn ist es in den Sinn gekommen, seinem Mütterchen mit der Axt den Scheitel nachzuziehen. "ATV Aktuell" besitzt ein wirksames Korrespondentennetz. Der Konsument der Sendung lernt nach und nach alle Polizeisprecher Österreichs kennen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 31.8.2012)

"ATV Aktuell",

die verfilmte Kronenzeitung.

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