In Melzer haust ein Wurm

Bradley Klahn, der eigentlich nur seinen Verwandten bekannt ist, schlug in der ersten Runde der US Open Jürgen Melzer. Der Österreicher hat verlernt, Tennisspiele zu gewinnen: "Es ist ein Teufelskreis"

New York - Nach der wohl bittersten Niederlage seiner Karriere verspürte Jürgen Melzer überhaupt keine Lust, rasch in die Garderobe zu gehen, seine Tennistasche abzustellen, den Körper zu pflegen. "Ich bin hinten auf einem Baumstamm gesessen", sagte Melzer am späten Mittwochabend (Ortszeit) in Flushing Meadows. Da dies keine Dauerlösung sein konnte, spulte er dann doch das übliche Programm nach einem Match ab. Und sprach über das außergewöhnliche 6:4, 3:6, 5:7, 7:5, 4:6 gegen den US-Qualifikanten Bradley Klahn. Der 22-Jährige ist die Nummer 489 der Welt und hat zuvor noch kein Match in einem Hauptbewerb gewonnen.

Wie man dies jemandem erklärt, der das 3:34 Stunden dauernde Spiel nicht gesehen hat? "Er ist ohne Satzverlust durch die Quali gegangen, der kann spielen. Dass ich normal gegen ihn gewinnen muss, steht außer Frage. Einfach zu erklären ist es nicht. Im Endeffekt erklärt man es so, dass ich derzeit nicht so spiele wie eine Nummer 36 der Welt." Zahlen belegen das: Gegen Klahn schlug er nur zwei Asse, dafür unterliefen ihm neun Doppelfehler.

Der 31-jährige Melzer bedauerte sich selbst, fasste die Ratlosigkeit in Sätze: "Es ist einfach der Wurm drinnen. Man versucht die ganze Zeit, das ist das Zermürbende, herauszufinden, wie man wieder auf die Siegerstraße kommt."

Die Krise währt nun schon ein halbes Jahr. Im Februar hat er auch zur eigenen Überraschung das Turnier in Memphis gewonnen, seither hat er bei 14 Veranstaltungen (inklusive Olympia und US Open) keine zwei Matches en suite als Erster beendet. "Das ist ein Teufelskreis, in dem man sich befindet. Der Stachel sitzt jetzt schon ein bisserl tiefer."

Grundsätzlich blickt Melzer auf "nicht unbedingt einfache Monate mit Bänderriss, Hüftverletzung, Rückenproblemen" zurück. Da fängt man schon ein bisschen an zu zweifeln." Medienschelten nach seinem pomadig wirkenden Auftritt bei den Sommerspielen hätten ihm auch zugesetzt. "Ich bin zerrissen worden. Dabei habe ich nichts verbrochen, ich bin der Letzte, der auf dem Platz steht und nicht gewinnen will."

Er könne nur konsequent weiterarbeiten, das Trainingspensum erhöhen. "Die Leistungen im Training sind auch schwankend, aber besser als im Match." Den Glauben an sich selbst hat die ehemalige Nummer acht nicht völlig verloren. "Ich hab' es nicht verlernt." Von Kritikern lasse er sich seine Laufbahn nicht schlechtreden. "Ich habe doch in meiner Karriere einiges erreicht, habe das Tennis in Österreich wieder salonfähig gemacht, und ich sage immer, wenn man sich in dem, was man tut, zu den besten 30, 40, 50 der Welt zählen kann, dann ist das schon was. Dass andere sagen, ich habe mein Potenzial nie ausgeschöpft, damit kann ich gut leben." Fakt sei aber: "Die Vergangenheit gewinnt dir in der Gegenwart und in der Zukunft keine Matches."

Melzer überlegt, nach den US Open eine Pause einzulegen. Prinzipiell hat er vor, die Saison mit den Turnieren in Kuala Lumpur, Peking, Schanghai, Wien, Valencia und Paris abzuschließen. "Ich brauche Erfolgserlebnisse."

Kim Clijsters ist von diesem Druck befreit. Der britische Teenager Laura Robson beendete mit einem 7:6, 7:6 die Karriere der Belgierin, die vier Grand-Slam-Turniere (drei in New York) gewinnen konnte. Der Abschied fiel emotional aus, die 18-jährige Robson wollte nicht unbedingt jene Person sein, die den Schlussstrich zieht. "Es tut mir leid. Danke an Kim, sie war ein großes Vorbild für mich. Ich wuchs auf und sah sie immer im Fernsehen." Die 29-jährige Clijsters spendete Trost. "Es war ein großes Abenteuer, und es war es alles wert. Aber jetzt freue ich mich auf den nächsten Teil meines Lebens." (APA, red, DER STANDARD, 31.8.2012)

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