Ostchinesisches Meer: Streit um Öl und Handelsrouten

31. August 2012, 05:30
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Konfliktforscher befürchten eine Eskalation der vielschichtigen Probleme in den Meeren vor dem chinesischen Festland

Vier Hongkonger Marinepolizisten versuchten vor einigen Tagen vergebens, die Abfahrt der 14 Aktivisten auf ihrem Fischkutter Kai Fung Nummer 2 aus dem Hafen zu stoppen. Die Patrioten hatten sich im Steuerhaus verbarrikadiert. Bevor ihr Schiff internationale Gewässer erreichte, gingen die Beamten von Bord. Sie wussten, dass die Kai Fung Kurs auf die chinesisch "Diaoyu" oder japanisch "Senkaku" genannten Inseln nahm. Als der Kutter in deren Nähe kam, konnte Japans Küstenwache nicht verhindern, dass einige Aktivisten ins Wasser sprangen, zu den Riffen schwammen und dort die Fahnen der Volksrepublik und Taiwans hissten. Dann wurden sie festgenommen. Die Wortführer kündigten an, auch künftig nach Diaoyu zu fahren, so lange, bis Tokio China die Inseln zurückgibt.

Japan erklärt die fünf unbewohnten Riffe seit seinem Seekrieg mit China 1894 zu seinem Hoheitsgebiet. Peking führt seinen Anspruch auf die Inseln auf die Ming-Dynastie (1368-1644) zurück. Der Streit hat an Schärfe gewonnen, seit im Inselgebiet Öl- und Gaslager vermutet werden.

Der Vorfall war aber nur der erste Akt. Nun waren die Japaner dran. Trotz Tokios Verbot, die Inseln zu betreten, reagierten 150 Japaner auf die "chinesische Provokation" mit einem eigenen "Inseltrip" samt Flaggen und patriotischen Parolen. In China kam es daraufhin zu Ausschreitungen in über 20 Städten.

Die Emotionen auf beiden Seiten, die beide Regierungen immer wieder geschürt hatten, haben Tokio und Peking jetzt aufgeschreckt. Sie rudern zurück. Regierungssprecher Osamu Fujimura warnte, dass ein vernünftiges Verhältnis zwischen ihnen "unverzichtbar ist für die Stabilität und den Wohlstand der asiatisch- pazifischen Region". Auch China wiegelt ab. Ausschreitungen unter dem Namen Patriotismus seien "irrational", schrieb die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Chinas Jugendzeitung meinte: "Diese Art von Patriotismus verdient kein Lob, sondern beschämt uns."

Flugzeugträger Diaoyu

Die Reaktionen waren aber nicht einheitlich: In der Parteizeitung Global Times verlangte der als Falke geltende Oberst Liu Yuan, Japan "die rote Linie" zu zeigen. China solle seinen noch namenlosen Flugzeugträger "Diaoyu" nennen, um seinen Anspruch auf die Inseln zu demonstrieren. Liu schlug vor, ein nationales Komitee einzurichten, das für die Koordination einer maritimen Strategie im Ost- und Südchinesischen Meer zuständig ist.

Vor dem kommenden 18. Parteitag der Kommunistischen Partei in Peking, bei dem das Militär hofft, mehr Einfluss auf die künftige Politik zu gewinnen, ist das kein Säbelgerassel. Der erneut aufkochende Territorialstreit zwischen China und Japan im Ostchinesischen Meer findet sein Pendant im Südchinesischen Meer. Dort ist China mit einer Reihe seiner Anrainerstaaten in Konflikt geraten. Die International Crisis Group warnte in zwei Studien unter dem Titel Brodelndes Südchinesisches Meer vor den neuen Gefahren. Alle Anrainer, die Ansprüche auf die mehr als 200 Inseln anmelden, seien dabei, militärisch aufzurüsten. Unter ihnen wachse der Nationalismus. "Ausmaß und Unbestimmtheit der chinesischen Ansprüche auf das Südchinesische Meer, zusammen mit Pekings anmaßendem Auftreten, haben viele der Beteiligten aufgeschreckt."

Zwar sei die unmittelbare Gefahr "für große Zusammenstöße gering", urteilen die Konfliktforscher. Doch könnten sich künftige Konflikte gerade an geringen Anlässen entzünden. Die Crisis Group nennt Zwischenfälle unter den Fischern und Streitigkeiten zwischen Ölsuchfirmen, die sich unter dem Schutz der jeweiligen Länder im Südchinesischen Meer tummeln. Alarmiert warnt sie: "Alle Trends in dieser Region weisen in die falsche Richtung." (Johnny Erling, DER STANDARD, 31.8.2012)

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    Vietnamesische Marinesoldaten auf den Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer auf Beobachterposten.

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    foto: standard
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