In Melzer haust ein Wurm

30. August 2012, 18:05

Bradley Klahn, der eigentlich nur seinen Verwandten bekannt ist, schlug in der ersten Runde der US Open Jürgen Melzer. Der Österreicher hat verlernt, Tennisspiele zu gewinnen: "Es ist ein Teufelskreis"

New York - Nach der wohl bittersten Niederlage seiner Karriere verspürte Jürgen Melzer überhaupt keine Lust, rasch in die Garderobe zu gehen, seine Tennistasche abzustellen, den Körper zu pflegen. "Ich bin hinten auf einem Baumstamm gesessen", sagte Melzer am späten Mittwochabend (Ortszeit) in Flushing Meadows. Da dies keine Dauerlösung sein konnte, spulte er dann doch das übliche Programm nach einem Match ab. Und sprach über das außergewöhnliche 6:4, 3:6, 5:7, 7:5, 4:6 gegen den US-Qualifikanten Bradley Klahn. Der 22-Jährige ist die Nummer 489 der Welt und hat zuvor noch kein Match in einem Hauptbewerb gewonnen.

Wie man dies jemandem erklärt, der das 3:34 Stunden dauernde Spiel nicht gesehen hat? "Er ist ohne Satzverlust durch die Quali gegangen, der kann spielen. Dass ich normal gegen ihn gewinnen muss, steht außer Frage. Einfach zu erklären ist es nicht. Im Endeffekt erklärt man es so, dass ich derzeit nicht so spiele wie eine Nummer 36 der Welt." Zahlen belegen das: Gegen Klahn schlug er nur zwei Asse, dafür unterliefen ihm neun Doppelfehler.

Der 31-jährige Melzer bedauerte sich selbst, fasste die Ratlosigkeit in Sätze: "Es ist einfach der Wurm drinnen. Man versucht die ganze Zeit, das ist das Zermürbende, herauszufinden, wie man wieder auf die Siegerstraße kommt."

Die Krise währt nun schon ein halbes Jahr. Im Februar hat er auch zur eigenen Überraschung das Turnier in Memphis gewonnen, seither hat er bei 14 Veranstaltungen (inklusive Olympia und US Open) keine zwei Matches en suite als Erster beendet. "Das ist ein Teufelskreis, in dem man sich befindet. Der Stachel sitzt jetzt schon ein bisserl tiefer."

Grundsätzlich blickt Melzer auf "nicht unbedingt einfache Monate mit Bänderriss, Hüftverletzung, Rückenproblemen" zurück. Da fängt man schon ein bisschen an zu zweifeln." Medienschelten nach seinem pomadig wirkenden Auftritt bei den Sommerspielen hätten ihm auch zugesetzt. "Ich bin zerrissen worden. Dabei habe ich nichts verbrochen, ich bin der Letzte, der auf dem Platz steht und nicht gewinnen will."

Er könne nur konsequent weiterarbeiten, das Trainingspensum erhöhen. "Die Leistungen im Training sind auch schwankend, aber besser als im Match." Den Glauben an sich selbst hat die ehemalige Nummer acht nicht völlig verloren. "Ich hab' es nicht verlernt." Von Kritikern lasse er sich seine Laufbahn nicht schlechtreden. "Ich habe doch in meiner Karriere einiges erreicht, habe das Tennis in Österreich wieder salonfähig gemacht, und ich sage immer, wenn man sich in dem, was man tut, zu den besten 30, 40, 50 der Welt zählen kann, dann ist das schon was. Dass andere sagen, ich habe mein Potenzial nie ausgeschöpft, damit kann ich gut leben." Fakt sei aber: "Die Vergangenheit gewinnt dir in der Gegenwart und in der Zukunft keine Matches."

Melzer überlegt, nach den US Open eine Pause einzulegen. Prinzipiell hat er vor, die Saison mit den Turnieren in Kuala Lumpur, Peking, Schanghai, Wien, Valencia und Paris abzuschließen. "Ich brauche Erfolgserlebnisse."

Kim Clijsters ist von diesem Druck befreit. Der britische Teenager Laura Robson beendete mit einem 7:6, 7:6 die Karriere der Belgierin, die vier Grand-Slam-Turniere (drei in New York) gewinnen konnte. Der Abschied fiel emotional aus, die 18-jährige Robson wollte nicht unbedingt jene Person sein, die den Schlussstrich zieht. "Es tut mir leid. Danke an Kim, sie war ein großes Vorbild für mich. Ich wuchs auf und sah sie immer im Fernsehen." Die 29-jährige Clijsters spendete Trost. "Es war ein großes Abenteuer, und es war es alles wert. Aber jetzt freue ich mich auf den nächsten Teil meines Lebens." (APA, red, DER STANDARD, 31.8.2012)

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25 Postings

weil der satz:
"Bradley Klahn, der eigentlich nur seinen Verwandten bekannt ist" unten kritisiert wird, also mir
gefällt der ausgesprochen gut ;-) !!

und wenn auch nur ein einziger im forum behauptet, dass er den klahn schon vorher gekannt hat - also den möcht ich sehen....

der satz beweist im gegenteil sogar das expertentum der red., nur ein experte kann wissen, "wie" unbekannt der bisher war.

na sicher

kenn ich den Kahn! das war doch dieser äußerst sympathische Bayern-Torhüter...also gegen den muss man im Tennis eigentlich schon gewinnen... ;-)

Eurosport Deutschland überträgt leider das Spiel des weithin unbekannten Paul Kohlreiber gegen einen ebenso unbekannten Franzosen, während Andy Roddick im Arthur-Ashe-Stadion spielt.

Naja, überrascht bei einem deutschen Ableger eines französischen Senders ja nicht wirklich. ;)
Die bedienen halt auch das gewünschte Zielpublikum.

Wurm komm heraus du bist umzingelt.

Melzer überbewertet

Eineinhalb Jahre über seine Verhältnisse gespielt,für mich nie ein Top 30 Spieler, maximal ein Top 100 er.
Seine jetzigen Leistungen spiegeln sein wahres Potenzial vor und nach seinem Lauf wieder. Zaudern,Hadern,Jammern,im entscheidenden Moment keinen Punch.
Schade....Talent wäre vorhanden gewesen

top100er ist wohl sehr untertrieben.

top50 war er fast immer, top40 sehr lange, top30 auch recht lange. top20 war er halt nur um die 2 jahre - jo mei...

im durchschnitt würde ich ja sagen, sein derzeitiger platz passt für die ganze karriere - rückblickend eben wie eine langjährige nr. 35, mit ausreißern nach oben und unten.

... ich glaube der Jürgen Melzer nimmt sich unsere Kritik - also jene die es auch nicht besser wissen - viel zu sehr zu Herzen. Das ist nicht unsympathisch, gleichzeitig denke ich da an die unglückselige Äußerung vom selbstverliebten Markus Rogan... so dämlich diese Aussage auch gewesen sein mag, es steckt auch ein Funken Wahrheit darin... manchmal ist das Hirn ausschalten und einfach drauf losspielen vielleicht die bessere Variante als ständig mit sich selbst zu hadern.

mit dem hirn ausschalten hat rogan ja eh recht - aber formuliert hat ers halt extrem ungeschickt - und sich trotz nachfragen, wie er das meint, noch weiter ins schlamassel geritten...

"Es ist einfach der Wurm drinnen. Man versucht die ganze Zeit, das ist das Zermürbende, herauszufinden, wie man wieder auf die Siegerstraße kommt."

Das klappt eben eher selten, denn da steht einem das Bewusstsein im Weg und man kann nie den Zustand erreichen, wo man auf Autopilot all das abrufen kann, was man drauf hat.
Irgendwann muss man aufhören, sich im Kreis zu drehen, Abstand gewinnen, seine Erwartungshaltung gegenüber sich selbst evtl zurückschrauben (neue Zielsetzung statt beispielsweise Top 20 die Top 70 halten). So gibt sich Melzer zu viel Druck und spielt ständig im roten Bereich. Ist natürlich nicht einfach, einen Schritt zurück zu machen, wenn man eigentlich vorne bleiben möchte. Schwierige Zeiten auch für seinen Coach.

"...der eigentlich nur seinen Verwandten bekannt ist..."

Ein wertschätzender Beitrag aus der Sporthochburg Österreich, wo der Sportjournalismus im internationalen Vergleich einen geringeren Stellenwert hat als Bradley Klahn in der Tenniswelt.

Dass andere sagen, ich habe mein Potenzial nie ausgeschöpft, damit kann ich gut leben.

Wie kann man mit sowas gut leben? Weniger selbstgefällige Sprüche, lieber reinackern und eine bessere Saison 2013 spielen.

Weil, wenn man sich die Kritik von jedem Deppen, der eigentlich keine Ahnung hat, und ich nehme mich da selbst nicht aus, zu Herzen nimmt, man besser gleich im Bett bleibt.

weil man weiß dass die anderen, vor allem die am gscheitesten reden, keine ahnung haben?

Ui, so ein Bandwurm ist ne fiese Sache

Der Melzer kann nicht Tennisspielen.

Na so "schlecht" Tennisspielen wie Melzer tät ich gern können...
7,6 Millionen Dollar Preisgeld sind ja schließlich auch nix, womit er sich brüsten kann - da verdient ein durchschnittlicher Supermarktkassierer ja mehr...

des wird schon wieder!

Eher nicht. Der wird, so wie der Roddick heute, eines Tages sang- und klanglos abtreten.

In Melzer haust ein Wurm

na wäh

Da ist er ja!

BUA, FÜR MI BLEIBTS DER GRÖßTE!

Also für mich bietet der JM ja eine Menge Identifikationspotential. Wenn ich ein überdurchschnittlich begabter Tennisspieler wäre, wäre ich vermutlich genau so wie er. Würde mir ständig selbst im Weg stehen und an meinen eigenen Unzulänglichkeiten scheitern.

Der Herr scheint mir halt ein bißchen ein Sensibelchen zu sein. Da dürften auch Veränderungen im Privatleben bereits ungeheure Konsequenzen für das Selbstvertrauen und die mentale Verfassung haben. Ich glaube auch, dass die ständige und teilweise berechtigte Kritik einem Typen wie JM insgeheim sehr zu schaffen macht.
Ist zwar nicht wirklich Profi-like, aber irgendwie sympathisch.

Ich mag ihn auf jeden Fall und hoffe, dass er den Turnaround nochmal schafft...

"irgendwie sympathisch"

genauso wie dein postings!

endlich mal wieder was lesenswertes zum thema melzer.

wappl*r.

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